Sommer-Blödsinn

Erst wenn die letzte Grillwurst verspeist,
der letzte Sonnenbrand verheilt,
die letzte Pflanze verdorrt
und der letzte Urlaubsstau überlebt ist,
werdet ihr feststellen,
dass nur Sommer auch nichts wär.

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Bei fünfunddreißig Grad fang ich zu frösteln an.
Bei fünfunddreißig Grad da find ich’s ziemlich klamm.
Bei acht- und neununddreißig, da seh ich wieder Land.
Bei vierzig Grad da fühl ich mich wie ein Fisch im … Sand.

Der Heilige Antonius und die Predigt vor den Fischköpfen

Antonius von Padua (13. Jahrhundert) gehört zu den populärsten Heiligen Italiens und ist als gebürtiger Lissabonner gleichzeitig der Nationalheilige Portugals. Viele Legenden sind von ihm überliefert, u.a. die von seiner Predigt vor den Fischen. Als sich die Leute in Rimini – – viele von ihnen gehörten zur häretischen Bewegung der Katharer – dem berühmten Prediger verschlossen, ging Antonius an den Fluss Marecchia, der dort ins Meer mündet. Und siehe, prompt versammelte sich ein Heer von Fischen, das seiner Predigt andächtig lauschte, so dass die Riminesen am Ende doch noch reumütig erschienen und sich bekehrten.
Hier eine zeitgenössische Adaption …

In Rimini erfuhr Verdruss
der Heilige Antonius.
Strömt andernorts das Volk in Scharen,
das Predigtwunder zu erfahren,
so bleiben hier die Plätze leer.
Das liegt dem Frater ziemlich quer.
Er ruft zum Volk: “Ihr könnt mich mal,
ich geh hinaus an den Kanal.”

Er kommt zum Fluss Marecchia,
im Nu ist die Gemeinde da.
Ein Fischkopf, zwei, dann drei und vier,
schon wimmelt es von ihnen hier.
In Massen sieht man sie sich drängen,
die jetzt an seinen Lippen hängen.

“Zwei Liegen, Schirm für 40 Kröten,
bei diesen Preisen hilft nur beten.
Ich sag euch: Hier läuft was verkehrt.
Wird Zeit, dass sich der Ort bekehrt.”

Der Jubel braust minutenlang,
den Riminesen wird es bang.
Sie kommen kleinlaut angekrochen
und haben Besserung versprochen.
Geplant zur nächsten Strandsaison
sind Liegen, Schirme aus Beton.


„Fischköpfe“ ist eine spöttische Bezeichnung für Norddeutsche, die heute schon auch mal augenzwinkernd als Selbstbezeichnung verwendet wird.
Und die Preise in den Badeanstalten an Adria und Riviera erzeugen in diesem Jahr erheblichen Verdruss – bei Einheimischen und Touristen.

Handy ausführen

Verblüffend, wie viele Leute ihr Handy ausführen
zärtlich halten sie das geliebte Stück in der Hand
drücken sich mit dem Ohr daran
streichen mit den Fingern über seine Haut
berühren es mit ihren Lippen

Doch warum
braucht es dazu
Hund
oder
Kinderwagen?

Bessere Hälfte

Mit beinah‘ tausend ka-em-ha
bin ich bequem und blitzschnell da.
Doch steig ich aus dem Vogel aus,
kommt eine Hälfte nur heraus.
Die andre hat, wie es mir scheint,
das Reisetempo glatt verneint.
Nach einer Woche vor der Tür
steht Hälfte zwei: “Jetzt bin ich hier.”
Seitdem bewegt mich, es ist klar,
was nun die bess’re Hälfte war.

Über die Bedeutsamkeit der Herkunft eines Fahrradhelms

“Sie wissen, dass nur dieser Helm nicht in China hergestellt wird?” Gerade ist sie beinahe auf meinen Fahrradhelm gefallen, der neben mir liegt. Die Straßenbahn ist mit einem Ruck angefahren, die ältere Dame hat ihren Platz in der 4er-Gruppe noch nicht eingenommen. Jetzt sitzt sie mir schräg gegenüber und lächelt mich an. Ich bin etwas irritiert über ihre ungebetene Auskunft zur Herkunft meines Helms. Weißes Haar, gepflegtes Aussehen, legere, eher hochpreisige Kleidung. Ich schätze sie auf etwa 75. Intellektuell, esoterisch-alternativ, müsste ich sie irgendwo einordnen. Drei Stationen später steht sie auf, dreht sich nochmal um: “Gute Fahrt mit dem deutschen Helm!”

