Wer, wenn nicht wir?

„Wo kämen wir hin,
wenn alle sagten,
wo kämen wir hin,
und niemand ginge,
um einmal zu schauen,
wohin man käme,
wenn man ginge. (Kurt Marti)

Ich will mich nicht damit abfinden, dass sich unser Tun in Betroffenheitsadressen, Friedensgebeten, karitativen Aktionen und Aufrüstungsappellen erschöpft. 

Wer hat die Weisheit, die jetzt im Westen einsetzende Dämonisierung des Ostens zu überwinden und Wege zu bahnen, die allen Beteiligten aus der unheilvollen Situation heraushelfen? 

Wer hat die Kraft, das Unerwartete zu tun und Schritte des Friedens zum Frieden zu machen, dem Beispiel von Mahatma Gandhi, Martin Luther King und anderen folgend?

Gibt es Menschen, die den Mut haben, die Orte aufzusuchen, von denen Menschen derzeit fliehen, und sich zwischen die Fronten zu stellen?

Warum wir?

Wer, wenn nicht wir?

100.000.000.000

Historisch, beeilt sich die Fernsehmoderatorin zu sagen, sei der Schwenk von Olaf Scholz. Binnen kurzem fiel zusammen mit den Koalitionspartnern die Entscheidung, den Etat der Bundeswehr um 100 Milliarden Euro aufzustocken. In seltenem Schulterschluss stehen (fast) alle Parteien vereint für eine starke Armee, schmolzen jahrzehntealte Widerstände von Rot-Grün dahin. So wenig Sympathien ich sonst für “Die Linke” habe, so ist sie für mich momentan der einzige Lichtblick in diesem nationalen Geschwurbel. Denn soll uns das allen Ernstes als die Lösung verkauft werden? Neue Waffensysteme, die wir im Zweifelsfall nicht einsetzen werden, um nicht einen dritten Weltkrieg zu riskieren? Oder die wir eines Tages dann doch einsetzen, vielleicht sogar zusammen mit Atomwaffen, weil ein Autokrat im Osten oder ein Narzisst im Westen im Zweifelsfall den roten Knopf drückt? Ist das wirklich die Strategie, auf die wir setzen und die wir unseren Kindern und Kindeskindern weitergeben? Fällt uns nach zwei Weltkriegen und zahllosen anderen Kriegen nichts Besseres ein als aufrüsten? Das afghanische Desaster liegt (unverarbeitet) noch kein Jahr zurück, da wird schon wieder militärische Stärke beschworen, als ob damit aktuelle und künftige Probleme zu lösen seien. Gewinnen wird dabei nur die Rüstungsindustrie.

Ich habe einen Traum

Ich habe einen Traum, dass die christlichen Kirchen zum internationalen Friedenskongress in Kiew aufrufen und ihre Bischöfe schicken.

Ich habe einen Traum, dass dazu auch die russische Kirche eingeladen wird – mit einer persönlichen Einladung für den orthodoxen Christen Wladimir Putin.

Ich habe einen Traum, dass sich Prominente aus anderen Religionen, aus Politik, Kultur, Wissenschaft, Sport etc. anschließen und sich in der Ukraine einfinden.

Ich habe einen Traum, dass sich von diesem Kongress Züge des Friedens in die umkämpften Regionen aufmachen, begleitet von internationalen Medien.

Ich habe einen Traum, dass alle dort so lange den Frieden diskutieren und leben, bis die Waffen schweigen und Ukrainer und Russen sich die Hände reichen.

Ich habe einen Traum, dass mitten durch Europa eine neutrale Zone geht, in der weder Soldaten noch Raketen stationiert sind.

Ich habe einen Traum, dass wir endlich anfangen, einander als Schwestern und Brüder zu sehen.

Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Mt 5,9)

Krieg im Urlaub

1991 2. Golfkrieg

Die Zeitungen
tragen den Krieg
bis auf die Hafenpromenade
an der kretischen Südküste

2014 Gaza-Krieg

Ich sitze im Flieger nach Süden
Wenn wir jetzt
links abbiegen
sehen wir
in zwei Stunden
die Raketen
die auf Gaza fallen

2018 Jugoslawien-Kriege

Ich frage mich
warum die beiden Kroatinnen
mein Alter
so viel vom Krieg reden
aber sie meinen einen anderen
ihrer ist erst 20 Jahre her

2022 Ukraine

Irgendwo ist doch immer Krieg
sagt ein junger Kerl am Nachbartisch im Café
durch’s Fenster strahlen weiße Berge

„Schöner Tag!“

Es gibt Leute, die stört die Mücke an der Wand. Ich gestehe: Wenn es um Sprache geht, gehöre ich auch zu dieser Spezies.

Ich habe meine Waren aufs Band gelegt und bezahlt. Die Kassiererin lässt das Rückgeld coronakonform in meine Hand fallen. „Schöner Tag!“ Bei aller Nettigkeit bin ich jetzt doch ratlos. Was soll das heißen: „Schöner Tag“? Wenn es die Kurzform eines Grußes sein sollte – „Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!“ -, hätte ich „Schönen Tag!“ erwartet. Aber wovon ist „Schöner Tag!“ eine Abkürzung? Soll ich nun nach Tagesform etwa zustimmen – „Ja, heute ist tatsächlich ein schöner Tag!“ – oder widersprechen – “Nein, heute ist ein Sch…tag!”?

Muss ich mich beim Blick über die eigene Schulter kleinlich finden? Sollte ich mich nicht eher freuen über die nette Geste? Ja, und doch ärgert mich die Nachlässigkeit, mit der hier mit Sprache umgegangen wird. Nicht einmal, sondern beinahe standardmäßig.

Aber es geht noch doller: Beim heutigen Einkauf: “Ein schöner Tag Ihnen!”
Schöner Tag für die deutsche Sprache …

Treue zur Tradition

Wenn ich vor mehr als dreißig Jahren als Student mit dem Rad in die Stadt fuhr, musste ich mir die Straße (die alte Bundesstraße) mit den Autos teilen, die mit mehr als 70 km/h an mir vorbeibretterten. Auf dem Rückweg konnte ich immerhin auf einen schmalen Gehweg ausweichen, der von Schlaglöchern durchsetzt war.

Zum Glück haben wir nun schon seit Jahren eine grün geführte Landesregierung: Wenn ich heute mit dem Rad auf derselben Straße unterwegs bin, rauscht das eine oder andere E-Auto an mir vorbei – mit deutlich mehr als 70 km/h. Und während ich auf dem Rückweg den Löchern auf dem Gehweg ausweiche, sinne ich darüber nach, ob ich hier eines Tages mit dem E-Rolli entlangrumpeln werde …

Burnout global

Laborkraft:
Chef, schauen Sie mal, mein Reagenzglas ist am Kippen!

Chef: 
Dann nehmen Sie einfach ein neues Universum! 

Veränderungen

Ich find, unsr Gsllschangst ist in dr Pangstdmi angstrs gwordn. Wangst mir fhlt? Di Lichtigkit zu lbn, di vrmiss ich shr. Stangstdssn hangst twangst um sich ggriffn, wangst mir Sorg britt. Odr ist dangst nur min Indruck?

Die Divinisierung des Humanum – wider die Vergötzung des Menschen

Die Urkränkung des Menschen besteht darin, dass sich die Welt nach seinem Tode weiterdreht. Meine Welt vergeht, die Welt bleibt. Mit dieser Kränkung konnte solange verhältnismäßig gut umgegangen werden, wie es einen Konsens darüber gab, dass uns nach dieser Welt eine andere erwartete. Fällt der Glaube an eine Transzendenz weg, wird es ungleich schwerer, mit dieser Begrenztheit zu leben.

