Die ramponierte Rückwand
des LKW
schimmert plötzlich goldhell
gratia praeveniens
nannten es die Theologen
zuvorkommende Gnade
sehr zuvorkommend vom Höchsten
Das Leben
ist immer noch schön
Die ramponierte Rückwand
des LKW
schimmert plötzlich goldhell
gratia praeveniens
nannten es die Theologen
zuvorkommende Gnade
sehr zuvorkommend vom Höchsten
Das Leben
ist immer noch schön
Wer meinen Blog verfolgt, wird festgestellt haben, dass ich mich schon eine Weile nicht mehr über die Bahn ausgelassen habe. Was beileibe nicht daran liegt, dass selbige neuerdings weniger Verspätungen hätte. Ich fahre einfach nicht mehr Bahn. Nicht aus Enttäuschung oder Wut über die zahlreichen Treuebrüche, die ich während der vergangenen Jahre zähneknirschend hinnehmen musste – dafür ist mein ökologisches Ethos zu stark. Nein, die Verbindungen sind aktuell leider ganz und gar inkompatibel zu meinen Arbeitszeiten. So muss ich bis auf weiteres das Auto nehmen.
Dieser Tage war ich dann aber doch mal wieder auf der DB-Seite. Nachdem ich auch das Deutschlandticket gekündigt habe (zum Sponsor reicht es dann doch nicht), muss ich auch im Nahverkehr jede Fahrt buchen. Irgendetwas habe ich dabei wohl versemmelt, denn plötzlich musste ich ein neues Passwort eingeben. Zwölf Buchstaben oder mehr müssen es sein – geht’s noch?! Wer soll sich das denn merken?! Und dann mindestens einen Großbuchstaben, eine Zahl sowie ein Sonderzeichen! Und vielleicht auch noch monatlich erneuern?! Was wollen die eigentlich noch alles von mir?! Sollen doch selber erstmal liefern! DieBahnnervthoch3!
Er sah das Ding von der Kloschüssel aus. Zwischen Duschkabine und Mülleimer saß es auf dem Boden. Ein handtellergroßer Körper mit langen, schwarzbepelzten Beinen. Fast wäre ihm ein Schrei entfahren. Wäre seine Frau da gewesen, ihr Schrei hätte die gesamte Nachbarschaft zusammengerufen. Ein Exemplar dieser Größe hatte er weder im Haus noch irgendwo sonst je gesehen. Nur in einer Dokumentation im Fernsehen. Sie seien nicht giftig, hatte es da geheißen, der Biss könne allerdings äußerst schmerzhaft sein. Er konnte die Beißwerkzeuge erkennen und war überzeugt. Die Spinne rührte sich nicht.
Was sollte er tun? Kleinere Exemplare hatte seine Frau schon mal eingesaugt, aber dieses hier passte unmöglich durch den Schlauch des Staubsaugers. Am Ende würde es noch Amok laufen. Oder sich irgendwo verstecken, wo er nicht hinkam, und dann bei nächster Gelegenheit wieder auftauchen. Am besten, wenn seine Frau allein zuhause war. Also was tun? Mit dem Schlappen kräftig zuschlagen? Wer weiß, ob er schnell genug war und die Monsterspinne ihn dann nicht attackieren würde. Außerdem hatte er diese Sauerei schon immer verabscheut.
Ganz langsam erhob er sich und schlich auf Zehenspitzen zur Tür, den Blick ununterbrochen auf die Spinne gerichtet. Sie rührte sich nicht. Erleichtert zog er die Tür hinter sich zu. Nun konnte er in Ruhe überlegen, wie er das Vieh loswurde. Normalerweise stülpte er über Spinnen und ähnliches Getier ein Glas, schob eine Karte darunter und trug sie in den Garten. Doch in diesem Fall hätte das Glas noch nicht einmal den Körper abgedeckt. Er ging in die Küche und holte einen mittelgroßen Topf aus dem Schrank. Damit konnte er sie einfangen. Aber wie wegbringen? Er zog die Schublade mit den Backformen auf. Das dünne, runde Blech, mit dem man einen Kuchen vom Boden der Backform schob, würde es tun. Mit dem Topf in der einen und dem Blech in der anderen Hand ging er zum Bad zurück. Sein Herz klopfte. Was, wenn sie inzwischen direkt hinter der Tür saß?
Lautlos öffnet er die Tür einen Spalt. Sie saß immer noch an Ort und Stelle. Am Ende lebte sie gar nicht mehr. Aber es konnte nicht sein: Er hatte schon oft beobachtet, dass Spinnen im Tod die Beine dicht an den Körper zogen. Er ging hinunter in die Hocke und bewegte sich langsam vorwärts, bereit, jederzeit einen Satz rückwärts zu machen. Seine Brille begann langsam aber sicher die schweißnasse Nase hinabzurutschen. Über der Spinne senkte er den Topf im Zeitlupentempo ab, die letzten Zentimeter dann blitzschnell. Es knallte auf den Fliesen. Keine Geräusche von innen. Entweder war das Tier nicht besonders aktiv oder immun gegen Gefahren. Er hob den Topf an einem der Henkel einen winzigen Spalt an, gerade so weit, dass das Blech darunter passte. Es kratzte auf dem Boden, als es unter dem Topfrand verschwand. Er spürte, wie aus seinen Achseln Schweißtropfen den Körper hinabliefen.
