You are now unmuted

Wenn der Tod
nicht das letzte
Wort hat
wer dann
wenn nicht du?

You are now unmuted

Für alle, die mit Online-Plattformen nicht vertraut sind: Die Ansage „You are now unmuted“ („Sie sind nicht mehr stumm geschaltet“) bedeutet, dass ab sofort gesprochen werden kann.

Mit dem heutigen Beitrag feiert diese Seite ihren 1. Geburtstag. Unmuted – das passt. Danke für alle ermutigenden Kommentare!

Stellvertretendes Leiden

Der christliche Glaube lebt
vom Gedanken der Stellvertretung
Stellvertretend leidet Jesus
für die Welt

So möge die Frage erlaubt sein
wer gerade stellvertretend leidet
für alle

Mir kommen meine Schüler
in den Sinn
Klasse 7 bis 10
eingeschlossen seit Monaten
gerade noch bei der Stange
oder schon weg

Noch warten sie
auf den Engel
der den schweren Stein
wegwälzt
vor ihrem Grab

Nichts ist an Ostern
ferner
als Ostern

Sprachlehre oder Sprachleere

Zugegeben, ich bin der Polemik nicht abgeneigt. Obwohl ich in der Regel versuche, sachlich zu bleiben und Verbalinjurien zu vermeiden. Aber was ich in den letzten Wochen an etlichen Stellen im Radio und Fernsehen vernommen habe, ist imstande, meinen Blutdruck schneller und nachhaltiger in die Höhe zu treiben als die Corona-Politik unserer Bundesregierung. Da kommen auf einmal „Politiker innen“ über den Äther, da ist von „Lehrer innen“ und ihren „Schüler innen“ die Rede. Ja, genau so gesprochen wie gerade geschrieben: Lehrer innen. Was beim ersten Mal noch als Aussprachelapsus durchgeht, entpuppt sich beim häufigeren Hören als neue Masche. Und ich frage mich, wie viel Dummheit unsere Gesellschaft eigentlich verträgt! Das geschriebene sogenannte „Binnen-I“ phonetisch als neuen Anlaut absetzen – haben diese Leute denn jegliches Sprachgefühl verloren?! Solche im wahrsten Sinn unsäglichen Konstruktionen sind ein untrüglicher Hinweis darauf, dass hier alles knallhart einer Ideologie untergeordnet wurde. Ein neuer Versuch, Sprache mit allen Mitteln gesinnungskonform umzubauen. Ich dachte eigentlich, solche Zeiten hätten wir hinter uns …

In den Richtlinien, die eine Arbeitsgemeinschaft „Geschlechtergerechte Schreibung“ 2018 vorlegte, waren mehrere Kriterien formuliert, denen neue Vorschläge genügen müssten:

Geschlechtergerechte Texte sollten u.a.

  • verständlich und lesbar sein
  • vorlesbar sein
  • für die Lesenden bzw. Hörenden die Möglichkeit zur Konzentration auf die wesentlichen Sachverhalte und Kerninformationen sicherstellen.

Es dürfte klar sein, dass der Kehlkopfhüpfer (die Kehlkopfhüpferin?) keinem der genannten Kriterien genügt. Vielmehr wirkt die sprachliche Verstümmelung wie eine absichtliche Stolperfalle, um den Fokus vom Inhalt auf die Ideologie zu verschieben.

Nicht besser schlagen sich Asteriscus- (Lehrer*innen) und Schrägstrichlösungen (Arbeiter/innen). Spätestens wenn es ans laute Lesen geht, zumal bei komplexeren Konstruktionen, ist Chaos vorprogrammiert: Der Lehrer/ die Lehrerin, die seinen/ihren Schüler/innen Vorbild sein möchte … wer kann oder möchte solchen Quark vorlesen?!

