Die Vögel sind die ersten Boten:
Steh auf, erheb dich von den Toten!
Es tauen die gefror’nen Glieder,
was schon erstarrt war, regt sich wieder.
Und meine ausgezehrte Seele
kriecht vor aus ihrer Winterhöhle.
Aus Morgendunkel steigt der Klang.
Nie war mir süßer ein Gesang.
Kreislauf des Lebens
Ein Mensch wird geboren als Kind
mit Menschen, die Eltern ihm sind.
Doch diese, sobald
an Jahren recht alt,
sind wieder zu Kindern bestimmt.
… als flögen wir dahin
Ein Boomer, der prüft seine Falten:
Die will er nur ungern behalten.
Und gleich an Neujahr –
es war wunderbar -,
da wurden die Falten zu … Spalten!
Grand Canyon ist meine Vision,
schon jahrelang träum ich davon.
Doch steh ich vorm Spiegel,
ich geb Brief und Siegel,
dann ist mir, als säh ich ihn schon.
Gefährliche Worte
Am Bahnhof lief ich zwei Uniformierten in die Arme. “Papiere, bitte!”, sagte der eine. Während er meinen Ausweis musterte, hielt mich der andere mit seinem Blick fest. Der erste gab mir die Dokumente zurück. “Öffnen Sie bitte Ihren Rucksack!” Ich war noch nie kontrolliert geschweige denn durchsucht worden. “Was ist los?”, sagte ich. “Gab’s einen Anschlag?” Er tat, als habe er nichts gehört. Ich händigte ihm meinen Rucksack aus. Der eine hielt ihn fest, der andere durchkramte ihn und zog aus dem Hauptfach mehrere bedruckte Blätter hervor. Die Uniformierten nickten einander zu, dann verschwand einer von ihnen mit den Blättern. Nach wenigen Minuten kam er mit einem dritten Uniformierten zurück. “Ist das Ihr Rucksack?” Ich nickte. “Sie sind festgenommen.” Und ehe ich den Sinn seiner Worte noch fassen konnte, schlossen sich Handschellen um meine Gelenke. Vor dem Bahnhof wartete ein Streifenwagen und brachte mich ins Untersuchungsgefängnis.
Am nächsten Morgen wurde mir die Anklage vorgelesen: “Aufruf zu terroristischen Aktionen gegen die Staatsgewalt”. “Wie kommen Sie darauf?”, sagte ich fassungslos. Wortlos wurde ein Blatt über den Tisch geschoben. “Gehört das Ihnen?” Nach einem kurzen Blick darauf bejahte ich. “Dann lesen Sie selbst!”
Ich las: “Er stößt die Gewaltigen vom Thron … und lässt die Reichen leer ausgehen … Er übt Gewalt mit seinem Arm …“ “Aber das steht doch in der …” „Sie haben das Recht, sich einen Anwalt zu nehmen“, wurde ich jäh unterbrochen. Ein Justizbeamter führte mich in meine Zelle zurück. Jetzt warte ich auf meinen Prozess.
Nicht erkannt
Gesicht nicht erkannt
sagt mein Handy
und verwehrt mir den Zugriff
Im Speisesaal des Pflegeheims sitzt sie
entstellt von Medikamenten
Gesicht nicht erkannt
Wanderleuchtpunkt
Im Dunkel leuchtend läuft ein Punkt.
Gar seltsam hat es mich gedunkt.
Doch halt, jetzt hat’s bei mir gefunkt:
Der Wanderleuchtpunkt ist ein Hunkt.
Zur Erinnerung an Christian Morgenstern (1871-1914), der in seinen Gedichten oft schräg formuliert.
Solche leuchtenden Wanderpunkte sind frühmorgens und abends bei Dunkelheit zu beobachten, wenn Zweibeiner ihren Hunkt ausführen …
99%
Es gibt Menschen, an die erinnert man sich. Wegen ihrer herausragenden Taten – wobei “herausragend” nicht zwangsläufig Gutes bedeuten muss. Der Römer z.B., dessen Name bis heute Woche für Woche millionenfach genannt wird, verdankt seine Prominenz der Tatsache, dass er Jesus von Nazareth ans Kreuz schickte und im Glaubensbekenntnis als einzige Person neben Jesus und Maria genannt wird.
Aber was passiert mit den 99%, deren Namen niemand kennt und an die sich keiner erinnert? Das Kind, das in der Jungsteinzeit vor 7.000 Jahren im Jordangraben von einer Schlange gebissen wurde und starb? Der alte Hirte, der im ersten Jahrhundert in seiner Jurte in der Mongolei eines Morgens nicht mehr aufwachte? Die junge Frau, die irgendwann im Mittelalter beim Kampf zwischen zwei verfeindeten Stämmen auf Neuguinea ums Leben kam? Die unbekannte Schwangere, die im 19. Jahrhundert in eine Wiener Klinik eingeliefert wurde und nach der Entbindung dem Wochenbettfieber erlag?
Was ist mit ihnen? Den Millionen, ja Milliarden von Namenlosen, Unbekannten, Vergessenen? Sind sie einfach weg? Mit allem, was sie waren? Mit ihrem ganzen Leben, so lang oder kurz es gewesen sein mag, so banal oder spektakulär?
