Der letzte Zug

“Ich hatte für das letzte Stück eigentlich keinen Sonderzug bestellt.” Nach einer langen Bahnfahrt, wie üblich mit vollen Zügen, von denen jeder zweite verspätet war, steige ich am späten Abend in den letzten Zug ein. Noch eine halbe Stunde, dann bin ich daheim. Das Großraumabteil ist leer, die Luft angenehm klimatisiert. Ich glaube schon, der einzige Fahrgast zu sein, da betritt ein Mann meines Alters das Abteil. “O, für die letzten zehn Minuten noch was ganz Besonderes”, bemerkt er fröhlich, als er die leeren Sitze sieht. “Ich habe noch zehn Minuten mehr”, sage ich. Der Zug setzt sich mit wenigen Minuten Verspätung in Bewegung. Es gibt sogar genügend Licht, so dass ich mein Buch vielleicht noch zu Ende lesen kann. Der andere Reisende verabschiedet sich und steigt aus. Zwei Tage später wird eine kurze Notiz in der Zeitung erscheinen, dass ein 60-Jähriger auf dem Heimweg von einer Reise auf der Straße tot zusammengebrochen ist.

Fast lautlos gleitet der Zug meinem Zielort entgegen. Es ist nicht mehr weit. Ich packe mein Buch ein – das letzte Kapitel fehlt noch – und gehe zum Ausgang, wo ein Zugbegleiter steht. “Ich hatte für das letzte Stück eigentlich keinen Sonderzug bestellt.” Der Mann sieht, meinem Blick ausweichend, auf seine Schuhe, deren rissiges schwarzes Leder sich von seinen dunkelblauen Hosenbeinen abhebt. Er murmelt etwas vor sich hin. Der Zug bremst, kommt zum Halten. Ich will zur Tür. “Wir sind noch nicht da.” Nun hat er doch gesprochen. “Es ist noch Zeit.” Der Satz klingt unerwartet schwer in meinen Ohren. “Die letzte Fahrt heute?” frage ich, um meine aufkommende Unsicherheit zu verbergen. Er nickt und mustert erneut seine Schuhe. Der Zug ist wieder angefahren. Zwei, drei Minuten stehen wir schweigend. Ich halte mich an der Stange an der Decke. Das Abteil hinter mir ist leer. Als sei da nie jemand gewesen. Dann steht der Zug. Der grüne Kreis an der Tür beginnt zu blinken. Ich will gerade darauf drücken, da rollt die Tür schon auf. Eine laue Sommernacht empfängt mich.

Mehr, als du denkst

Beim Überholen auf der Autobahn
fällt mir immer auf
wie viele hinterm Steuer
am Handy hängen

Es müssen mehr Schutzengel unterwegs sein
als man vermuten würde

Überfordert

Vermeide bei den hohen Temperaturen Anstrengung. Am besten bleibst du drinnen.

Du solltest darauf achten, dass dein Mineralwasser genügend Calcium enthält.

Du glaubst, dein E-Auto sei besser für die Umwelt als ein Verbrenner? Und was geschieht mit den alten Batterien?

Es gibt Studien, wonach Kohlehydrate schlimmer als Fett sind.

Wenn du im Alter noch körperlich fit sein willst, musst du zwei- bis dreimal pro Woche Sport machen.

Bist du dir sicher, dass der Stein für’s Grab deiner Mutter ohne Kinderarbeit gefertigt wurde?

Weißt du eigentlich, dass du mit deiner Sprache die Hälfte der Menschheit ausgrenzt?

Müsstest du deine Ölheizung nicht verschrotten und dir eine Wärmepumpe einbauen lassen?

Hast du eine Ahnung, zu welchen Hungerlöhnen Bauern in Ghana den Kakao für deine Schokolade produzieren?

Willst du wirklich das chinesische Auto kaufen – bei deren Umgang mit den Menschenrechten?

Hast du beim Einkauf darauf geachtet, dass dein Gemüse aus der Region kommt?

Weißt du, wie stark das Grundwasser angegriffen wird, wenn du bei dieser Hitze den Rasen sprengst?

Meinst du, Fliegen sei ethisch vertretbar, wenn du eine CO2-Abgabe entrichtest?

Hast du schon mal in deiner Mülltonne nachgesehen, wie viel Plastikmüll in deinem Haushalt anfällt?

Deine Altkleider in der Sammlung ruinieren die afrikanische Textilindustrie.

Eine gute Demenzprophylaxe ist Auswendiglernen. Am besten fängst du gleich mit diesem Text an.

Weißt du, wie viel lebenswichtige Luft du deinen Mitmenschen mit jedem Atemzug wegnimmst?

