KI und DB (3)

Von einer meiner zahlreichen Odysseen mit der Deutschen Bahn habe ich ausführlich berichtet. Nun saß ich dem naiven Glauben auf, ich könne eine Entschädigung für die von mir auch für andere Fahrgäste verauslagte Taxifahrt erhalten. Brav schrieb ich an die Bahn, ach, im wesentlichen schickte ich den Text aus meinem Blog (zugegeben, einen polemischen Satz über die DB ließ ich aus strategischen Gründen weg). Nach mehreren Wochen erhielt ich folgende Antwort:
“Hallo, Herr Sowieso, vielen Dank für die Zusendung Ihrer Anfrage zu Ihrer Reise von B. nach Amsterdam Centraal. Gern kümmern wir uns so schnell wie möglich um Ihr Anliegen.”
Dass ich als Inhaber eines Deutschlandtickets in der täglichen Berufspendelei unterwegs gewesen war, war offensichtlich untergegangen. Kann vorkommen, beim Textverständnis hapert’s ja bei vielen. Ich solle die Daten meiner damals geplanten Reise nachreichen.

Ich antwortete und fasste den Sachverhalt vereinfacht zusammen:
“Im Schienenersatzverkehr zwischen Rastatt und Karlsruhe war der Bus kaputtgegangen und auf offener Strecke liegengeblieben. Ersatz war nicht in Sicht, da der Fahrer nur spanisch sprach und sich nicht verständigen konnte. Eine Gruppe von 7 Personen machte sich dann mit einem Taxi auf den Weg nach Karlsruhe Hbf. Dabei befanden sich zwei Holländerinnen, die auf diese Weise gerade noch den letzten Zug des Tages nach Amsterdam erreichten, sowie eine Schweizerin, die ebenfalls schon mehrere Stunden verspätet war und nach Köln musste. Ich habe das Taxi bestellt und die Kosten für alle übernommen – es ging am Ende ja um wenige Minuten! Angesichts dieser außergewöhnlichen Situation finde ich es angemessen, dass Sie mir meine Auslagen in Höhe von 25,90 EUR erstatten. Das Ganze war leider wieder einmal kein Glanztag für die DB.”

Drei Wochen später kam heute die Antwort an:
“Hallo, Herr Sowieso, vielen Dank für die Zusendung Ihrer Anfrage zu Ihrer Reise von B. nach Amsterdam Centraal. Gern kümmern wir uns so schnell wie möglich um Ihr Anliegen.” 

Seitdem kreist mein Denken um zwei Alternativen: Ist die KI der Bahn so doof oder sind es ihre Sachbearbeiter? Ich nehme wohlwollend erstes an und stelle zum wiederholten Male fest: Es war auch kein Glanztag für die KI.

Da oben auf dem Schreiben eine Telefonnummer angegeben ist, werde ich nun anrufen. Ich bin gespannt, ob ich in der Warteschleife genauso lang unterwegs sein werde wie mit den chronisch verspäteten Zügen der DB…

Abendzauber

Wo bisher
die triste Fabrikhalle stand
leuchtet
zwanzig nach neun
das schönste
Bauwerk der Stadt

KI und DB (2)

36% der Fernverkehrszüge der DB kamen 2023 mit Verspätung ans Ziel. Im Nahverkehr sollen immerhin etwa 90% der Züge pünktlich sein, was bei der Bahn heißt: mit einer Verspätung von max. 6 Minuten. Ehrlich gesagt traue ich dieser Statistik nicht: zum einen aufgrund eigener Wahrnehmung, zum anderen aus der logischen Annahme heraus, dass die verspäteten Fernzüge ihre Verspätung normalerweise an die untergeordneten Züge weitergeben – mit Zuschlag, versteht sich. Es wäre schön, diese These einmal von der hochgelobten KI überprüfen zu lassen. Für die müsste das doch ein Klacks sein, oder? 

Bei unseren Schweizer Nachbarn war die Bahn im vergangenen Jahr übrigens zu 92,5% pünktlich – dort gelten Züge sogar schon ab 3 min. als verspätet. Auch hier könnte eine KI eine Statistik erstellen, die einen seriösen Vergleich BRD – CH zulässt. Allerdings: Das Ergebnis kann ich mir auch ohne KI schon vorstellen …

P.S. Eine Leserin meines Blogs diagnostizierte bei mir im letzten Winter eine gewisse Obsession, weil es überwiegend ums Thema DB ging. Für einen Berufspendler, der täglich drei bis vier Stunden mit dem ÖPNV unterwegs ist (ohne Verspätungen!), hat das Thema allerdings naturgemäß eine gewisse Relevanz. 

