Was bleibt von uns?

Vor etwa 1200 Jahren, im 9. Jahrhundert, hat er gelebt: Otfried von Weißenburg (heute Wissembourg). Das Hauptwerk des Mönchs und Gelehrten aus karolingischer Zeit: eine Synthese der vier biblischen Evangelien (sogen. Evangelienharmonie). Tatian, ein syrischer Christ, hatte bereits im 2. Jahrhundert die kanonischen Evangelien zusammengefasst. Otfried tat es ihm nach, in pädagogischer Absicht und deshalb in der damaligen Volkssprache, im südrheinfränkischen Dialekt. In mehr als 7000 Zeilen auf Pergament erzählt er die Geschichte Jesu in Endreimen nach – Germanisten bezeichnen ihn als den Vater dieser bis heute beherrschenden Versform. Vier zeitgenössische Handschriften seines Werks sind heute noch erhalten – eine davon möglicherweise mit Kommentaren von seiner eigenen Hand.

Was wird von unserer Zeit in 1200 Jahren noch erhalten sein? Bücher? Gedanken in Clouds? Neue virtuelle Welten, in denen Wissen kommuniziert wird ist?
Oder werden die Zeugen der Vergangenheit anders aussehen? Der Plastikmüll in den Meeren? Strahlende Abfälle im Boden? Gähnende Kavernen im Globus, so groß wie Länder, die einst mit Erdöl gefüllt waren?

Restitution

Was ist das für ein roter Sand,
den ich am Morgen draußen fand?
Aus ferner Wüste, übers Meer,
trug ihn der Wind nach Deutschland her.
Im Klartext: Der Sahara-Staub
ist neo-kolonialer Raub.
Drum Schaufel, Besen rasch gezückt,
der Sand wird jetzt zurückgeschickt.

Überschätzt

Der Hype um ChatGPT hält an. Doch m.E. wird das neue Wunderinstrument maßlos überschätzt. Sicher wird es in einigen Bereichen eine wichtige Rolle spielen, so wie der Computer nicht mehr wegzudenken ist aus dem täglichen Leben. Letztlich ist ChatGPT ja nichts anderes als ein programmierter Computer, der über übermenschliche Kombinationsmöglichkeiten verfügt. Ja, ChatGPT wird z.B. in der medizinischen Diagnostik zu besseren Ergebnissen kommen und auch auch andere Prozesse optimieren. Aber da, wo die Menschheit wirklich Input von außen nötig hätte, weil sie selbst nicht auf Lösungen kommt, enttäuscht auch die Wundermaschine.

Frage: “Wie kann der Krieg zwischen Russland und der Ukraine beendet werden?”
ChatGPT: “Die Beendigung des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine erfordert eine umfassende diplomatische Lösung, die auf Verhandlungen, Dialog und Kompromissen basiert. Es ist wichtig, dass alle beteiligten Parteien bereit sind, aufeinander zuzugehen und friedliche Lösungen anzustreben. Internationale Vermittlung und Unterstützung können ebenfalls dazu beitragen, den Friedensprozess zu fördern. Es ist entscheidend, dass alle Seiten den Willen zeigen, auf Gewalt zu verzichten und gemeinsam an einer nachhaltigen Lösung zu arbeiten.”

Ja, schön, das wusste ich vorher auch schon. – Die wirklich wichtigen Fragen bleiben auch mit ChatGPT offen. Schade. Nein: gut so! Wo kämen wir hin, wenn künftig Maschinen die entscheidenden Fragen im Leben beantworteten?

Gut gemeint

Im Bus:
“Möchten Sie sich setzen?”
“Nein, danke. 72, aber noch gesund.”

