Menschen hoffen

Beziehungen zerbrechen
Krankheiten führen zum Tod
Projekte scheitern
Betrüger bleiben unentdeckt

Menschen hoffen

Autos krachen ineinander
Felder werden dürr
Schiffe versinken
Computer stürzen ab

Menschen hoffen weiter

Skrupellose machen Rekordprofit
Landschaften werden überschwemmt
Unschuldige werden eingesperrt
Viren befallen Millionen

Menschen hoffen immer noch

Militärs schicken Panzer
Kinder haben Hunger
Karrieren brechen ab
Freiheitsliebende werden zusammengeschlagen

Menschen hoffen trotz allem

Menschen sind so dumm
Menschen lernen nichts dazu
Menschen wissen, wie Leben geht
Menschen werden immer hoffen

Unzählige Welten

Welche Vorstellung hat ein blind geborener Mensch von den Dingen, die er nicht sehen kann? Versuche ich als Sehender, mir seine Vorstellung vorzustellen, merke ich sehr schnell: es geht nicht. Ich habe keine Ahnung, zu welcher Gestalt sein Gehirn die Informationen zusammensetzt, die er von seinen Sinnesorganen erhält. Ich kann auch nicht so tun, als sähe ich nicht. Als Sehender kann ich die Situation eines Blinden niemals simulieren. Seine Welt wird mir in dieser Hinsicht immer verschlossen bleiben, und selbst wenn er versuchte, sie mir zu beschreiben, bleibt unsicher, ob seine Worte dieselben Dinge bezeichnen, die ich damit verbinde.

Was für den Gesichtssinn gilt, trifft auch für unsere übrige Wahrnehmung zu. Da jedes Gehirn einzigartig ist und von unterschiedlichen Sinneseindrücken gefüttert wird, kommt notwendigerweise bei jedem Menschen eine andere Wahrnehmung zustande. Mit anderen Worten: Jeder von uns lebt in seiner Wirklichkeit, um nicht zu sagen: in seiner Welt.

Ist es damit ausgeschlossen, dass wir einander verstehen? Zum Glück nicht. Dort, wo unsere eigene Wirklichkeit mit einer anderen überlappt, wo wir uns austauschen und feststellen, dass wir wohl mehr oder weniger das Gleiche denken, glauben oder fühlen. Wo es zu einer Überschneidung der je unterschiedlichen ‚Welten‘ kommt, in denen wir leben, ereignet sich Verstehen. So jedenfalls sieht es die philosophische Richtung des Konstruktivismus.

Fazit: Die ganze Wirklichkeit des/r anderen werde ich niemals erkennen oder verstehen, d.h. wir werden immer ein Stück blind füreinander bleiben. Was für ein Jammer, dass es so viele Welten gibt!
Man kann es aber auch andersherum sehen: Die Mühe lohnt, denn partielles Sich-Verstehen ist möglich und bildet die Basis dafür, auch das nicht Verstehbare auszuhalten. Was für ein Reichtum, dass es so viele Welten gibt!

Die Krise als Chance?

Seit wir uns im Lockdown befinden, kommt mir immer wieder einmal die Situation von Strafgefangenen in den Sinn. Vielleicht nicht ganz abwegig. Wie leben sie mit den Einschränkungen, die im Vollzug gelten? Sozusagen Im permanenten Lockdown. Ausgangssperre 24/7.

Immer allein in einer Zelle. Einmal am Tag Ausgang für eine halbe Stunde. Ein Klischee, ja. Gefangenenleben in Deutschland 2021 sieht anders aus: Eine ganze Stunde Ausgang. In der Regel zu zweit auf der Zelle. Arbeit – nicht freiwillig, sondern verpflichtend, um Vater Staat einen Teil der Unterbringungs- und Verpflegungskosten zurückzuzahlen. Die Häftlinge können sich an der Knastkultur beteiligen (Theater, Musik, Gottesdienst etc.), sich mit anderen Insassen treffen, die Gefängnisbibliothek nutzen (Internet ist nicht erlaubt) und vieles mehr. Aber spätestens um 17 Uhr ist „Einschluss“ – Zeit genug, mit sich selbst allein zu sein und gegen äußere und innere Mauern anzurennen. Und sich an der bitteren Einsicht abzuarbeiten, nicht für und über sich selbst entscheiden zu dürfen.

Wie gehen Menschen damit um? Macht es sie seelisch kaputt oder stärker? Der Knast, erklärt mir ein Richter, ist für die wenigsten der Ort, um innerlich zu wachsen. Die meisten rutschen in Haftgewöhnung, geraten oft auch in die Fänge der Subkultur (z.B. in die hierarchische Struktur der Gefängnisgesellschaft mit ihren menschenverachtenden, wenig bekannten Auswüchsen). Und 40% werden binnen drei Jahren erneut zu einer Haftstrafe verurteilt. Summa: Im Gefängnis werden Menschen nicht besser. Zu dieser schlichten Erkenntnis war ich schon einmal gekommen, als ich im Studium ein Praktikum bei einer Initiative für Strafentlassene absolvierte.