1522

Sie sind an den Fluss gezogen, um Helden einen Empfang zu bereiten. Doch als der Landungssteg ausgelegt ist, schlurfen traurige Gespenster von Bord. Der erste Stadtpfeifer blickt fragend zum Bürgermeister, dessen Blick entsetzt an den ausgemergelten Gestalten hängt, die barfuß, mit Lumpen am Leib, den festen Boden von Sevilla betreten. Vor drei Jahren und 29 Tagen sind fünf Schiffe mit 234 Seeleuten mit Geläut und Musik hinausgefahren. Und nun ist einzig die Victoria an diesem 8. September 1522 zurückgekehrt. Als sie vor zwei Tagen in Sanlúcar de Barrameda angelegt hat, dauerte es noch zwei Tage, das Schiff den Guadalquivir hinaufzuziehen. Doch ist die Kunde dem Schiff vorausgeeilt: Sie haben es geschafft! Sie haben die Passage nach Westen gefunden und als erste die Welt umsegelt! Doch der Sieg ist teuer erkauft worden: 18 Mann nur sind zurückgekehrt.  

Die Hungergestalten wanken an der Ehrendelegation vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Der Bürgermeister, der in seiner Jugend selbst zur See gefahren ist, nickt. Er weiß, wohin einen richtigen Seefahrer der erste Weg führt, sobald er festen Boden unter den Füßen hat. Dem ersten der Männer hängt ein verblichener roter Fetzen am Arm: die einstmals rote Kapitänsbinde. Ein anderer trägt sie als drei Jahre zuvor: Auch Fernando Magellan ist irgendwo da draußen geblieben. Später wird man erfahren, was mit ihm geschehen ist und mit all den anderen, über die er das Kommando hatte. Auf ewig wird er, der Portugiese, der Held sein, der Spanien aus der Zwickmühle befreit hat, in die es der Papst gebracht hatte, als er die Welt in zwei Machtbereiche aufgeteilt hatte. Für die Portugiesen den östlichen Teil mit der Passage um Afrika zu den Gewürzinseln, den westlichen Teil für Spanien. Zwar war für die spanische Krone im Sonnenuntergang inzwischen eine neue Welt in Besitz genommen worden, die auch ihre Schätze verhieß. Aber den Weg von Westen zu den lukrativen Märkten in Fernost hatte immer noch niemand gefunden. Aber nun! Und wer immer noch zweifelte, würde sich mit der Ladung an Gewürzen überzeugen lassen, die im Bauch der Victoria darauf wartete, gelöscht zu werden.

Die Menge tritt zur Seite, um das Häuflein der Überlebenden durchzulassen. Als sie an der Kathedrale angekommen sind, öffnet ihnen ein Kuttenträger das Portal. Vor dem Bild der Muttergottes von Antigua, der Schutzpatronin der Seefahrer, so wird man sich später erzählen, haben sie gebetet. Von lautem Schluchzen seien ihre Worte immer wieder unterbrochen worden. Auch bei denen, die davon hören, bleibt kein Auge trocken. Bis dahin ist so manches durchgesickert, was die Überlebenden alles mitgemacht haben. Männer in ihren besten Jahren sind in See gestochen, zahnlose Greise sind von Bord gegangen.

Erst als sich das Portal öffnet und sie mit erhobenen Armen herauskommen, bricht der Jubel los. Die Pfeifer warten noch immer auf ihren Einsatz. 

