Arisch für das 21. Jahrhundert

In Norditalien fiel es mir auf, in Spanien (Andalusien) und jetzt in Portugal ebenso: Die Gesellschaft ist ethnisch gesehen extrem durchmischt. Es gibt Menschen mit schwarzen Haaren, blonden, roten, Menschen mit jeglicher Hautfarbe, alle nebeneinander. Diese verschiedenen Phänotypen sind ein Spiegel der Geschichte: In Spanien und Portugal kamen nach der indigenen Bevölkerung die Phönizier (Karthager) aus Nordafrika bzw. dem Nahen Osten, später die Römer, denen die Westgoten folgten, die wiederum von den Mauren (Arabern) abgelöst wurden. 

Migrationshintergrund haben hier, wenn man so will, so gut wie alle. Angesichts dieses Phänomens wirkt es sonderbar, wenn bei uns die extreme Rechte weiterhin über ‘Biodeutschtum’ schwadroniert. Zumal eben gerade  Germanenstämme zu den Migranten der Spätantike zählten (West-Goten, Ost-Goten, Sueben, Langobarden, Vandalen etc.).  

Das Konzept nationaler Identität auf völkischer Grundlage gehört zu den Ursünden der Menschheit. Denn dieses Konzept geht immer von eigener Überlegenheit aus bzw. Abwertung der anderen Gruppe aus. Und man wird den Gedanken nicht los, “biodeutsch” im rechten Sprachgebrauch sei so etwas wie das neue “arisch”.

Hilfreich wäre hier das römische Konzept, das extrem offen angelegt war. Hatte sich ein Volk erst unterworfen, war es zumindest für seine Eliten möglich, früher oder später das römische Bürgerrecht zu bekommen. Und seit einem Edikt des Kaisers Caracalla 212 n. Chr. waren alle Freien im Reich automatisch römische Staatsbürger. Verlangt wurde lediglich die Zustimmung zur römischen Staatsgewalt und den geltenden Gesetzen. Viele der damaligen Soldatenkaiser waren selbst in entlegenen Provinzen beheimatet, z.B. Philippus Arabs, dessen Abstammung sich in seinem Namen niedergeschlagen hat.

Auf heute übertragen: Menschen, die Deutsche werden wollen, müssen unseren Werten zustimmen, wie sie im Grundgesetz formuliert sind (z.B. Gleichberechtigung von Mann und Frau). Wichtig ist außerdem eine gemeinsame Kommunikation durch eine gemeinsame Sprache. Deshalb ist Spracherwerb konstitutiv für die Erlangung der deutschen Staatsangehörigkeit – anders als im Römischen Reich, wo die Kenntnis des Lateinischen oder Griechischen nicht vorausgesetzt wurde, was angesichts der schieren Größe des Reichs (von Großbritannien bis nach Persien) verständlich war. Nicht konstitutiv hingegen sind eine bestimmte Abstammung, Religion oder sexuelle Orientierung.

Diese riesige Integrationsaufgabe war in vergangenen Zeiten mit wesentlich weniger Mitteln zu stemmen. Heute haben die Bildungseinrichtungen daran den größten Anteil. Aber wann werden sie von der Politik endlich mit den dafür nötigen Mitteln ausgestattet?