Die Einschränkung als Dauersituation bewirkt nichts Positives. Aber was ist mit den Gefangenen der Corona-Krise? Menschen reagieren unterschiedlich. So wachsen manche Schüler im Lockdown geradezu über sich hinaus. Hochkonzentriert und strukturiert arbeiten sie und stellen sich ständig neuen Herausforderungen. Für sie wirkt die Krise wie ein Wachstumskatalysator. Aber es gibt auch diejenigen, die abtauchen oder abgehängt werden.

Ich gehöre zu den Letzten, die die gegenwärtige Krise schönreden, indem sie auf ihre lichten Seiten hinweisen: zu viele Schatten-Schicksale gibt es, meist im Verborgenen, fernab medialer Wahrnehmung. Trotzdem wäre es eine ideologische Engführung, positive Seiten zu leugnen – nur darf beides nicht gegeneinander aufgewogen werden. Es ist wie bei einem Krieg: Er richtet Entsetzliches an, und in seinem Schatten wächst und gedeiht manches, was sonst nicht zum Vorschein käme. So widersprüchlich ist diese Welt. Und doch vermag das Helle das Dunkle niemals zu rechtfertigen. Die Krise kann manchem zum Vorschein verhelfen, was sonst nicht das Licht erblicken würde. Und gleichzeitig ist jeder Tag ein Tag zu viel.

Vor dem Gesetz sind alle gleich – und manche gleicher

Wenn ein Bankräuber
von einem Gericht abgeurteilt werden soll
das maßgeblich aus seinen Komplizen besteht
würde dieses Gremium sofort aufgelöst werden

Wenn ein Ex-Präsident
von einem Senat abgeurteilt werden soll
der maßgeblich aus seinen Vasallen besteht

Ein Grund mehr
lieber Präsident als Bankräuber zu werden

Kalauer

Adam Riese
konnte mit
großen Zahlen umgehen
ohne sich dabei
wie der
erste Mensch anzustellen

Titananthropos

Fünfunddreißig Meter soll der bisherige Rekordhalter gemessen haben. In den bunt illustrierten Bildbänden meiner Jugend sucht man ihn vergebens: da schlummerten seine Fossilien noch unentdeckt im Boden Patagoniens. Diplodocus, Brontosaurus und Brachiosaurus hießen die Superschwergewichte, die meine kindliche Phantasie befeuerten und später in Steven Spielbergs Jurassic-Park-Filmen atemberaubend majestätisch über die Leinwand zogen. Doch der Wettstreit der prähistorischen Echsen ist noch nicht beendet: Seit 2012 wird ein noch größeres und schwereres Ungetüm ausgegraben, erneut auf dem südamerikanischen Kontinent. Um die 40 Meter soll seine Länge von der Schnauze bis zum Schwanz betragen haben, sein Gewicht wird auf 70 Tonnen oder mehr geschätzt. Einen Namen hat die neue Art auch schon: Titanosaurus.

Es ist schon seltsam, sich vorzustellen, dass diese Giganten über Millionen von Jahren die Erde bevölkerten, ohne dass sie jemals ein Mensch zu Gesicht bekommen hätte. Geschweige denn dass sie jemals ein Mensch gestört hätte – und umgekehrt: auch ohne die dramatischen Filmszenen mit Tyrannosaurus, Velociraptor und anderen Anti-Vegetariern leicht vorstellbar.

Vielleicht würden ihre Tritte noch heute die Erde erzittern lassen (ohne uns), wären sie nicht ausgestorben – der  jüngsten Theorie zufolge durch die Folgen eines Meteoriteneinschlags im Golf von Mexiko. Doch auch so war ihre Zeit unvorstellbar lang: Mehr als 150 Millionen Jahre (von den ersten Formen an) lebten sie auf dieser Erde. 150.000.000 Jahre!

Doch würde man die Erdenzeit von etwa 5 Milliarden Jahren in einem einzigen Jahr ablaufen lassen, erscheinen die Dinosaurier erst am 24. Dezember! Fünf Tage später sterben sie schon wieder aus. Als Homo Sapiens am Silvesterabend die Weltbühne betritt, ist es bereits fünf vor zwölf. Und um 23:59:55 sind wir im Jahr 0 angekommen.