Feet-bad

Stimmen nach der Besichtigung des Alcazar (Königspalasts) in Sevilla

“Meine Füße sind total im Eimer – ich hätte doch andere Schuhe anziehen sollen.”
“Wir hatten nicht die optimalste Führerin – die hat ja so schlecht Deutsch gesprochen.”
“Wie ich diese Selfie-Typen hasse!”
“Ich werde immer ganz ehrfürchtig, wenn ich solche Bauwerke besichtige. Was die damals alles konnten!”
“Haben die muslimischen Handwerker wirklich heimlich ‘Es gibt keinen Sieger außer Allah’ über den Eingang zum christlichen Palast gesetzt?”
“So viele Leute!”
“Mein Freund hat voll rumgestresst, der wollte schon nach zwanzig Minuten wieder raus.”
“Das Geld für den Bau haben sie den kleinen Leuten weggenommen.”
“Wie immer ’ne riesige Schlange vor’m Frauenklo.”
“Wie lang werden die für ein einziges Fries gebraucht haben?!”
“Ohne die Großen und Mächtigen hätte es keine große Kunst gegeben.”
“Wieviel nehmen die hier pro Tag wohl ein?”
“Der Mensch hat seit jeher eine Schwäche für Schönheit.”
“Wenn die christlichen Spanier nach der Reconquista muslimische Baumeister beschäftigt haben, kann das Verhältnis der Religionen so schlecht nicht gewesen sein.”
“Wo waren damals eigentlich die Klos?”
“Wo sind die Klos?!”
“Ich möchte mal wissen, wie viel Sklavenarbeit hier drinsteckt.”
“Ich kann mir die ganzen Namen und Jahreszahlen sowieso nicht merken.”

1443

Maria spürt, wie ihr Handy in der Gesäßtasche vibriert. Die ganze Zeit wartet sie schon darauf, dass Alice ihr schreibt, was Francisco nach der Schule so macht. Sie tritt hinter eine Säule, wo Frau Pereira sie nicht sehen kann. „Direkt nach Hause“ liest sie. Mehr nicht. Jedenfalls gibt es keine andere, mit der er etwas am Laufen hat. Also, sie wäre ja … „Leute, jetzt reißt euch mal zusammen!“ Die schneidende Stimme von Frau Pereira füllt den kleinen Raum: „Ich weiß, ihr wollt alle viel lieber zum Strand, aber etwas Kultur vorher muss schon sein. Sonst können wir das als schulische Veranstaltung abhaken.“ Unlustig drücken sich alle herum. Frau Pereira hat sie in irgendein Museum mit Sklaven geschleppt. Angeblich ist das für ihre geschichtliche Bildung wichtig. Jetzt lässt sie vor jeder Vitrine einen halben Roman ab. Ob die eigentlich merkt, dass ihr niemand zuhört? „Maria, gerade für dich ist das hier doch eine wichtige Sache. Immerhin geht es um deine Vorfahren.“ Am liebsten würde Maria ihr einen Stinkefinger entgegenstrecken. Nur weil sie schwarz ist, muss sie das hier noch lange nicht interessieren. Vielleicht waren ja die Vorfahren von Fernanda und Gabriela Sklavenhändler – die könnte es genauso angehen! Da sind die Lehrer immer so stolz darauf, auf keinen Fall rassistisch zu sein, und am Ende läuft es doch wieder darauf hinaus, nur anders. „An diesem Ort wurden 1443 zum ersten Mal Menschen aus Afrika verkauft. Nicht nach Brasilien und nicht nach Nordamerika – das war damals noch gar nicht entdeckt. Hier in Portugal wurden sie als billige Arbeitskräfte verkauft. Aber viele starben schon auf dem Weg hierher. Auf der Müllhalde vor der Stadt …“ Sogar Francisco ist so einer. Vor seinen Freunden hat er damit angegeben, dass er wahrscheinlich bald was mit einer Schwarzen hätte. Hat ihr Alice gesteckt. Was für eine Kacke! Kann der sie nicht einfach mögen, weil sie Maria ist?! „… wurden die Familien voneinander getrennt. Mütter warfen sich auf den Boden, schlugen um sich und schrien, Kinder heulten nach ihren Eltern, manche stimmten die Gesänge ihres Volkes an, wieder andere ertrugen mit stolzer Miene ihr Schicksal.“ Für einen Moment sieht Maria sie draußen auf dem Platz: mehr als 200 Menschen in Ketten, herausgerissen aus ihrem bisherigen Leben und aus ihren Familien. Und was dann kam? Was für eine Welt war das eigentlich?! Während Frau Pereira davon redet, dass es praktisch schon immer Sklavenhandel gegeben hat, Griechen und Römer Sklaven hatten und im Mittelalter vor allem die slawischen Völker versklavt wurden, hat Maria das kleine Mädchen vor Augen, das nach seiner Mutter schreit und strampelt und wild um sich schlägt, als ein weißer Mann kommt und es am Arm fortzieht. Als Maria mit drei Jahren von Angola nach Portugal gekommen ist, hat sie am Anfang immer geschrieen, wenn ihr Weiße zu nahe kamen. Ihre Eltern finden das bis heute witzig. „Der Sklavenhandel zwischen Europa und der Neuen Welt findet überwiegend schon in der Neuzeit statt“, führt Frau Pereira weiter aus. „Seit wann übrigens spricht man von Neuzeit?“ Typisch Lehrer, sich selbst Fragen zu stellen. „Ab etwa 1500. Das Welt- und Menschenbild hat sich damals grundlegend verändert. Der Mensch ist stärker ins Zentrum gerückt.“ Maria lacht höhnisch. Der Mensch?! Der weiße Mensch! Wie können die von Neuzeit reden, solange Menschen von Menschen gekauft wurden?! Ihr Handy vibriert wieder.