1526

An einem Junitag im Jahr 1526 tritt der einfache Soldat João seinen Wachdienst an. Diese Woche muss er den ganzen Tag auf dem Beobachtungsturm des Castelo de S. Jorge ausharren, um etwaige feindliche Bewegungen jenseits des Tejo zu enttarnen. Als er die steilen Stufen hinaufwankt, spürt er alle Knochen im Leib. Die vergangenen Tage war seine Kompanie zu einem miserablen Job eingeteilt. Die Burgmauern wurden an mehreren Stellen verstärkt, da die neue Generation von Kanonen eine deutlich höhere Durchschlagskraft aufwies. Weil wie immer kein Geld da war (jedenfalls nicht dafür), wurden zum Entladen der Fuhrwerke, die die Steine von der Stadt hochkarrten, Soldaten eingesetzt. Die ungewohnte Arbeit hatte ihn völlig erschöpft. Mit Montur und Munition die Mauern hinauf und hinunter zu traben, war er durch den täglichen Drill gewohnt. Aber das! Einen Tag später spürte João immer noch Muskeln seines Körpers, von denen er zuvor nie gewusst hatte. In der Turmkrone brannte die Sonne bereits unerbittlich und ließ kaum schattige Flecken. João blickte ein paarmal lustlos nach allen Seiten und ließ sich dann ächzend hinter einer Zinne nieder, die die Sonne noch eine Weile abschirmen würde. Es waren nicht nur die Steine gestern. Es war auch der Wein, den sie nach der staubtrockenen Plackerei noch reichlicher als sonst genossen hatten. 

Als sich João nach ein paar Minuten wieder mühsam hochquält, starrt er wie elektrisiert auf das Geschehen unter ihm. Vor dem äußeren Mauerring spazieren und sitzen ganze Scharen von Menschen! Er hat das Horn schon am Mund, um Alarm zu geben, da fällt ihm auf, dass niemand von den Eindringen bewaffnet ist. Im Gegenteil: Sie sehen geradezu friedlich aus. Manche lachen und sind offenbar in Gespräche vertieft, andere sitzen an Tischen vor gefüllten Tellern und Bechern. João versteht die Welt nicht mehr. Was ist in diesen paar Minuten geschehen?! Als sein Blick prüfend über die Befestigungsanlagen gleitet, fällt ihm noch etwas auf: Fast alle Kanonen sind verschwunden – bis auf zwei, drei, die auf Lafetten montiert sind und hinter der Mauer stehen und so jedenfalls keineswegs zu gebrauchen sind. Jetzt ist João plötzlich wieder hoch alarmiert. Was sollen sie tun, wenn jetzt der Feind kommt? Aber jedes Kind in Lissabon weiß, dass kein Feind kommt, warum also die Panik? Joãos Blick streift über die Menschen, die so fröhlich und entspannt zusammen sind. Wie schön wäre es, wenn er jetzt mit ihnen da unten sitzen und feiern könnte, viel schöner, als hier oben Krieg zu spielen! Und wie wunderbar, wenn es immer so wäre wie in diesem Augenblick. In dem Moment, als João merkt, dass nicht sein kann, was er gerade sieht, spürt er den Stiefel des wachhabenden Offiziers in der Seite. 50 Schläge mit der flachen Schwertklinge und ein halbes Jahr Steineschleppen für die neue Mauer – die Strafe für Schlafen auf Wache.

Sage mir, wie du tippst …

Eine neue Studie hat herausgefunden, dass sich die Persönlichkeit eines Menschen ziemlich genau daraus bestimmen lässt, wie er die Tastatur beim Geldautomaten benutzt. Da gibt es zum einen den Mittelfinger-Typ: Das ist der, der immer vornedran steht (der Mittelfinger ist in der Regel auch der längste Finger), alles souverän im Griff hat und niemand neben sich duldet. Der Zeigefinger-Typ macht Dinge intuitiv und kommt immer direkt zur Sache. Dann gibt es den Zwei-Finger-Menschen: Er ist effizienzorientiert – mit zwei Fingern geht es einen Tick schneller – und ist eher für Teamlösungen aufgeschlossen, pragmatisch orientiert eben. Dann ist da noch der Typ, der wechselweise mal mit diesen, mal mit jenen Fingern tippt: ein Mensch, der immer wieder Abwechslung braucht (eine andere Lesart der Studie weist darauf hin, es handle sich dabei um besonders kreative Menschen). Bislang eher selten kommt der Daumen-Typ vor, der insbesondere bei der jüngeren Generation zu finden ist. Es handelt sich um Menschen, die (wie unschwer zu erraten ist) von klein auf im Digitalen unterwegs sind und auf dem Handy Nachrichten in Windeseile mit nur einem Finger bzw. Daumen verfassen können.