Der Mensch erscheint fünf vor zwölf. Und ganze fünf Sekunden braucht es für die letzten zweitausend Jahre. Ein Atemzug im Vergleich zu einem Jahr von 365 Tagen. Aber dieser eine Atemzug reicht dem Menschen, um sich als der wahre Titan der Erdgeschichte zu  etablieren. Er richtet Verwüstungen an, für die es in grauer Vorzeit Meteoriteneinschläge oder Vulkanausbrüche apokalyptischen Ausmaßes brauchte – letztere sind trotz konkurrierender menschlicher Anstrengungen nicht auszuschließen, wie Forschungen an einem unterirdischen Supervulkan im Yellowstone seit Jahrzehnten zeigen.

Titanosaurus war ein Pflanzenfresser. Der menschliche Titan frisst alles: Pflanzen, Fleisch, Wasser, Wälder, Ländereien, Rohstoffe, Sauerstoff – sein Appetit ist grenzenlos. Titananthropos.

Die Titanen der griechischen Mythologie werden nach unzähligen blutigen Kämpfen schließlich in den Tartaros verbannt. Von dort können sie nie mehr entkommen. Ob der Titan von heute diesem Schicksal entgehen wird?

Nächtliche Ausgangssperre bundesweit – jetzt!

Endlich hat jemand Mut zu fordern, was ich schon seit langem für dringend geboten halte: eine bundesweite nächtliche Ausgangssperre!

Die ganze Zeit schon regen mich die Menschenmassen auf, die sich jede Nacht zu Fuß durch die Innenstädte wälzen! Tausende und Abertausende! Wie ich es hasse, wenn sie sich in der Dunkelheit in Trauben auf der Straße versammeln, natürlich ohne Mund-Nasen-Bedeckung, und ihren Glühwein bechern. Von den unzähligen nächtlichen Hauspartys in meiner Nachbarschaft ganz zu schweigen. Selbst in der Natur draußen, auf Wald- und Wiesenwegen, herrscht nachts unverantwortliches Gedränge. Ich will gar nicht daran denken, wie diese Nasen die Inzidenzzahlen in die Höhe treiben!

Aber nun wird dem hoffentlich bald ein Ende bereitet! Dann darf niemand mehr nachts raus – bundesweit! So besiegen wir das Virus – wir schaffen das!

Merke: Man muss nicht ausgesprochen blöd sein, um hier zu leben, aber es erleichtert die Sache ungemein – zumindest derzeit!

Leben heißt …

Cogito, ergo sum – ich denke, also bin ich, so René Descartes im 17. Jahrhundert. Auch wenn nichts an meinem Denken sicher ist – DASS ich denke, beweist, dass ich existiere.

„Holt mich nicht so ab“, würden meine Kinder sagen. Wie es heute heißen müsste?

Communico, ergo sum – ich kommuniziere, also bin ich. Auch wenn mir zur Zeit vieles wegbricht, was bisher sicher war – DASS ich kommuniziere, beweist, dass ich lebe!

Schüler schaffen es, sich morgens aus den Decken zu schälen, weil sie wissen, dass in wenigen Minuten die Online-Konferenz ihrer Klasse beginnt, wo sie einander zwar nicht sehen dürfen (weil das System sonst abstürzt), aber zumindest ihre Lehrkraft. Wenigstens können sie im Chat schreiben und für einen Augenblick auch mal ihr Mikrophon freischalten und das Wort ergreifen. Viel Aufwand mit möglicherweise überschaubarem pädagogischen Ertrag – aber kommuniziert wird! Gelebt wird!

Die leibliche Anwesenheit ist auf Dauer jedoch durch kein noch so raffiniertes Medium zu ersetzen. Wer jemals allein gelebt hat, „dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe“ (Dietrich Bonhoeffer), weiß, wie köstlich allein die Anwesenheit anderer Menschen um einen herum sein kann. Wie Kolleginnen und Kollegen, die ich zuvor als selbstverständlich erlebte, plötzlich Farbe und Licht ins Leben bringen.

Ich kommuniziere, also bin ich. Leben heißt in Verbindung mit anderen stehen. Nicht nur virtuell.  Ob Politiker, die von einem Meeting (leibhaftig oder virtuell) zum nächsten eilen, ermessen, dass die aktuellen Kontaktbeschränkungen manchen Menschen ‚das Leben nehmen‘?

Lust auf Leben

Es hasste ein Vater Raketen,
“Das ist“, sprach er, „nur für Proleten“.
Doch dann kam Silvester,
wer knallte als erster?
sein Sohn – und er guckte betreten.

Hatte ich vor vielen Jahren diesen polemischen Limerick gereimt, so wurde ich an diesem Silvester Zeuge einer plötzlichen Sinneswandlung – meiner selbst …

Ich liebe seit gestern Raketen
und hätte viel mehr noch erbeten.
Wer knallt, protestiert,
und wo sich was rührt,
ist Leben noch immer vertreten.