Dann lieber die Partizip-Lösung? „Studentenwerke“ sind inzwischen so gut wie ausgestorben, „Studierendenwerk“ heißt es nunmehr politisch korrekt. Dass „studierend“ den momentan Akt meint und so zum Ausdruck bringt, dass nicht immer studiert, wer studiert, d.h. nur zu bestimmten Zeiten „studierend“ ist, wird hier selbstredend zugunsten der höheren Sache aufgegeben. Sprachlich sauber geht anders. Aber wie?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Das Einzige, was ich weiß: Die momentan in der Öffentlichkeit und in bestimmten Milieus kursierenden Sprachregelungen sind allesamt ungeeignet, das bislang gebräuchliche generische Maskulinum zu ersetzen, das alle anderen Geschlechter in der männlichen Form eingeschlossen sieht. Ist z.B. in einem Gesetzestext vom „Mieter“ die Rede, sind damit nicht nur Männer gemeint, sondern alle Menschen, die mieten. Nebenbei gesagt besteht einer der Vorteile des generischen Maskulinums außer seiner Kürze darin, dass es auch Menschen einschließt, die sich als „divers“ bezeichnen. Feministinnen würden mir hier sofort widersprechen und einwenden, das generische Maskulinum schließe gerade nicht alle ein, sondern aus – bis auf XY-Träger.

Als Mann kann ich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, dass sich Frauen in einer traditionell männlichen Sprache nicht abgebildet sehen, auch wenn diese den Anspruch erhebt, alle Geschlechter zu vertreten – das gilt übrigens nicht nur in der deutschen Sprache so. Aber welche vernünftige und praktikable Alternative gibt es?

Wenn es darum geht, dass Frauen in der Sprache mehr vorkommen sollen, ohne dass gleichzeitig die Praktikabilität auf der Strecke bleibt, scheint mir das noch am ehesten sinnvoll, was ich seit Jahren in Gesprächen vertrete: für eine bestimmte Zeit konsequent nur noch weibliche Formen zu verwenden. Das würde zumindest alle Nicht-Frauen mit der Erfahrung konfrontieren, sich von einer Form vertreten lassen zu müssen, die das eigene Geschlecht nicht abbildet, sondern nur aufgrund einer Vereinbarung beinhaltet. Vielleicht ein notwendiger Lernprozess für Männer. Und irgendwann wird vielleicht wieder klar sein, dass nicht immer alles und jedes genannt sein muss, wenn alles und jedes gemeint ist.

Sprache ist ständig im Fluss, aber sie verhält sich widerständig zu Ideologie. Sie hat ihre eigenen Gesetze und wandelt sich gleichzeitig unter neuen Moden. Doch lässt sie sich nur zu ihrem Schaden vor den Karren der Gesinnungsdiktatur spannen. Früher oder später gehen die Pferde durch – das lässt mich hoffen!

Wie seht ihr das, liebe Leser innen?

Der Preis des Lebens heißt zu sterben

A

A

A

A

­[Nein, hier fehlt kein Text, ich finde, das ist selbsterklärend, und wer immer noch rätselt, der gehe hinaus und schaue sich die vielen an, die an diesem Frühlingstag an die Sonne und zueinander drängten, weil sie (wieder) leben wollen und in Kauf nehmen, dass sie früher oder später sterben müssen, so wie jeder Mensch, der seinen ersten Atemzug tut, in Kauf nimmt, ob er will oder nicht, dass es auch einen letzten geben wird, aber dazwischen, zwischen erstem und letztem, will er leben.]

Telefonschelte

Ach, guten Abend, ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass ich so schnell zu Ihnen durchkomme, zum Impfzentrum habe ich vier Wochen gebraucht, also wirklich, eine echte Überraschung, … ja, ich störe Sie nur ungern so spät, aber ich muss jetzt einfach mal etwas loswerden.

Zunächst mal nehme ich Ihnen ab, dass Sie es sich nicht leicht gemacht haben. Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen. Sie sahen ja auch ziemlich gerädert aus nach diesem neuerlichen Verhandlungsmarathon. Ich halte Ihnen das wirklich zugute, und ich bin auch überzeugt, Sie wollen das Allerbeste. Nur glaube ich nicht mehr, dass diese neuen Beschlüsse, die im Grunde nur ein Aufguss der alten sind, uns wirklich helfen werden.

Wissen Sie, es macht mich einfach traurig, wenn ich erlebe, wie manche meiner Schüler sich klammheimlich verabschieden. Sich nicht mehr am (Fern-)Unterricht beteiligen. Wenn ich sie dann aufrufe – sehen kann ich sie nicht, weil sonst das System überlastet ist und abstürzt (soviel zum Digitalpakt …), höre ich an der Tönung ihrer Stimme, was los ist. Andere erzählen ganz offen davon, dass sie sich immer weniger motivieren können. Auch im Kollegenkreis werden die Gesichter immer länger, die Bewegungen langsamer und das Lachen rar. Und jetzt wieder verschärfter Lockdown? Warum laufen wir denn schon ein Jahr mit Masken in der Schule herum, wenn es nichts nützt? Es macht mich wütend.