Eine eigene Gruppe repräsentieren die Folien-Menschen: sie sind extrem ängstlich und fürchten, sich mit diesem oder jenem anzustecken. Deshalb legen sie zuerst eine durchsichtige Plastikfolie über die Tastatur, bevor sie anfangen zu tippen. Seit Corona hat sich ihre Zahl mehr als verdreifacht.

Ich fand diese Studie interessant. Am interessantesten ist aber, dass es sie gar nicht gibt. Aber könnte es sie nicht sehr wohl geben? (und vielleicht gibt es sie tatsächlich – ich habe die KI nicht daraufhin befragt …) Umgekehrt gefragt: Wie sehr haben wir uns schon daran gewöhnt, dass alles, was wir tun, unter irgendeinem Blickwinkel durchleuchtet, analysiert, eingeordnet und bewertet wird?!

Spätgeborene Richter

Derzeit gibt es einen Hype um die Mitgliedsakten der NSDAP, die inzwischen digital zugänglich sind und z.B. für Abonnenten der ZEIT mit wenigen Mausklicks eingesehen werden können. “Finden Sie heraus, was Ihre Familie in der Nazi-Zeit getan hat!” Hört sich an wie ein Auftrag in einem Gesellschaftsspiel für Erwachsene. Genauso schnell geht es dann auch über die Bühne. Natürlich habe auch ich nachgesehen, ob meine beiden Großväter in der Partei waren. Meine Ahnung hat sich bestätigt. Der eine trat 1937 ein, vom anderen gibt es keinen Eintrag – er hatte zeitlebens immer behauptet, er wäre wohl auch noch abgeholt werden, hätte die Nazi-Herrschaft noch länger gedauert.

Was ist damit gewonnen? Lassen sich Schuld und Verantwortung so einfach feststellen? Ich bin extrem allergisch gegen schnelle Schuldzuweisungen, die in die Vergangenheit reichen und einen selbst nicht betreffen. Wie immer, wenn auf andere gezeigt wird, müssten drei Finger auf einen selbst weisen. Und wofür künftige Generationen uns einmal anklagen werden, wage ich mir gar nicht erst auszumalen.

Im Zweifelsfall sollte man immer davon ausgehen, dass die Menschen damals nicht besser und nicht schlechter waren als heute. Es gibt immer viele Uninteressierte, die das große Ganze nicht juckt, Hauptsache, es stimmt für sie selbst. Es gibt immer die Mitläufer, die sich zurechtlegen, warum man bei manchen Dingen besser mitmacht. Und es gibt die Täter, die planen oder Untaten ausführen. Nicht zu vergessen diejenigen, die passiv oder aktiv Widerstand leisten.

Martin Niemöller, Pastor und Chef der Bewegung “Bekennende Kirche”, die die Gleichschaltung der kirchlichen Strukturen durch die Nazis ablehnte, saß von 1937 bis 1945 als persönlicher Gefangener Adolf Hitlers im KZ Dachau. Als er nach dem Krieg zusammen mit seiner Frau dort zu Besuch ist, liest er auf der Gedenktafel im Krematorium, hier seien zwischen 1933 und 1945 die Leichen von fast einer Viertelmillion Menschen verbrannt worden. Doch statt sich selbst freizusprechen trifft es ihn wie ein Schlag: Wo warst du zwischen 1933 und 1937?
Menschen, die ein derart feines ethisches Bewusstsein haben, sind selten. Die meisten schaffen es ganz gut, sich die wirklich unangenehmen Fragen vom Hals zu halten. Sie sollten es dann aber auch lassen, mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Tierische Veränderungen

Wir haben neue Nachbarn. Sie sind zwei Häuser weiter eingezogen. Ein jüngeres Ehepaar mit Hund. Der kleine Kläffer trieb meiner Frau gleich Sorgenfalten auf die Stirn. Würde er eines Tages in unseren Garten einbrechen und unserer Katze den Garaus machen, so wie ein Jagdhund den letzten unserer Hasen erlegt hatte? Unsere Katze ist seit fast sechs Jahren tot. Ganz so neu können die neuen Nachbarn folglich nicht sein. Doch Nachbarn, die auf der Straße nur widerwillig und mit halb abgewandtem Gesicht grüßen, bleiben gefühlt immer neu. 