Die jüdisch-christliche Tradition setzt diese Erkenntnis an den Anfang ihrer Gedanken über die Welt, wenn sie davon spricht, dass der Mensch wieder zur Erde zurückkehrt, von der er genommen ist. Auf der anderen Seite erfährt der Mensch mit dem Prädikat “Ebenbild” Gottes eine Aufwertung, die ihn von allen anderen Geschöpfen abhebt und beinahe blasphemisch dünkt.
Zwischen diesen beiden Polen, himmlisch und irden – der Mensch wird aus einem Erdkloß geformt wie ein Gefäß unter der Hand des Töpfers –, bewegt sich menschliches Leben.

Vergänglichkeit im Sinne eines Nacheinanders der Generationen, die alle von dieser Erde leben müssen, ist heute weithin akzeptiert. Die Antwort darauf heißt Nachhaltigkeit. War diese im vorindustriellen Zeitalter beinahe noch automatisch gegeben, weil der vormoderne Mensch nicht in der Lage war, die Erde zu ruinieren (partielle Zerstörungen wie z.B. durch massive Rodungen oder Bergbau ausgenommen), musste sie unter dem Eindruck globaler Ausbeutung und Zerstörung erst wieder entdeckt werden.

Der Lernprozess hinsichtlich der Vergänglichkeit des individuellen Lebens steht in den westlichen Gesellschaften allerdings noch aus. Es ist eines, Nachhaltigkeit umweltpolitisch durchzubuchstabieren, ein anderes, zu akzeptieren, dass das eigene Leben begrenzt ist. Die an dieser Stelle übliche Verweigerungshaltung hat zur oft beschriebenen Verdrängung des Todes aus der Gesellschaft geführt, die durch die Corona-Pandemie freilich einen deutlichen Dämpfer erlitt: Medien veröffentlichen täglich Todeszahlen – deren Aussagefähigkeit gering ist, was jedoch ihre psychologische Wirkung nicht schmälert. Statt sich deshalb mit der eigenen Endlichkeit bewusst auseinanderzusetzen, wird im Fahrwasser der üblichen Verdrängungsstrategie versucht, um sich herum ein Maximum an Sicherheit herzustellen, das genau diesen Ausgang – das eigene Ende – unmöglich macht. Entsprechend wird von der Politik erwartet, diese müsse alles dafür tun, um das Individuum vor seinem Tod zu schützen. Auch wenn das Groteske und Naive dieser Haltung auf der Hand liegt – die politischen Implikationen sind nicht zu unterschätzen: Diejenigen, die von diesem Verdrängungsmechanismus getrieben sind, artikulieren sich lautstark und besetzen die Mainstreamposition derzeit erfolgreich mit ihren Ängsten. Dabei wird eine apokalyptisch aufgeladene Bedrohungskulisse aufgebaut, die in dieser Weise nicht existiert, um anschließend “unter Einhaltung der Hygieneregeln” eine Sicherheit zu suggerieren, die erst recht nicht existiert.
Unterstützt wird diese Haltung durch das noch weithin gültige Selbstverständnis einer Medizin, die den Tod als Versagen ärztlicher Kunst interpretiert und an der Lebensverlängerung als grundsätzlich unhinterfragbarem Therapieziel festhält.

Andererseits eignet dem Tod etwas Irritierendes und Verstörendes. Geht man davon aus, dass jeder Mensch durch sein Denken und seine Erfahrungen seine eigene Welt ‘erschafft’, dann endet mit jedem Tod eine ganze Welt, ja ein ganzes Universum. Es lohnt sich, aus dieser Perspektive des Reichtums einmal über die ‘Verschwendung’ des Lebens durch den Tod nachzudenken …
Ja, wir sind einzigartig. Doch eine Bestimmung unserer Einzigartigkeit ist unsere Endlichkeit, unsere Beschränkung auf eine bestimmte Phase in der Zeit und einen Ort im Raum.

Diese Endlichkeit zu verdrängen und zu bekämpfen heißt auf Kosten anderer zu leben, die dann den Preis für die vermeintliche Sicherheit zu zahlen haben. Es heißt aber vor allem, den Menschen zu vergötzen, so dass er am Ende sein menschliches Antlitz verliert. Wir sind Menschen – und dazu gehört, dass wir sterben müssen und sterben dürfen. Die Alternative ewig zu leben wäre das  größere Übel …