Santiago schirmt mit der Hand die kalte Morgensonne ab. Der Riss von etwa fünf Handbreit beginnt oben links in der Mauerkrone und verläuft gezackt hinunter bis zum Fuß der Wand. Er versucht sich die Maße einzuprägen, was angesichts des Trubels um ihn herum alles andere als einfach ist. Kommandos gellen über den Hof, gleich neben ihm haben sich Kameraden in Reihe aufgestellt und reichen unter Zurufen Wassereimer weiter, die am Brunnen eilends gefüllt wurden. Im Küchenflügel ist Feuer ausgebrochen, der Brand muss unter Kontrolle gebracht werden, bevor die Flammen auf die ganze Festung übergreifen. Vor wenigen Minuten hat die Erde plötzlich angefangen zu beben. Santiago macht sich gerade für die Allerheiligen-Messe fertig, da schwankt der Boden unter ihm. Er lässt alles stehen und liegen und stürzt mit anderen in den Hof. Dort, wo sonst in Reih und Glied exerziert wird, ist nun ein wilder Haufen zusammengelaufen. Einige rufen lauthals São Vicente an, andere sitzen mit versteinertem Blick auf der Erde. Noch immer bebt alles, und Santiago verliert immer wieder das Gleichgewicht. Plötzlich bricht neben ihm der Boden auf, eine Spalte, breit wie ein Mann, tut sich auf. Entsetzt rettet sich Santiago mit einem Satz zur Seite. Wo soll er hin? Da endlich hört das Beben auf. Auf einmal ein ohrenbetäubendes Splittern und Krachen. Das Dach des alten, baufälligen Flügels ist eingestürzt. Bis im letzten Jahr waren dort noch die Kammern der Rekruten. Eine Staubwolke steigt über dem Hof auf. Dann ist es vorbei. Santiago atmet auf. Sie sind noch glimpflich davon gekommen, der harte Fels, auf dem die Festung steht, hat sie geschützt. Wie es daheim in Lissabon sein wird? Vielleicht ist das Erdbeben bis dahin gar nicht gekommen, versucht er sich zu trösten.
Die Uniform weiß vom Staub, tritt der Comandante aus der Wolke hervor und deutet auf Santiago. Ein Trupp soll die Mauern auf Risse überprüfen soll. Je zwei und zwei schwärmen sie aus. “Comandante, da ist etwas mit dem Meer.” Santiago ist gerade dabei, nach weiteren Rissen Ausschau zu halten, als von der Mauer oben eine Stimme schallt. Der Wachsoldat, der seinen Posten während des Bebens offensichtlich nicht verlassen hat, fuchtelt mit den Armen. “Du Trottel”, brüllt der Comandante von unten, “soll das vielleicht eine präzise Meldung sein?” “Comandante”, die Stimme von oben überschlägt sich, “der Jüngste Tag kommt! Heiliger Antonius, hilf uns …” Der Comandante zieht eine Grimasse und eilt die Stufen hinauf. Santiago schüttelt den Kopf. Vielleicht ist der Kamerad jetzt durchgedreht. Hier, am „Ende der Welt”, wie sie es nennen, braucht es dazu beileibe kein Erdbeben. Von drei Seiten nur Wasser, und ein Wind, der in seiner Heimat Sturm genannt wird. Aber wenn er die zwei Jahre Dienst hinter sich hat, kann er mit dem zusätzlichen Sold für sich, Beatriz und die kleine Flor ein Häuschen am Stadtrand von Lissabon kaufen. In ein paar Wochen ist Weihnachten, dann wird er endlich seinen einzigen Heimaturlaub … panisch schellt jetzt die Glocke vom Turm. Wer soll sie in diesem Moment schon angreifen? Erstens steht die Festung auf 60 Meter hohen Klippen und ist komplett … Und da hört Santiago ein Geräusch hinter sich, als stünde er mitten in der Brandung. Er fährt herum, da bricht der Jüngste Tag über ihn herein.
Mühsam öffnet er die dreckverkrusteten Augen. Sein ganzer Körper fühlt sich zerschlagen an und ist von Schlamm bedeckt, um ihn herum eine dreckige Brühe, gesplittertes Holz, Fässer und Kisten, ein Arm ragt aus dem Schlamm. Mühsam richtet sich Santiago auf. Eben noch stand er im Hof der Festung, jetzt ist es bis zum Tor vielleicht einen halben Kilometer. Ein rot-brauner Lindwurm zieht sich von dort bis zu ihm her. Santiago weiß nicht, was geschehen ist. Er weiß nur, er wird São João Nepomuceno dafür eine Kapelle stiften, dass dieser Tag für ihn nicht das Ende der Welt war.
Wäre Santiago eine historische Person, hätte er seine Familie vielleicht nicht mehr gesehen. Durch das Erdbeben, den Tsunami und die Feuersbrunst kamen u.a. in Lissabon Tausende von Menschen ums Leben. Näher am Epizentrum des Bebens befand sich allerdings Santiago, der auf der Fortaleza de Sagres Dienst tat, am südwestlichsten Zipfel Europas. Der Tsunami, der bereits 15 Minuten nach dem schweren Seebeben eintraf, das sich ca. 200 km südwestlich davon ereignet hatte, soll sogar das Fort auf den 60 Meter hohen Klippen überspült und schwer beschädigt haben.