Neulich war ich mit dem Rad auf dem Feld unterwegs. Von fern sah ich zwei Männer, die einander zugewandt standen und offensichtlich in ein lebhaftes Gespräch verwickelt waren. Der jüngere von beiden lachte auf eine Bemerkung des älteren hin. Im Vorüberfahren erkannte ich unseren neuen Nachbarn in ihm. Merkwürdig, wie er hier so ganz anders sein konnte. Was wohl der Grund dafür sein mochte? Dann sah ich es. Zu ihren Füßen spielten zwei Hunde.

Schrei nach Gerechtigkeit

Nicht nur einen König, sondern gleich mehrere hat Giovanni di Pietro Faloppi auf sein Riesenfresko in der Kathedrale San Petronio in Bologna gebracht. Wenig mehr als 30 Jahre zählend bekam der Künstler, der nach seinem Heimatort Giovanni da Modena genannt wurde, den anspruchsvollen und reizvollen Auftrag anvertraut, eine Seitenkapelle in der kurz zuvor begonnenen Basilika auszumalen. Das private Auftragswerk folgte den Wünschen des Stifters Bartolomeo Bolognini, der nach seinem Tod 1410 hier begraben wurde. Paradies und Hölle sollten möglichst realistisch dargestellt sein, so die Vorgabe. Man muss es dem Künstler lassen: Er hat den Auftrag erfüllt …

In der oberen Hälfte sitzen in mehreren Bankreihen Engel und Heilige auf zwei Seiten verteilt einander gegenüber. Zwischen ihnen wird Maria von Christus, dem Sohn gekrönt – unter gütiger Aufsicht durch Gottvater, der über beiden schwebt. Gäbe es die Krönungsszene nicht, man möchte fast an eine Vorlesung an der Universität denken, zumal viele Personen mit Büchern auf den Knien dasitzen. Eine ruhige, streng symmetrisch aufgebaute Szene, die einer gewissen Langweiligkeit nicht entbehrt.

Ganz anders geht es im unteren Teil des Freskos zu: Dynamik pur! Ein riesiges, grau-blaues Monsterwesen im Zentrum verschlingt gerade einen Verdammten und scheidet einen anderen durch den Anus aus. Überall sind dämonische Kreaturen am Werk, die die armen Seelen in pervertierter Kreativität auf mannigfaltige Weise schinden und peinigen. Hinter der mitunter sadistisch anmutenden Darstellung dürfte nicht nur die dunkle menschliche Seite mit ihrer Lust am Quälen stehen, sondern mindestens genauso die Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Wesentlich stärker als heute war der damalige Mensch, insbesondere wenn er nicht dem Adel oder Klerus angehörte, der Willkür von Instanzen und Mächtigen ausgeliefert, ohne Aussicht, dagegen vorgehen und sich Recht verschaffen zu können. Hier, auf diesem Bild in einer Kirche, konnte man sehen, wie es denen einst ergehen würde, die im Leben das Recht anderer mit Füßen traten.