In Lagos an der Algarve (Portugal) begann 1443 der europäische Sklavenhandel der Neuzeit.

1755

Santiago schirmt mit der Hand die kalte Morgensonne ab. Der Riss von etwa fünf Handbreit beginnt oben links in der Mauerkrone und verläuft gezackt hinunter bis zum Fuß der Wand. Er versucht sich die Maße einzuprägen, was angesichts des Trubels um ihn herum alles andere als einfach ist. Kommandos gellen über den Hof, gleich neben ihm haben sich Kameraden in Reihe aufgestellt und reichen unter Zurufen Wassereimer weiter, die am Brunnen eilends gefüllt wurden. Im Küchenflügel ist Feuer ausgebrochen, der Brand muss unter Kontrolle gebracht werden, bevor die Flammen auf die ganze Festung übergreifen. Vor wenigen Minuten hat die Erde plötzlich angefangen zu beben. Santiago macht sich gerade für die Allerheiligen-Messe fertig, da schwankt der Boden unter ihm. Er lässt alles stehen und liegen und stürzt mit anderen in den Hof. Dort, wo sonst in Reih und Glied exerziert wird, ist nun ein wilder Haufen zusammengelaufen. Einige rufen lauthals São Vicente an, andere sitzen mit versteinertem Blick auf der Erde. Noch immer bebt alles, und Santiago verliert immer wieder das Gleichgewicht. Plötzlich bricht neben ihm der Boden auf, eine Spalte, breit wie ein Mann, tut sich auf. Entsetzt rettet sich Santiago mit einem Satz zur Seite. Wo soll er hin? Da endlich hört das Beben auf. Auf einmal ein ohrenbetäubendes Splittern und Krachen. Das Dach des alten, baufälligen Flügels ist eingestürzt. Bis im letzten Jahr waren dort noch die Kammern der Rekruten. Eine Staubwolke steigt über dem Hof auf. Dann ist es vorbei. Santiago atmet auf. Sie sind noch glimpflich davon gekommen, der harte Fels, auf dem die Festung steht, hat sie geschützt. Wie es daheim in Lissabon sein wird? Vielleicht ist das Erdbeben bis dahin gar nicht gekommen, versucht er sich zu trösten.

Die Uniform weiß vom Staub, tritt der Comandante aus der Wolke hervor und deutet auf Santiago. Ein Trupp soll die Mauern auf Risse überprüfen soll. Je zwei und zwei schwärmen sie aus. “Comandante, da ist etwas mit dem Meer.” Santiago ist gerade dabei, nach weiteren Rissen Ausschau zu halten, als von der Mauer oben eine Stimme schallt. Der Wachsoldat, der seinen Posten während des Bebens offensichtlich nicht verlassen hat, fuchtelt mit den Armen. “Du Trottel”, brüllt der Comandante von unten, “soll das vielleicht eine präzise Meldung sein?” “Comandante”, die Stimme von oben überschlägt sich, “der Jüngste Tag kommt! Heiliger Antonius, hilf uns …” Der Comandante zieht eine Grimasse und eilt die Stufen hinauf. Santiago schüttelt den Kopf. Vielleicht ist der Kamerad jetzt durchgedreht. Hier, am „Ende der Welt”, wie sie es nennen, braucht es dazu beileibe kein Erdbeben. Von drei Seiten nur Wasser, und ein Wind, der in seiner Heimat Sturm genannt wird. Aber wenn er die zwei Jahre Dienst hinter sich hat, kann er mit dem zusätzlichen Sold für sich, Beatriz und die kleine Flor ein Häuschen am Stadtrand von Lissabon kaufen. In ein paar Wochen ist Weihnachten, dann wird er endlich seinen einzigen Heimaturlaub … panisch schellt jetzt die Glocke vom Turm. Wer soll sie in diesem Moment schon angreifen? Erstens steht die Festung auf 60 Meter hohen Klippen und ist komplett … Und da hört Santiago ein Geräusch hinter sich, als stünde er mitten in der Brandung. Er fährt herum, da bricht der Jüngste Tag über ihn herein.

