Schrei nach Gerechtigkeit

Nicht nur einen König, sondern gleich mehrere hat Giovanni di Pietro Faloppi auf sein Riesenfresko in der Kathedrale San Petronio in Bologna gebracht. Wenig mehr als 30 Jahre zählend bekam der Künstler, der nach seinem Heimatort Giovanni da Modena genannt wurde, den anspruchsvollen und reizvollen Auftrag anvertraut, eine Seitenkapelle in der kurz zuvor begonnenen Basilika auszumalen. Das private Auftragswerk folgte den Wünschen des Stifters Bartolomeo Bolognini, der nach seinem Tod 1410 hier begraben wurde. Paradies und Hölle sollten möglichst realistisch dargestellt sein, so die Vorgabe. Man muss es dem Künstler lassen: er hat den Auftrag erfüllt …

In der oberen Hälfte sitzen in mehreren Bankreihen Engel und Heilige auf zwei Seiten verteilt einander gegenüber. Zwischen ihnen wird Maria von Christus, dem Sohn gekrönt – unter gütiger Aufsicht durch Gottvater, der über beiden schwebt. Gäbe es die Krönungsszene nicht, man möchte fast an eine Vorlesung an der Universität denken, zumal viele Personen mit Büchern auf den Knien dasitzen. Eine ruhige, streng symmetrisch aufgebaute Szene, die einer gewissen Langweiligkeit nicht entbehrt. Allerdings: Die eingangs genannten Könige sucht man hier vergebens.

Ganz anders geht es im unteren Teil des Freskos zu: Dynamik pur! Ein riesiges, blaues (!) Monsterwesen im Zentrum verschlingt gerade einen Verdammten und scheidet einen anderen durch den Anus aus. Überall sind dämonische Kreaturen am Werk, die die armen Seelen in pervertierter Kreativität auf mannigfaltige Weise schinden und peinigen. Hinter der mitunter sadistisch anmutenden Darstellung dürfte nicht nur die dunkle menschliche Seite mit ihrer Lust am Quälen stehen, sondern mindestens genauso die Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Wesentlich stärker als heute war der damalige Mensch, insbesondere wenn er nicht dem Adel oder Klerus angehörte, der Willkür von Instanzen und Mächtigen ausgeliefert, ohne mit der Aussicht, dagegen vorgehen und sich Recht verschaffen zu können. Hier, auf diesem Bild, dessen Standort in einer Kirche seine Autorität verbürgte, konnte man sehen, wie es denen einst ergehen würde, die im Leben das Recht anderer mit Füßen traten.

Auch wenn die Verdammten alle nackt dargestellt sind, wurden einige doch mit Accessoires ausgestattet, die auf ihre Rolle in ihrem Erdenleben hinweisen. Und da sind sie nun: Um einen Dämon herum gruppieren sich mit aufgerissenen Mündern mehrere Personen mit Krone oder Haube: Unter den Verdammten sind auch Könige und Leute anderer politischer Ämter anzutreffen! Aber damit nicht genug. Zwischen zwei abgemagerten Gestalten versteckt sich ein Kopf mit einer Bischofsmütze. Und daneben wird einem Unglücklichen, der einen roten Kardinalshut trägt, mit einem langen Dorn ein Auge durchbohrt, während sich ein Höllenhund in seinem Brustkorb verbeißt. So sind sogar Kleriker bis in die höchsten Ränge unter den Verdammten zu finden! Der Mythos vom Endgericht, der auf eine Rede Jesu (Mt 25) zurückgeht, ist vom Künstler als Instrument der Kritik an kirchlich-politischen Zuständen seiner Zeit inszeniert worden. Ganz unten links im Eck sitzt übrigens eine Gestalt mit einem gelb-blonden Schopf und … nein, ich glaube, das war eine optische Täuschung.

Von der Vorstellung aus, im Jenseits würden die irdischen Verhältnisse gründlich durcheinandergeworfen ohne Rücksicht auf Würde und Titel, ist es nicht mehr allzu weit bis zur Frage, warum dies nicht schon im Diesseits geschehen solle …

A5 Sonnenaufgang

Die ramponierte Rückwand
des LKW
schimmert plötzlich goldhell

gratia praeveniens
nannten es die Theologen
zuvorkommende Gnade
sehr zuvorkommend vom Höchsten

Das Leben
ist immer noch schön

Aktualisiere dein Passwort!