Auch wenn die Verdammten alle nackt dargestellt sind, wurden einige doch mit Accessoires ausgestattet, die auf ihre Rolle in ihrem Erdenleben hinweisen. Und da sind sie nun: Um einen Dämon herum gruppieren sich mit aufgerissenen Mündern mehrere Personen mit Kronen oder Hauben: Unter den Verdammten sind auch Könige und Leute anderer politischer Ämter anzutreffen! Doch damit nicht genug. Zwischen zwei abgemagerten Gestalten versteckt sich ein Kopf mit einer Bischofsmütze. Daneben wird einem Unglücklichen ein Auge mit einem langen Dorn durchbohrt. Auf seinem Kopf sitzt ein roter Kardinalshut. Sogar Kleriker bis in die höchsten Ränge sind unter den Verdammten zu finden! Der Mythos vom Endgericht, der auf eine Rede Jesu (Matthäusevangelium Kap. 25) zurückgeht, ist vom Künstler als Instrument der Kritik an kirchlich-politischen Zuständen seiner Zeit inszeniert worden. Ganz unten links im Eck sitzt übrigens eine Gestalt mit einem gelb-blonden Schopf und … nein, ich glaube, das war eine optische Täuschung.

Von der Vorstellung aus, im Jenseits würden die irdischen Verhältnisse gründlich durcheinandergeworfen ohne jegliche Rücksicht auf Würde und Titel, ist es nicht mehr allzu weit bis zur Frage, warum dies nicht schon im Diesseits geschehen sollte …

A5 Sonnenaufgang

Die ramponierte Rückwand
des LKW
schimmert plötzlich goldhell

gratia praeveniens
nannten es die Theologen
zuvorkommende Gnade
sehr zuvorkommend vom Höchsten

Das Leben
ist immer noch schön

Aktualisiere dein Passwort!

Wer meinen Blog verfolgt, wird festgestellt haben, dass ich mich schon eine Weile nicht mehr über die Bahn ausgelassen habe. Was beileibe nicht daran liegt, dass selbige neuerdings weniger Verspätungen hätte. Ich fahre einfach nicht mehr Bahn. Nicht aus Enttäuschung oder Wut über die zahlreichen Treuebrüche, die ich während der vergangenen Jahre zähneknirschend hinnehmen musste –  dafür ist mein ökologisches Ethos zu stark. Nein, die Verbindungen sind aktuell leider ganz und gar inkompatibel zu meinen Arbeitszeiten. So muss ich bis auf weiteres das Auto nehmen.

Dieser Tage war ich dann aber doch mal wieder auf der DB-Seite. Nachdem ich auch das Deutschlandticket gekündigt habe (zum Sponsor reicht es dann doch nicht), muss ich auch im Nahverkehr jede Fahrt buchen. Irgendetwas habe ich dabei wohl versemmelt, denn plötzlich musste ich ein neues Passwort eingeben. Zwölf Buchstaben oder mehr müssen es sein – geht’s noch?! Wer soll sich das denn merken?! Und dann mindestens einen Großbuchstaben, eine Zahl sowie ein Sonderzeichen! Und vielleicht auch noch monatlich erneuern?! Was wollen die eigentlich noch alles von mir?! Sollen doch selber erstmal liefern! DieBahnnervthoch3!

Das Ding

Er sah das Ding von der Kloschüssel aus. Zwischen Duschkabine und Mülleimer saß es auf dem Boden. Ein handtellergroßer Körper mit langen, schwarzbepelzten Beinen. Fast wäre ihm ein Schrei entfahren. Wäre seine Frau da gewesen, ihr Schrei hätte die gesamte Nachbarschaft zusammengerufen. Ein Exemplar dieser Größe hatte er weder im Haus noch irgendwo sonst je gesehen. Nur in einer Dokumentation im Fernsehen. Sie seien nicht giftig, hatte es da geheißen, der Biss könne allerdings äußerst schmerzhaft sein. Er konnte die Beißwerkzeuge erkennen und war überzeugt. Die Spinne rührte sich nicht.

Was sollte er tun? Kleinere Exemplare hatte seine Frau schon mal eingesaugt, aber dieses hier passte unmöglich durch den Schlauch des Staubsaugers. Am Ende würde es noch Amok laufen. Oder sich irgendwo verstecken, wo er nicht hinkam, und dann bei nächster Gelegenheit wieder auftauchen. Am besten, wenn seine Frau allein zuhause war. Also was tun? Mit dem Schlappen kräftig zuschlagen? Wer weiß, ob er schnell genug war und die Monsterspinne ihn dann nicht attackieren würde. Außerdem hatte er diese Sauerei schon immer verabscheut.