Dass all das einfach weg sein soll, ist kaum vorstellbar. Da klingt der Gedanke irgendwie plausibel, all diese Menschen mit all ihren Leben seien irgendwo aufgehoben und an einer Stelle aufbewahrt, die wir Gott nennen. Plausibel und geradezu tröstlich.
Oder nimmt, wer diesen Glauben teilt, sich einfach nur zu ernst, kann nicht verschmerzen, dass das, was er selbst für so bedeutsam hält, nach seinem Tod pulverisiert wird, spätestens dann aber, wenn den Nachfahren die Erinnerung an ihn abhandengekommen ist? Mag sein, und vielleicht liegt etwas Trotziges darin, darauf zu beharren, jeder Mensch mit seiner Lebensgeschichte sei unverwechselbar und wert, erinnert und bewahrt zu werden. Aber vielleicht gibt es so etwas wie eine himmlische Cloud, wo alles von uns aufbewahrt wird, nicht in Form einer abrufbaren Datenbank, sondern als Wolke von Eindrücken, Gedankensplittern, Bildern, Szenen, Farben, Blitzlichtern von Erinnerungen. Ich glaube das tatsächlich.
Vor der Zeit
Blätter taumeln vor mir zu Boden
Gelb, doch nicht vom Herbst zu Fall gebracht
Ein Mäusebussard stieß sich beim Abflug von ihrem Ast ab
Sie hätten noch einige Tage haben können
Wie im richtigen Leben
Zahn der Zeit
Nun lebe wohl, du stolzer Zahn,
der Tag ist heut gekommen,
ich lebte in dem eitlen Wahn,
du würd’st mir nie genommen.
Nun lebe wohl, du steiler Zahn,
die Zahnfee wird dich fassen,
mit Spritze, Zange angetan,
und mir die Rechnung lassen.
Nun lebe wohl, du braver Zahn,
du warst ein tapf’rer Recke,
nur Reißen, Beißen war dein Plan,
du lebtest diesem Zwecke.
Nun lebe wohl, du alter Zahn,
sollst dich nicht länger quälen,
darfst nun in Frieden von mir fahr’n,
doch horch, du wirst mir fehlen.
Nun lebe wohl, verblich’ner Zahn,
jetzt bist du nur noch Stücke,
gebeugt in Trauer steht dein Clan
um eine große Lücke.
Nun lebe wohl, mein lieber Zahn,
du bist von mir gegangen,
doch dahin, wo du bist, ich ahn’ –
auch ich werd’ hingelangen.
Aller guten Dinge …
Ich fahre mit dem Zug zur Arbeit. Mit zwei Zügen, um genau zu sein, denn mittendrin muss ich umsteigen. Den Bus für das letzte Wegstück kann ich seit kurzem nicht mehr nutzen – ich käme zu spät, da sich der Beginn meiner Arbeitszeit nach vorn verschoben hat. Da kommt mir ein Gedanke: Ich stelle das alte E-Bike meiner Frau an den Bahnhof, um von dort rasch und ohne schweißtreibende Anstrengung die letzten 5 km zu fahren.
Am ersten Tag muss ich das Rad im Zug transportieren. Um pünktlich zu sein, buche ich für die zweite Etappe einen ICE – und außerdem einen Platz für mein Rad. Als ich an den Bahnhof komme, wird der Regionalexpress als verspätet gemeldet. Die Verspätung wächst sich auf 20 Minuten aus. Ich nehme die nächste S-Bahn, die noch vorher kommt. Mein ICE ist natürlich weg. Mein Geld für die Fahrkarte auch. Eine halbe Stunde zu spät komme ich auf der Arbeit an.
Zweiter Versuch: Die Züge sind diesmal weitgehend pünktlich. Ich komme zum Fahrradständer am Zielbahnhof und stelle fest, dass ich den Schlüssel fürs Speichenschloss zuhause gelassen habe. Auf den letzten Drücker erwische ich den Bus und bin noch halbwegs pünktlich. Ok, diesmal geht’s auf meine Kappe.
Beim dritten Mal muss es nun endlich klappen: RE pünktlich, ICE ‚nur‘ fünf Minuten zu spät. Noch nicht einmal der angekündigte Regen kann meine gute Laune kippen. Das Rad sehe ich schon von weitem, alles paletti diesmal. Als ich näher komme … der Sattel ist weg. Geklaut. Was für ein A… war das?! Der Bus fährt gerade davon. Ich beschließe, es trotzdem mit dem Rad zu versuchen und setze mich auf den stabilen Fahrradkorb auf dem Gepäckträger. Leider ist mein Po nicht ganz so stabil. Zum Glück kann ich den oberen Teil meines Rucksacks darüber legen. Jetzt geht es einigermaßen. Dafür beginnt es zu regnen. Aber dafür habe ich vorgesorgt. Schnell ist der Regenponcho übergezogen und es geht trocken weiter. Wenigstens verdeckt der Umhang, dass ich aussehe wie ein Affe auf dem Schleifstein.
Abends im Fahrradgeschäft stehe ich vor einer Wand mit Sattelstützen – alle mit unterschiedlichem Querschnitt. Da hilft nur eins: ausmessen. Ich sehe schon, ich muss die Tour noch einmal ohne Sattel machen. Diesmal nehme ich ein Kissen mit. Hoffentlich regnet es wieder.
Nachtrag einige Tage später:
Beim vierten Mal fehlte dann auch der Rest vom Fahrrad … 🙁