Wer meinen Blog verfolgt, wird festgestellt haben, dass ich mich schon eine Weile nicht mehr über die Bahn ausgelassen habe. Was beileibe nicht daran liegt, dass selbige neuerdings weniger Verspätungen hätte. Ich fahre einfach nicht mehr Bahn. Nicht aus Enttäuschung oder Wut über die zahlreichen Treuebrüche, die ich während der vergangenen Jahre zähneknirschend hinnehmen musste –  dafür ist mein ökologisches Ethos zu stark. Nein, die Verbindungen sind aktuell leider ganz und gar inkompatibel zu meinen Arbeitszeiten. So muss ich bis auf weiteres das Auto nehmen.

Dieser Tage war ich dann aber doch mal wieder auf der DB-Seite. Nachdem ich auch das Deutschlandticket gekündigt habe (zum Sponsor reicht es dann doch nicht), muss ich auch im Nahverkehr jede Fahrt buchen. Irgendetwas habe ich dabei wohl versemmelt, denn plötzlich musste ich ein neues Passwort eingeben. Zwölf Buchstaben oder mehr müssen es sein – geht’s noch?! Wer soll sich das denn merken?! Und dann mindestens einen Großbuchstaben, eine Zahl sowie ein Sonderzeichen! Und vielleicht auch noch monatlich erneuern?! Was wollen die eigentlich noch alles von mir?! Sollen doch selber erstmal liefern! DieBahnnervthoch3!

Das Ding

Er sah das Ding von der Kloschüssel aus. Zwischen Duschkabine und Mülleimer saß es auf dem Boden. Ein handtellergroßer Körper mit langen, schwarzbepelzten Beinen. Fast wäre ihm ein Schrei entfahren. Wäre seine Frau da gewesen, ihr Schrei hätte die gesamte Nachbarschaft zusammengerufen. Ein Exemplar dieser Größe hatte er weder im Haus noch irgendwo sonst je gesehen. Nur in einer Dokumentation im Fernsehen. Sie seien nicht giftig, hatte es da geheißen, der Biss könne allerdings äußerst schmerzhaft sein. Er konnte die Beißwerkzeuge erkennen und war überzeugt. Die Spinne rührte sich nicht.

Was sollte er tun? Kleinere Exemplare hatte seine Frau schon mal eingesaugt, aber dieses hier passte unmöglich durch den Schlauch des Staubsaugers. Am Ende würde es noch Amok laufen. Oder sich irgendwo verstecken, wo er nicht hinkam, und dann bei nächster Gelegenheit wieder auftauchen. Am besten, wenn seine Frau allein zuhause war. Also was tun? Mit dem Schlappen kräftig zuschlagen? Wer weiß, ob er schnell genug war und die Monsterspinne ihn dann nicht attackieren würde. Außerdem hatte er diese Sauerei schon immer verabscheut.

Ganz langsam erhob er sich und schlich auf Zehenspitzen zur Tür, den Blick ununterbrochen auf die Spinne gerichtet. Sie rührte sich nicht. Erleichtert zog er die Tür hinter sich zu. Nun konnte er in Ruhe überlegen, wie er das Vieh loswurde. Normalerweise stülpte er über Spinnen und ähnliches Getier ein Glas, schob eine Karte darunter und trug sie in den Garten. Doch in diesem Fall hätte das Glas noch nicht einmal den Körper abgedeckt. Er ging in die Küche und holte einen mittelgroßen Topf aus dem Schrank. Damit konnte er sie einfangen. Aber wie wegbringen? Er zog die Schublade mit den Backformen auf. Das dünne, runde Blech, mit dem man einen Kuchen vom Boden der Backform schob, würde es tun. Mit dem Topf in der einen und dem Blech in der anderen Hand ging er zum Bad zurück. Sein Herz klopfte. Was, wenn sie inzwischen direkt hinter der Tür saß?

Lautlos öffnet er die Tür einen Spalt. Sie saß immer noch an Ort und Stelle. Am Ende lebte sie gar nicht mehr. Aber es konnte nicht sein: Er hatte schon oft beobachtet, dass Spinnen im Tod die Beine dicht an den Körper zogen. Er ging hinunter in die Hocke und bewegte sich langsam vorwärts, bereit, jederzeit einen Satz rückwärts zu machen. Seine Brille begann langsam aber sicher die schweißnasse Nase hinabzurutschen. Über der Spinne senkte er den Topf im Zeitlupentempo ab, die letzten Zentimeter dann blitzschnell. Es knallte auf den Fliesen. Keine Geräusche von innen. Entweder war das Tier nicht besonders aktiv oder immun gegen Gefahren. Er hob den Topf an einem der Henkel einen winzigen Spalt an, gerade so weit, dass das Blech darunter passte. Es kratzte auf dem Boden, als es unter dem Topfrand verschwand. Er spürte, wie aus seinen Achseln Schweißtropfen den Körper hinabliefen.