Nur weil sich alles an der Inzidenz orientiert. Dabei wissen wir doch ganz genau, wie wenig aussagekräftig diese Zahlen sind, seit mehr getestet wird. Die Sterblichkeit jedenfalls hat drastisch abgenommen – müsste das nicht zu denken geben? Und spielt nur das eine Rolle, dass manche an dieser Krankheit (wie an anderen) sterben werden, während alles, was im Lockdown stirbt (und auch daran sterben manche buchstäblich), außen vor bleibt?

Ich fürchte, Sie leben in einer Welt, in der das richtige Leben zum großen Teil ausgesperrt bleibt. Mal Hand auf’s Herz: Was hat sich seit Corona in Ihrem Alltag denn groß verändert? Sie eilen nach wie vor von einem Termin zum anderen, kommen mit tausend Leuten zusammen und reisen durch die Lande. Oder sehe ich das falsch? Können Sie überhaupt ermessen, was es bedeutet, wenn sich Menschen inzwischen wie eingesperrt fühlen, der Hoffnung auf ein normales Leben beraubt … Was halten Sie davon, Leute in Ihre Beratungen einzubinden, die dieses Leben gerade führen? Meine Schüler etwa? Oder vielleicht … wie bitte? … die Verbindung ist unterbrochen … oder hat sie gar aufgelegt? … Frau Bundeskanzlerin? …

Alles schon gegoogelt

Wie kann ich ein Textfeld in WORD verändern und dann als neuen Standard abspeichern? Wieder einmal bin ich im Netz auf der Suche nach Tricks und Kniffen, um meine Software noch stärker den Bedürfnissen ihres users (sprich: meinen) anzupassen. Schön, dass die Frage, erst halb geschrieben, von Google sogleich fertig ergänzt wird. Das geht mir übrigens ständig so mit Fragen, die ich im Netz stelle: Kaum habe ich die ersten drei Worte eingegeben, wird mir die Fortsetzung schon automatisch vorgeschlagen. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, es gebe gar keine Fragen mehr, die man erstmalig formulieren kann: „Können Vögel … (automatisch ergänzt werden) rückwärtsgehen, riechen, pupsen, erfrieren, Farben sehen, schwimmen, Krebs bekommen?“ Das und noch viel mehr: alles schon da gewesen. „Wann geht die Welt (diesmal wird nur eine einzige Ergänzung angeboten) … unter?“. „Wie lange dauert es, bis … (mehrere Vorschläge) Vitamin D wirkt, man schwanger ist, Corona ausbricht, Corona vorbei ist?“ Langweilig – alles schon tausendmal gegoogelt!

Und dann finde ich unerwartet eine Frage, die im Netz offensichtlich (noch) nicht gestellt wurde. Obwohl sie eigentlich auf der Hand liegt. Denn nachdem ich mich durch die verschiedenen Antworten auf mein Softwareproblem hindurchgearbeitet habe, lande ich wie schon so oft in einer Sackgasse: just diesen Befehl, den ich ausführen sollte, oder jene Auswahlmöglichkeit im Menü, die mir die hilfsbereite Plattform präsentierte, gibt es in meinem Programm überhaupt nicht; die Antwort ist keinen Pfifferling wert. Meine frustrierte Frage, die ich dann eingebe, bleibt ohne Ergänzung durch Google – offensichtlich hatte sie so noch niemand gestellt:
Warum funktionieren die Anleitungen aus dem Netz nie bei dem Programm, das ich nutze?

 Auf meinem Laptop habe ich es inzwischen geschafft, das Standard-Textfeld zu ändern. Als ich es auf meinem stationären PC ebenfalls ändern will und der Anleitung aus dem Netz folge, renne ich wieder gegen eine Wand. Und auch meine nächste Frage ans Netz hat es so anscheinend noch nie gegeben:
Was kann ich alternativ sagen, wenn ich „Scheiße“ sagen wollte?