Behutsam hob er Topf und Blech an einer Seite an und schob seine Hand darunter. Die andere drückte den Topf von oben gegen das Blech. Seine Oberschenkelmuskeln zitterten, als er sich in die Höhe drückte. Die Terrassentür öffnete er mit dem Ellbogen. Topf und Blech stellte er auf den Rasen. Dann holte er einen Besenstiel aus der Garage. Aus sicherer Entfernung fuhr er damit unter einen der Henkel und hob den Topf langsam an, bis er umkippte. In diesem Moment merkte er, dass er einen Fehler gemacht hatte: der Topf war so gefallen, dass seine offene Seite von ihm weg zeigte. Er konnte von seiner Position aus nicht sehen, ob die Spinne nun endlich aus ihrer Lethargie erwachte und wohin sie krabbelte. Er würde erst einmal zurück ins Bad gehen und die Klospülung betätigen, was er zuvor im Schreck vergessen hatte.
Erleichtert schloss er die Terrassentür hinter sich. Ein gutes Gefühl, sich wieder unbeschwert in der Wohnung bewegen zu können. Im Bad drückte er auf die Spültaste. Als er sich umdrehte, fiel sein Blick auf den Spalt zwischen Dusche und Mülleimer. Er erstarrte mitten in der Bewegung . Etwas Großes, Schwarzes mit pelzigen Beinen saß da.
An diesem Tag merkte er, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Irgendein Ding hatte sich bei ihm eingenistet.
Im Traditions-Café
der Stadt
sehen
die 60-Jährigen
wie Studentinnen aus
Die Vögel sind die ersten Boten:
Steh auf, erheb dich von den Toten!
Es tauen die gefror’nen Glieder,
was schon erstarrt war, regt sich wieder.
Und meine ausgezehrte Seele
kriecht vor aus ihrer Winterhöhle.
Aus Morgendunkel steigt der Klang.
Nie war mir süßer ein Gesang.
Ein Mensch wird geboren als Kind
mit Menschen, die Eltern ihm sind.
Doch diese, sobald
an Jahren recht alt,
sind wieder zu Kindern bestimmt.
Ein Boomer, der prüft seine Falten:
Die will er nur ungern behalten.
Und gleich an Neujahr –
es war wunderbar -,
da wurden die Falten zu … Spalten!
Grand Canyon ist meine Vision,
schon jahrelang träum ich davon.
Doch steh ich vorm Spiegel,
ich geb Brief und Siegel,
dann ist mir, als säh ich ihn schon.
Am Bahnhof lief ich zwei Uniformierten in die Arme. “Papiere, bitte!”, sagte der eine. Während er meinen Ausweis musterte, hielt mich der andere mit seinem Blick fest. Der erste gab mir die Dokumente zurück. “Öffnen Sie bitte Ihren Rucksack!” Ich war noch nie kontrolliert geschweige denn durchsucht worden. “Was ist los?”, sagte ich. “Gab’s einen Anschlag?” Er tat, als habe er nichts gehört. Ich händigte ihm meinen Rucksack aus. Der eine hielt ihn fest, der andere durchkramte ihn und zog aus dem Hauptfach mehrere bedruckte Blätter hervor. Die Uniformierten nickten einander zu, dann verschwand einer von ihnen mit den Blättern. Nach wenigen Minuten kam er mit einem dritten Uniformierten zurück. “Ist das Ihr Rucksack?” Ich nickte. “Sie sind festgenommen.” Und ehe ich den Sinn seiner Worte noch fassen konnte, schlossen sich Handschellen um meine Gelenke. Vor dem Bahnhof wartete ein Streifenwagen und brachte mich ins Untersuchungsgefängnis.
Am nächsten Morgen wurde mir die Anklage vorgelesen: “Aufruf zu terroristischen Aktionen gegen die Staatsgewalt”. “Wie kommen Sie darauf?”, sagte ich fassungslos. Wortlos wurde ein Blatt über den Tisch geschoben. “Gehört das Ihnen?” Nach einem kurzen Blick darauf bejahte ich. “Dann lesen Sie selbst!”
Ich las: “Er stößt die Gewaltigen vom Thron … und lässt die Reichen leer ausgehen … Er übt Gewalt mit seinem Arm …“ “Aber das steht doch in der …” „Sie haben das Recht, sich einen Anwalt zu nehmen“, wurde ich jäh unterbrochen. Ein Justizbeamter führte mich in meine Zelle zurück. Jetzt warte ich auf meinen Prozess.
Gesicht nicht erkannt
sagt mein Handy
und verwehrt mir den Zugriff
Im Speisesaal des Pflegeheims sitzt sie
entstellt von Medikamenten
Gesicht nicht erkannt
Im Dunkel leuchtend läuft ein Punkt.
Gar seltsam hat es mich gedunkt.
Doch halt, jetzt hat’s bei mir gefunkt:
Der Wanderleuchtpunkt ist ein Hunkt.
Zur Erinnerung an Christian Morgenstern (1871-1914), der in seinen Gedichten oft schräg formuliert.
Solche leuchtenden Wanderpunkte sind frühmorgens und abends bei Dunkelheit zu beobachten, wenn Zweibeiner ihren Hunkt ausführen …