Mühsam öffnet er die dreckverkrusteten Augen. Sein ganzer Körper fühlt sich zerschlagen an und ist von Schlamm bedeckt, um ihn herum eine dreckige Brühe, gesplittertes Holz, Fässer und Kisten, ein Arm ragt aus dem Schlamm. Mühsam richtet sich Santiago auf. Eben noch stand er im Hof der Festung, jetzt ist es bis zum Tor vielleicht einen halben Kilometer. Ein rot-brauner Lindwurm zieht sich von dort bis zu ihm her. Santiago weiß nicht, was geschehen ist. Er weiß nur, er wird São João Nepomuceno dafür eine Kapelle stiften, dass dieser Tag für ihn nicht das Ende der Welt war.

Wäre Santiago eine historische Person, hätte er seine Familie vielleicht nicht mehr gesehen. Durch das Erdbeben, den Tsunami und die Feuersbrunst kamen u.a. in Lissabon Tausende von Menschen ums Leben. Näher am Epizentrum des Bebens befand sich allerdings Santiago, der auf der Fortaleza de Sagres Dienst tat, am südwestlichsten Zipfel Europas. Der Tsunami, der bereits 15 Minuten nach dem schweren Seebeben eintraf, das sich ca. 200 km südwestlich davon ereignet hatte, soll sogar das Fort auf den 60 Meter hohen Klippen überspült und schwer beschädigt haben.

Die Hitz‘

“Jesus, trag den Müll weg!” Die beste Ehefrau von allen sieht den perplexen Ausdruck auf meinem Gesicht. “Hast du’s nicht gehört?” “Was gehört?” “Jesus, trag den Müll weg!” Hat der Guten die Hitze schon so zugesetzt, dass sie halluziniert? “Das kam gerade im Lied.” “Im Leben nicht!” Wir hängen in einer portugiesischen Bar – draußen treffen sich Tejo und Atlantik, unter den Sonnenschirmen treffen sich tropische Hitze und Mitteleuropäer, die sich vor wenigen Tagen noch im Wintermodus befanden. “Hör mal genau hin, vielleicht kommt’s nochmal.” Aus den Lautsprechern, die uns mit mehr Dezibel als nötig beschallen, dröhnt englischer Text. Englisch! Langsam mache ich mir ernsthaft Sorgen. Ungewohnte Hitze belastet den Kreislauf und kann zu Durchblutungsstörungen im Gehirn führen. Man hört dann Dinge, die es gar nicht gibt. Jetzt höre ich’s auch. “Jesus, trag den Müll weg!”
Und während ich versuche, den Textzusammenhang herauszuhören, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Natürlich, es ist eine Anspielung auf eine Szene im apokryphen Kindheitsevangelium des Thomas (dort stehen u.a. ziemlich schlimme Stories über den kleinen Jesus, der andere kleine Jungs tot umfallen lässt etc.). Maria ist es leid, dass sich die Männer wie immer vor der Hausarbeit drücken, und ruft: “Jesus, trag den Müll weg!” Und Jesus … weigert sich! Das göttliche Kind macht einen auf bockig, aber nur, um dadurch um so mehr seine Göttlichkeit zu demonstrieren: Es lässt schnurstracks eine Flut kommen, die den Müll von ganz Nazareth wegspült. Und alle staunen über seine wundersamen Fähigkeiten …

Warum sitze ich auf einmal unter dem Tisch? Von oben kommt die Hand meiner Frau. “Ich glaube, die Sonne war zu viel für dich, mein Lieber.” Sie hält mir ihr Handy vor’s Gesicht. Rihanna, Don’t stop the music.