Das letzte große Abenteuer

Als ich zum Bahnhof komme, hat mein Zug bereits reichlich Verspätung. Den Gesprächen der Mitreisenden zufolge soll es auf der Strecke nach K. eine Baustelle geben und Schienenersatzverkehr. Keine Durchsage am Bahnsteig. Die Informationen im DB Navigator sind uneindeutig und wechseln ständig. Endlich fährt mit mehr als halbstündiger Verspätung der Zug ein und wird von einer frustrierten Menschenmenge gestürmt. Auf der Fahrt dann die überfällige Information, dass der Zug in R. endet und Ersatzverkehr eingerichtet ist. Inzwischen bin ich Pate einer älteren Schweizerin geworden, die mit einem schweren Koffer auf dem Weg nach Köln ist und völlig entnervt von den bisherigen Strapazen das deutsche Bahnwesen sehr unschweizerisch mit diversen Schimpfwörtern belegt. Nach einigem Suchen finden wir den Platz, wo der Bus abfährt, besser: abfahren soll. Denn wieder ist Warten angesagt. Nach einer Weile machen sich die ersten Fahrgäste wieder auf den Weg zu den Gleisen – angeblich geht bald ein Zug. Ich traue den Angaben längst nicht mehr und habe lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Irgendwann fährt tatsächlich der Bus vor und alle finden Platz. In meiner Vorstellung geht es nun schnell nach K. – der Zug hält bis dahin schließlich auch nicht. Doch der Bus gondelt in aller Seelenruhe durch sämtliche Dörfer auf dem Weg. Nach beinahe einer Stunde kommen die ersten Hochhäuser in Sicht – wir haben die Stadt erreicht, denke ich, es handelt sich nur noch um Minuten. Der Bus bleibt stehen. Passiert im Feierabendverkehr. Er steht noch immer. Raunen unter den Passagieren: “Der Bus ist kaputt.” Echt jetzt? Das glaube ich nicht. Aber er steht wirklich – in einer Kurve auf dem Zubringer zur Bundesstraße! In der Stadt sind wir übrigens immer noch nicht, wir stehen direkt am Ortsschild von E. – noch sechs Kilometer bis zum Bahnhof. Inzwischen ist der Fahrer ausgestiegen und telefoniert über sein Handy. Der Bus ist kaputt. Einige fangen an zu lachen – die Situation ist so unwirklich! Die ersten Fahrgäste steigen aus und machen sich vom Acker. 17 Minuten Fußweg bis zur nächsten S-Bahn-Station (falls die fährt!). Ich denke an den Koffer meiner Schweizerin und verwerfe diese Strategie augenblicklich. “Können Sie nicht mal eine Durchsage machen?”, spreche ich den Busfahrer an. “Ich nur spanisch”, antwortet der mir. An dieser Stelle gleite ich in eine surreale Welt hinüber. Immerhin schießt mir noch der Gedanke durch den Kopf, ich könnte ein Taxi rufen. Wer sich jetzt noch auf die Bahn verlässt, ist verlassen. “Um 18 Uhr geht der letzte Zug heute nach Amsterdam”, schalten sich besorgt zwei Holländerinnen ein, die auf der Rückreise sind. Ich versuche zu retten, was vom Ruf des deutschen Verkehrswesen noch übrig ist, und wähle die erstbeste Nummer. “Aber bitte kommen Sie mit einem großen Auto, hier fahren noch mehr mit.” Das Taxi trifft kurz darauf ein, wir quetschen uns zu siebt hinein – sogar der große Koffer der Schweizerin findet noch Platz. Wenige Minuten später sind wir am Bahnhof. Nach den gemeinsam bestandenen Abenteuern fällt der Abschied der Reisegruppe beinahe schon schwer. Ich strecke das Geld für die Taxifahrt vor. Ob ich es von der Bahn wiederbekomme? Mir bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken – ich muss schauen, ob meine S-Bahn fährt; noch bin ich nicht daheim. Immerhin erreichen die beiden Holländerinnen gerade noch ihren Zug. An Bord ist auch die Schweizerin samt Koffer, die mindestens fünf Stunden später als geplant bei ihrer Zwillingsschwester in Köln ankommen wird.

Was KI alles kann

Die Entwicklung der KI schreitet rasant voran. Inzwischen sind ihre Fähigkeiten in Bereiche vorgedrungen, die menschlichen Wesen bislang verschlossen blieben …

Morgens im verspäteten Zug. Der nächste Halt wird für 7.22 Uhr durchgesagt. Auf meiner Uhr ist es 7.32 Uhr. Ich war ehrlich gesagt nicht kreativ genug, mir vorzustellen, die KI würde das Verspätungsproblem der Bahn dadurch lösen, dass sie die Zeit zurückdreht. Man darf gespannt sein, welches Wunder sie als nächstes vollbringt.