Behutsam hob er Topf und Blech an einer Seite an und schob seine Hand darunter. Die andere drückte den Topf von oben gegen das Blech. Seine Oberschenkelmuskeln zitterten, als er sich in die Höhe drückte. Die Terrassentür öffnete er mit dem Ellbogen. Topf und Blech stellte er auf den Rasen. Dann holte er einen Besenstiel aus der Garage. Aus sicherer Entfernung fuhr er damit unter einen der Henkel und hob den Topf langsam an, bis er umkippte. In diesem Moment merkte er, dass er einen Fehler gemacht hatte: der Topf war so gefallen, dass seine offene Seite von ihm weg zeigte. Er konnte von seiner Position aus nicht sehen, ob die Spinne nun endlich aus ihrer Lethargie erwachte und wohin sie krabbelte. Er würde erst einmal zurück ins Bad gehen und die Klospülung betätigen, was er zuvor im Schreck vergessen hatte.

Erleichtert schloss er die Terrassentür hinter sich. Ein gutes Gefühl, sich wieder unbeschwert in der Wohnung bewegen zu können. Im Bad drückte er auf die Spültaste. Als er sich umdrehte, fiel sein Blick auf den Spalt zwischen Dusche und Mülleimer. Er erstarrte mitten in der Bewegung . Etwas Großes, Schwarzes mit pelzigen Beinen saß da.

An diesem Tag merkte er, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Irgendein Ding hatte sich bei ihm eingenistet.

Erwachen

Die Vögel sind die ersten Boten:
Steh auf, erheb dich von den Toten!
Es tauen die gefror’nen Glieder,
was schon erstarrt war, regt sich wieder.
Und meine ausgezehrte Seele
kriecht vor aus ihrer Winterhöhle.
Aus Morgendunkel steigt der Klang.
Nie war mir süßer ein Gesang.

Kreislauf des Lebens

Ein Mensch wird geboren als Kind
mit Menschen, die Eltern ihm sind.
Doch diese, sobald
an Jahren recht alt,
sind wieder zu Kindern bestimmt.

… als flögen wir dahin

Ein Boomer, der prüft seine Falten:
Die will er nur ungern behalten.
Und gleich an Neujahr –
es war wunderbar -,
da wurden die Falten zu … Spalten!

Grand Canyon ist meine Vision,
schon jahrelang träum ich davon.
Doch steh ich vorm Spiegel,
ich geb Brief und Siegel,
dann ist mir, als säh ich ihn schon.

Gefährliche Worte

Am Bahnhof lief ich zwei Uniformierten in die Arme. “Papiere, bitte!”, sagte der eine. Während er meinen Ausweis musterte, hielt mich der andere mit seinem Blick fest. Der erste gab mir die Dokumente zurück. “Öffnen Sie bitte Ihren Rucksack!” Ich war noch nie kontrolliert geschweige denn durchsucht worden. “Was ist los?”, sagte ich. “Gab’s einen Anschlag?” Er tat, als habe er nichts gehört. Ich händigte ihm meinen Rucksack aus. Der eine hielt ihn fest, der andere durchkramte ihn und zog aus dem Hauptfach mehrere bedruckte Blätter hervor. Die Uniformierten nickten einander zu, dann verschwand einer von ihnen mit den Blättern. Nach wenigen Minuten kam er mit einem dritten Uniformierten zurück. “Ist das Ihr Rucksack?” Ich nickte. “Sie sind festgenommen.” Und ehe ich den Sinn seiner Worte noch fassen konnte, schlossen sich Handschellen um meine Gelenke. Vor dem Bahnhof wartete ein Streifenwagen und brachte mich ins Untersuchungsgefängnis.

Am nächsten Morgen wurde mir die Anklage vorgelesen: “Aufruf zu terroristischen Aktionen gegen die Staatsgewalt”. “Wie kommen Sie darauf?”, sagte ich fassungslos. Wortlos wurde ein Blatt über den Tisch geschoben. “Gehört das Ihnen?” Nach einem kurzen Blick darauf bejahte ich. “Dann lesen Sie selbst!”

Ich las: “Er stößt die Gewaltigen vom Thron … und lässt die Reichen leer ausgehen … Er übt Gewalt mit seinem Arm …“ “Aber das steht doch in der …” „Sie haben das Recht, sich einen Anwalt zu nehmen“, wurde ich jäh unterbrochen. Ein Justizbeamter führte mich in meine Zelle zurück. Jetzt warte ich auf meinen Prozess.

Nicht erkannt

Gesicht nicht erkannt
sagt mein Handy
und verwehrt mir den Zugriff

Im Speisesaal des Pflegeheims sitzt sie
entstellt von Medikamenten

Gesicht nicht erkannt