Wo sind all die (alten) Männer hin?

Man sieht sie in Italien, Spanien, Griechenland, in der Türkei sowieso: alte Männer, die auf öffentlichen Plätzen zusammenkommen, um zu trinken, zu rauchen, zu spielen und natürlich zu reden.

Warum gibt es das bei uns nicht? Liegt es an den Temperaturen? Ist unsere Gesellschaft weniger patriarchalisch geprägt, so dass (alte) Männer eher bei ihren Frauen bleiben, als mit ihren Geschlechtsgenossen den Tag zu verbringen? Oder gilt es auch im Alter noch als ehrenrührig, in der Öffentlichkeit zu zeigen, dass man am helllichten Tage nichts zu tun hat?

Was bleibt von uns?

Vor etwa 1200 Jahren, im 9. Jahrhundert, hat er gelebt: Otfried von Weißenburg (heute Wissembourg). Das Hauptwerk des Mönchs und Gelehrten aus karolingischer Zeit: eine Synthese der vier biblischen Evangelien (sogen. Evangelienharmonie). Tatian, ein syrischer Christ, hatte bereits im 2. Jahrhundert die kanonischen Evangelien zusammengefasst. Otfried tat es ihm nach, in pädagogischer Absicht und deshalb in der damaligen Volkssprache, im südrheinfränkischen Dialekt. In mehr als 7000 Zeilen auf Pergament erzählt er die Geschichte Jesu in Endreimen nach – Germanisten bezeichnen ihn als den Vater dieser bis heute beherrschenden Versform. Vier zeitgenössische Handschriften seines Werks sind heute noch erhalten – eine davon möglicherweise mit Kommentaren von seiner eigenen Hand.

Was wird von unserer Zeit in 1200 Jahren noch erhalten sein? Bücher? Gedanken in Clouds? Neue virtuelle Welten, in denen Wissen kommuniziert wird ist?
Oder werden die Zeugen der Vergangenheit anders aussehen? Der Plastikmüll in den Meeren? Strahlende Abfälle im Boden? Gähnende Kavernen im Globus, so groß wie Länder, die einst mit Erdöl gefüllt waren?

Restitution

Was ist das für ein roter Sand,
den ich am Morgen draußen fand?
Aus ferner Wüste, übers Meer,
trug ihn der Wind nach Deutschland her.
Im Klartext: Der Sahara-Staub
ist neo-kolonialer Raub.
Drum Schaufel, Besen rasch gezückt,
der Sand wird jetzt zurückgeschickt.

Überschätzt

Der Hype um ChatGPT hält an. Doch m.E. wird das neue Wunderinstrument maßlos überschätzt. Sicher wird es in einigen Bereichen eine wichtige Rolle spielen, so wie der Computer nicht mehr wegzudenken ist aus dem täglichen Leben. Letztlich ist ChatGPT ja nichts anderes als ein programmierter Computer, der über übermenschliche Kombinationsmöglichkeiten verfügt. Ja, ChatGPT wird z.B. in der medizinischen Diagnostik zu besseren Ergebnissen kommen und auch auch andere Prozesse optimieren. Aber da, wo die Menschheit wirklich Input von außen nötig hätte, weil sie selbst nicht auf Lösungen kommt, enttäuscht auch die Wundermaschine.

Frage: “Wie kann der Krieg zwischen Russland und der Ukraine beendet werden?”
ChatGPT: “Die Beendigung des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine erfordert eine umfassende diplomatische Lösung, die auf Verhandlungen, Dialog und Kompromissen basiert. Es ist wichtig, dass alle beteiligten Parteien bereit sind, aufeinander zuzugehen und friedliche Lösungen anzustreben. Internationale Vermittlung und Unterstützung können ebenfalls dazu beitragen, den Friedensprozess zu fördern. Es ist entscheidend, dass alle Seiten den Willen zeigen, auf Gewalt zu verzichten und gemeinsam an einer nachhaltigen Lösung zu arbeiten.”

Ja, schön, das wusste ich vorher auch schon. – Die wirklich wichtigen Fragen bleiben auch mit ChatGPT offen. Schade. Nein: gut so! Wo kämen wir hin, wenn künftig Maschinen die entscheidenden Fragen im Leben beantworteten?