Baumanbeter

In der Bahnhofshalle vor dem riesigen Pflanztrog mit dem Olivenbaum steht ein Mann, das Gesicht zum Stamm gewendet, gestikuliert mit ausladenden Bewegungen und bewegt den Kopf hin und her.
Eine neuartige Baumreligion? Ein neuheidnisches Frühlingsritual?

Im Vorbeigehen sehe ich das Tablet am Fuße des Stamms. Auf dem Display gestikuliert eine Frau mit wilden Bewegungen – ebenso lautlos wie ihr Gegenüber.

War es Gebärdensprache, in der sich die beiden unterhielten? Wenn ja, dann jedenfalls ein sehr extrovertierter Dialekt …

Blicke

Manche unterwegs
sehen mich an
als wüssten sie
oder
als wüsste ich
oder
als wüssten wir beide
dass wir
nichts wissen

Der Boykott

Eine neblige Januarnacht auf einem Abstellgleis des Berliner Hauptbahnhofs. Ein Mann erklimmt den Führerstand einer Lok, öffnet die Tür zur Kabine. Im Halbdunkel ein Schatten. Gedämpfte Unterhaltung, dann: ein Handschlag. Weselsky zieht einen Flachmann aus der Manteltasche und reicht ihn Bahnchef Lutz.

Sie werden Verständnis dafür haben, dass ich die Quelle meiner Informationen nicht nennen kann. Doch wer zwei und zwei zusammenzählt, kommt auch von allein darauf, dass die gegenseitigen Schuldzuweisungen von Bahn und GDL im letzten Streik nur Theater waren. Denn was nach jener Januarnacht der Bevölkerung als grimmiger Arbeitskampf verkauft wurde, ist in Wahrheit eine von beiden Seiten höchst geschickt eingefädelte Aktion, deren Sinn keineswegs darin bestand, Gehaltserhöhungen durchzusetzen oder zu verhindern. Was dann, fragen Sie? Ein Ablenkungsmanöver. Die Idee dahinter: Man muss die Situation für die Bahnreisenden nur noch weiter verschärfen, dann sind sie eher bereit, sich mit der Normalsituation abzufinden. Denn wer damit klarkommen muss, dass überhaupt kein Zug mehr fährt (und selbst Notfahrpläne nicht eingehalten werden!), wird eher bereit sein, den normalen Bahnschlamassel zu tolerieren.

(Wer die Logik einer solchen Ablenkungsstrategie begriffen hat, entdeckt sie übrigens auch in anderen Zusammenhängen: Ist es nicht bemerkenswert, wie die Altparteien, ob mit aktueller oder vergangener Regierungsverantwortung, es schaffen, mit ihrem gesammelten Frontalangriff auf die geistigen Tiefflieger von rechts von den Defiziten ihrer eigenen Politik abzulenken?)

Ich träume derweil von einem Bahnboykott. Wie damals, 1955 in Montgomery, Alabama, als die schwarze Bevölkerung die öffentlichen Busbetriebe boykottierte. Ein ganzes Jahr lang, bis die Stadtverwaltung die Rassentrennung in Bussen aufhob. 

Der Bahnboykott 2024 in Deutschland. Eigentlich ist alles ganz normal: Die Züge schaukeln wie immer mehr oder weniger verspätet oder gar nicht durch’s Land, und doch ist etwas anders: Alles ist leer. Tag für Tag fahren Geisterzüge hin und her. Bis schließlich der Moment kommt, wo Bahnvorstände, Gewerkschafter und Politiker zum Krisengipfel zusammenströmen. Es ist eine Bahnhofshalle, in der sich alle Beteiligten treffen. Die elektrischen Türen sind leider defekt, so dass niemand mehr den Raum verlassen kann. Außer Betrieb ist derzeit dummerweise auch die einzige Toilette. Was dazu führt, dass der deutsche Bahnboykott kein ganzes Jahr dauert. Wider Erwarten werden die längst überfälligen Reformen zügig (!) auf’s Gleis gesetzt. Und den Politikern wird auferlegt, für ihre Dienstfahrten fürderhin die Bahn zu nutzen – damit Entgleisungen des Managements künftig der Vergangenheit angehören.