Entgleisende Gehirnzüge

Ich liege schläfrig auf der Couch. Alles Mögliche geht mir durch den Kopf. Noch schön geordnet, in den mehr oder weniger gesicherten Gleisen meines Denkens. Und dann kommt mir auf einmal ein Gedanke dazwischen, der – wie soll ich sagen? – nicht mehr ganz stimmt, obwohl er sich andererseits im Moment schlüssig anfühlt, ein Gedanke, der gleichzeitig aber irgendwie surreal ist und meinen Gedankenzug aus den Gleisen hebt. Und ich sehe mir selber beim Denken zu und merke, dieser Gedanke passt mit dem Vorherigen nicht mehr zusammen, es ist so, als würde ich plötzlich den Boden unter den Füßen verlieren und einen Schritt in die Luft machen, wo ganz neue Gesetzmäßigkeiten gelten. Interessanterweise realisiere ich selbst noch, dass sich mein Bewusstsein an der Schwelle zu einem anderen Modus befindet und im Begriff ist, in eine Welt ganz eigener Plausibilitäten einzutreten. Ja, das Schöne ist: Ich kann meinen Gehirnzügen beim Entgleisen zusehen: wie sie aus den Schienen springen und sich neue Wege suchen.

Nur  wenige Sekunden geht das. Ich bin gerade dabei, einzuschlafen, und ob die ganze Welt nun auf einmal blau ist, kann mir egal sein, denn ich weiß, dass sie es nicht wirklich ist, aber es fühlt sich so leicht an, den mühevollen Gang gegen den Schwebezustand einzutauschen.

Als Nächstes kräht der Hahn, nicht im Traum, sondern in der alten Wirklichkeit – mein Handy-Wecker: das Abfahrtssignal für meinen Gedankenzug, der fahrbereit wieder auf dem Gleis steht.

Menschen hoffen

Beziehungen zerbrechen
Krankheiten führen zum Tod
Projekte scheitern
Betrüger bleiben unentdeckt

Menschen hoffen

Autos krachen ineinander
Felder werden dürr
Schiffe versinken
Computer stürzen ab

Menschen hoffen weiter

Skrupellose machen Rekordprofit
Landschaften werden überschwemmt
Unschuldige werden eingesperrt
Viren befallen Millionen

Menschen hoffen immer noch

Militärs schicken Panzer
Kinder haben Hunger
Karrieren brechen ab
Freiheitsliebende werden zusammengeschlagen

Menschen hoffen trotz allem

Menschen sind so dumm
Menschen lernen nichts dazu
Menschen wissen, wie Leben geht
Menschen werden immer hoffen

Unzählige Welten

Welche Vorstellung hat ein blind geborener Mensch von den Dingen, die er nicht sehen kann? Versuche ich als Sehender, mir seine Vorstellung vorzustellen, merke ich sehr schnell: es geht nicht. Ich habe keine Ahnung, zu welcher Gestalt sein Gehirn die Informationen zusammensetzt, die er von seinen Sinnesorganen erhält. Ich kann auch nicht so tun, als sähe ich nicht. Als Sehender kann ich die Situation eines Blinden niemals simulieren. Seine Welt wird mir in dieser Hinsicht immer verschlossen bleiben, und selbst wenn er versuchte, sie mir zu beschreiben, bleibt unsicher, ob seine Worte dieselben Dinge bezeichnen, die ich damit verbinde.

Was für den Gesichtssinn gilt, trifft auch für unsere übrige Wahrnehmung zu. Da jedes Gehirn einzigartig ist und von unterschiedlichen Sinneseindrücken gefüttert wird, kommt notwendigerweise bei jedem Menschen eine andere Wahrnehmung zustande. Mit anderen Worten: Jeder von uns lebt in seiner Wirklichkeit, um nicht zu sagen: in seiner Welt.

Ist es damit ausgeschlossen, dass wir einander verstehen? Zum Glück nicht. Dort, wo unsere eigene Wirklichkeit mit einer anderen überlappt, wo wir uns austauschen und feststellen, dass wir wohl mehr oder weniger das Gleiche denken, glauben oder fühlen. Wo es zu einer Überschneidung der je unterschiedlichen ‚Welten‘ kommt, in denen wir leben, ereignet sich Verstehen. So jedenfalls sieht es die philosophische Richtung des Konstruktivismus.

Fazit: Die ganze Wirklichkeit des/r anderen werde ich niemals erkennen oder verstehen, d.h. wir werden immer ein Stück blind füreinander bleiben. Was für ein Jammer, dass es so viele Welten gibt!
Man kann es aber auch andersherum sehen: Die Mühe lohnt, denn partielles Sich-Verstehen ist möglich und bildet die Basis dafür, auch das nicht Verstehbare auszuhalten. Was für ein Reichtum, dass es so viele Welten gibt!