Gut gemeint

Im Bus:
“Möchten Sie sich setzen?”
“Nein, danke. 72, aber noch gesund.”

Das letzte große Abenteuer

Als ich zum Bahnhof komme, hat mein Zug bereits reichlich Verspätung. Den Gesprächen der Mitreisenden zufolge soll es auf der Strecke nach K. eine Baustelle geben und Schienenersatzverkehr. Keine Durchsage am Bahnsteig. Die Informationen im DB Navigator sind uneindeutig und wechseln ständig. Endlich fährt mit mehr als halbstündiger Verspätung der Zug ein und wird von einer frustrierten Menschenmenge gestürmt. Auf der Fahrt dann die überfällige Information, dass der Zug in R. endet und Ersatzverkehr eingerichtet ist. Inzwischen bin ich Pate einer älteren Schweizerin geworden, die mit einem schweren Koffer auf dem Weg nach Köln ist und völlig entnervt von den bisherigen Strapazen das deutsche Bahnwesen sehr unschweizerisch mit diversen Schimpfwörtern belegt. Nach einigem Suchen finden wir den Platz, wo der Bus abfährt, besser: abfahren soll. Denn wieder ist Warten angesagt. Nach einer Weile machen sich die ersten Fahrgäste wieder auf den Weg zu den Gleisen – angeblich geht bald ein Zug. Ich traue den Angaben längst nicht mehr und habe lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Irgendwann fährt tatsächlich der Bus vor und alle finden Platz. In meiner Vorstellung geht es nun schnell nach K. – der Zug hält bis dahin schließlich auch nicht. Doch der Bus gondelt in aller Seelenruhe durch sämtliche Dörfer auf dem Weg. Nach beinahe einer Stunde kommen die ersten Hochhäuser in Sicht – wir haben die Stadt erreicht, denke ich, es handelt sich nur noch um Minuten. Der Bus bleibt stehen. Passiert im Feierabendverkehr. Er steht noch immer. Raunen unter den Passagieren: “Der Bus ist kaputt.” Echt jetzt? Das glaube ich nicht. Aber er steht wirklich – in einer Kurve auf dem Zubringer zur Bundesstraße! In der Stadt sind wir übrigens immer noch nicht, wir stehen direkt am Ortsschild von E. – noch sechs Kilometer bis zum Bahnhof. Inzwischen ist der Fahrer ausgestiegen und telefoniert über sein Handy. Der Bus ist kaputt. Einige fangen an zu lachen – die Situation ist so unwirklich! Die ersten Fahrgäste steigen aus und machen sich vom Acker. 17 Minuten Fußweg bis zur nächsten S-Bahn-Station (falls die fährt!). Ich denke an den Koffer meiner Schweizerin und verwerfe diese Strategie augenblicklich. “Können Sie nicht mal eine Durchsage machen?”, spreche ich den Busfahrer an. “Ich nur spanisch”, antwortet der mir. An dieser Stelle gleite ich in eine surreale Welt hinüber. Immerhin schießt mir noch der Gedanke durch den Kopf, ich könnte ein Taxi rufen. Wer sich jetzt noch auf die Bahn verlässt, ist verlassen. “Um 18 Uhr geht der letzte Zug heute nach Amsterdam”, schalten sich besorgt zwei Holländerinnen ein, die auf der Rückreise sind. Ich versuche zu retten, was vom Ruf des deutschen Verkehrswesen noch übrig ist, und wähle die erstbeste Nummer. “Aber bitte kommen Sie mit einem großen Auto, hier fahren noch mehr mit.” Das Taxi trifft kurz darauf ein, wir quetschen uns zu siebt hinein – sogar der große Koffer der Schweizerin findet noch Platz. Wenige Minuten später sind wir am Bahnhof. Nach den gemeinsam bestandenen Abenteuern fällt der Abschied der Reisegruppe beinahe schon schwer. Ich strecke das Geld für die Taxifahrt vor. Ob ich es von der Bahn wiederbekomme? Mir bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken – ich muss schauen, ob meine S-Bahn fährt; noch bin ich nicht daheim. Immerhin erreichen die beiden Holländerinnen gerade noch ihren Zug. An Bord ist auch die Schweizerin samt Koffer, die mindestens fünf Stunden später als geplant bei ihrer Zwillingsschwester in Köln ankommen wird.