Ganz langsam erhob er sich und schlich auf Zehenspitzen zur Tür, den Blick ununterbrochen auf die Spinne gerichtet. Sie rührte sich nicht. Erleichtert zog er die Tür hinter sich zu. Nun konnte er in Ruhe überlegen, wie er das Vieh loswurde. Normalerweise stülpte er über Spinnen und ähnliches Getier ein Glas, schob eine Karte darunter und trug sie in den Garten. Doch in diesem Fall hätte das Glas noch nicht einmal den Körper abgedeckt. Er ging in die Küche und holte einen mittelgroßen Topf aus dem Schrank. Damit konnte er sie einfangen. Aber wie wegbringen? Er zog die Schublade mit den Backformen auf. Das dünne, runde Blech, mit dem man einen Kuchen vom Boden der Backform schob, würde es tun. Mit dem Topf in der einen und dem Blech in der anderen Hand ging er zum Bad zurück. Sein Herz klopfte. Was, wenn sie inzwischen direkt hinter der Tür saß?

Lautlos öffnet er die Tür einen Spalt. Sie saß immer noch an Ort und Stelle. Am Ende lebte sie gar nicht mehr. Aber es konnte nicht sein: Er hatte schon oft beobachtet, dass Spinnen im Tod die Beine dicht an den Körper zogen. Er ging hinunter in die Hocke und bewegte sich langsam vorwärts, bereit, jederzeit einen Satz rückwärts zu machen. Seine Brille begann langsam aber sicher die schweißnasse Nase hinabzurutschen. Über der Spinne senkte er den Topf im Zeitlupentempo ab, die letzten Zentimeter dann blitzschnell. Es knallte auf den Fliesen. Keine Geräusche von innen. Entweder war das Tier nicht besonders aktiv oder immun gegen Gefahren. Er hob den Topf an einem der Henkel einen winzigen Spalt an, gerade so weit, dass das Blech darunter passte. Es kratzte auf dem Boden, als es unter dem Topfrand verschwand. Er spürte, wie aus seinen Achseln Schweißtropfen den Körper hinabliefen.

Behutsam hob er Topf und Blech an einer Seite an und schob seine Hand darunter. Die andere drückte den Topf von oben gegen das Blech. Seine Oberschenkelmuskeln zitterten, als er sich in die Höhe drückte. Die Terrassentür öffnete er mit dem Ellbogen. Topf und Blech stellte er auf den Rasen. Dann holte er einen Besenstiel aus der Garage. Aus sicherer Entfernung fuhr er damit unter einen der Henkel und hob den Topf langsam an, bis er umkippte. In diesem Moment merkte er, dass er einen Fehler gemacht hatte: der Topf war so gefallen, dass seine offene Seite von ihm weg zeigte. Er konnte von seiner Position aus nicht sehen, ob die Spinne nun endlich aus ihrer Lethargie erwachte und wohin sie krabbelte. Er würde erst einmal zurück ins Bad gehen und die Klospülung betätigen, was er zuvor im Schreck vergessen hatte.

Erleichtert schloss er die Terrassentür hinter sich. Ein gutes Gefühl, sich wieder unbeschwert in der Wohnung bewegen zu können. Im Bad drückte er auf die Spültaste. Als er sich umdrehte, fiel sein Blick auf den Spalt zwischen Dusche und Mülleimer. Er erstarrte mitten in der Bewegung . Etwas Großes, Schwarzes mit pelzigen Beinen saß da.

An diesem Tag merkte er, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Irgendein Ding hatte sich bei ihm eingenistet.

Café Jungbrunnen

Im altehrwürdigen Traditions-Café
der Stadt
sehen
die 60-Jährigen
wie Studentinnen aus

neben den 90-Jährigen