WER KOMMT DA NOCH AUS DEM BETT?!

P.S. Seitenschläfer riskieren eine dauerhafte Schädigung der Halswirbelsäule. Dagegen hilft das millionenfach bewährte Nackenkissen SleepyJoe.

Als noch richtig Sommer war

Ich sitze auf dem Rad
bei 42 Grad.
Statt Fahrtwind bläst ein Föhn,
wie ist die Wüste schön.
Nach Hause schaff ich’s knapp
und steig als Dörrfleisch ab.
Kauf Burnus mir und Schal,
der Look ist piepegal.

Die Ex

“Meine Ex-Freundin”, sagt er, und der Klang seiner Stimme lässt mich den Kopf wenden. Er sitzt in der Straßenbahn auf der anderen Seite vom Gang. “Meine Ex-Freundin”, sagt er, und ich vergesse sofort, was seine Ex gesagt oder getan hat. Denn der Ex-Freund, der sich nun anschickt, auszusteigen, zählt maximal 11 Lenze.

Sommer-Blödsinn

Erst wenn die letzte Grillwurst verspeist,
der letzte Sonnenbrand verheilt,
die letzte Pflanze verdorrt
und der letzte Urlaubsstau überlebt ist,
werdet ihr feststellen,
dass nur Sommer auch nichts wär.

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Bei fünfunddreißig Grad fang ich zu frösteln an.
Bei fünfunddreißig Grad da find ich’s ziemlich klamm.
Bei acht- und neununddreißig, da seh ich wieder Land.
Bei vierzig Grad da fühl ich mich wie ein Fisch im … Sand.

Der Heilige Antonius und die Predigt vor den Fischköpfen

Antonius von Padua (13. Jahrhundert) gehört zu den populärsten Heiligen Italiens und ist als gebürtiger Lissabonner gleichzeitig der Nationalheilige Portugals. Viele Legenden sind von ihm überliefert, u.a. die von seiner Predigt vor den Fischen. Als sich die Leute in Rimini – – viele von ihnen gehörten zur häretischen Bewegung der Katharer – dem berühmten Prediger verschlossen, ging Antonius an den Fluss Marecchia, der dort ins Meer mündet. Und siehe, prompt versammelte sich ein Heer von Fischen, das seiner Predigt andächtig lauschte, so dass die Riminesen am Ende doch noch reumütig erschienen und sich bekehrten.
Hier eine zeitgenössische Adaption …

In Rimini erfuhr Verdruss
der Heilige Antonius.
Strömt andernorts das Volk in Scharen,
das Predigtwunder zu erfahren,
so bleiben hier die Plätze leer.
Das liegt dem Frater ziemlich quer.
Er ruft zum Volk: “Ihr könnt mich mal,
ich geh hinaus an den Kanal.”

Er kommt zum Fluss Marecchia,
im Nu ist die Gemeinde da.
Ein Fischkopf, zwei, dann drei und vier,
schon wimmelt es von ihnen hier.
In Massen sieht man sie sich drängen,
die jetzt an seinen Lippen hängen.

“Zwei Liegen, Schirm für 40 Kröten,
bei diesen Preisen hilft nur beten.
Ich sag euch: Hier läuft was verkehrt.
Wird Zeit, dass sich der Ort bekehrt.”

Der Jubel braust minutenlang,
den Riminesen wird es bang.
Sie kommen kleinlaut angekrochen
und haben Besserung versprochen.
Geplant zur nächsten Strandsaison
sind Liegen, Schirme aus Beton.


„Fischköpfe“ ist eine spöttische Bezeichnung für Norddeutsche, die heute schon auch mal augenzwinkernd als Selbstbezeichnung verwendet wird.
Und die Preise in den Badeanstalten an Adria und Riviera erzeugen in diesem Jahr erheblichen Verdruss – bei Einheimischen und Touristen.

Handy ausführen

Anrührend, wie viele Leute ihr Handy ausführen
zärtlich halten sie das geliebte Stück in der Hand
drücken sich mit dem Ohr daran
streichen mit den Fingern über seine Haut
berühren es mit ihren Lippen

Doch warum
braucht es dazu
Hund
oder
Kinderwagen?

Bessere Hälfte

Mit beinah‘ tausend ka-em-ha
bin ich bequem und blitzschnell da.
Doch steig ich aus dem Vogel aus,
kommt eine Hälfte nur heraus.
Die andre hat, wie es mir scheint,
das Reisetempo glatt verneint.
Nach einer Woche vor der Tür
steht Hälfte zwei: “Jetzt bin ich hier.”
Seitdem bewegt mich, es ist klar,
was nun die bess’re Hälfte war.