Das starke und das schwache Geschlecht

Eine Studie der Martin-Luther-Universität Halle will gezeigt haben, dass die Geschlechter beim Sport unterschiedliche Leistungen bringen, je nachdem ob andere zusehen oder nicht. Untersuchungen beim Biathlonwettkampf ergaben: Männer laufen ohne Publikum langsamer als sonst, Frauen schneller.

Das eigentlich Interessante an Studien ist ihre Interpretation, so auch hier: Warum verhalten sich die Geschlechter unterschiedlich? Meine These: Männer sind stärker nach außen orientiert, Frauen stärker nach innen. Männer sind grundsätzlich mehr angewiesen auf externe Beziehungen und reagieren entsprechend auf die Anwesenheit oder das Ausbleiben von Zuschauern. Anwesenheit provoziert ihr Bedürfnis, sich darzustellen und eine möglichst günstige Außenwirkung zu erzielen (Evolutionsbiologen würden dazu Imponiergehabe und Paarungsverhalten assoziieren), wodurch im Endeffekt höhere Leistungen erzielt werden. Frauen hingegen können sich durch die Abwesenheit von Publikum noch stärker als sonst auf sich selbst konzentrieren und kommen dadurch zu besseren Leistungen. Kurz gesagt: Männer brauchen Publikum für ihre beste Performance, Frauen brauchen nur sich selbst. Überspitzt?

Dagegenhalten ließe sich, dass dieselbe Studie beim Schießen zum genau umgekehrten Ergebnis kommt: Männer schießen vor Publikum nämlich schlechter als sonst, Frauen besser. Lässt sich auch dieser Befund mit meiner Theorie herleiten?

Möglicherweise spielt beim Schießen der Faktor Nervosität eine stärkere Rolle als beim Skilaufen. Der entsprechend höhere Leistungsdruck vor Publikum würde dem Schützen demnach eine unruhigere Hand bescheren: er verfehlt vor Zuschauern eher das Ziel als allein. Warum Frauen in dieser Situation besser schießen als ohne Zuschauer, bleibt für mich allerdings offen. Erklärungen willkommen!

2021

Man kennt die alten Science-Fiction-Filme, die mit ihrem Titel mehr oder weniger weit ins 21. Jahrhundert vorstoßen. “2001 – Odyssee im Weltraum” (Stanley Kubrick 1968) und unzählige andere. Und wie meist gab es Vorläufer in der Literatur, wie George Orwells “1984” von 1949.

Heute Abend blieb mein Auge im unteren rechten Bildschirmbereich hängen, wo Windows freundlicherweise Datum und Uhrzeit einblendet. Und auf einmal traf mich die Jahreszahl mit aller Wucht: 2021! 2021! Wie ein Reisender auf der Bahnfahrt zwischen München und Hamburg, der nach einem Nickerchen hinter Hannover aufwacht.

1980 sollte die Münchner U-Bahn bis Neuperlach fertiggestellt sein – darauf fieberten wir als Schulkinder hin, denn dann mussten wir nicht mehr die olle Trambahn benutzen: die Moderne hielt Einzug. Das war vor mehr als 40 Jahren.
Die nächste Zäsur: das Millennium. Wie oft stellte ich mir mich im Jahr 2000 vor! Was bis dahin mein Beruf sei, ob ich Frau und Kinder habe, wo ich wohnte etc. Und alles war damals noch so weit weg!
Seitdem sind schon wieder mehr als 20 Jahre vergangen, und heute Abend bin ich schockiert darüber, dass wir schon so weit ins 21. Jahrhundert vorgedrungen sind.

Auf welche Zäsur lebe ich inzwischen hin? Auf das Ende der Verbrennungsmotoren? Auf meinen Ruhestand (noch ist das in meinem Kopf keine Jahreszahl, auch wenn ich sie leicht ausrechnen könnte)? Seltsamerweise fallen mir keine ein. Es gibt sie nicht mehr, die großen Zäsuren. Das Leben findet jetzt statt, nicht in der Zukunft – wenn das meine Lehre aus den bisherigen Jahrzehnten ist, wäre es nicht die schlechteste …

Der Raum

Bisher habe ich nur Leute gesehen, die den Raum verließen oder ihn betraten. Wohl habe ich aber Kenntnis von vielen anderen – ohne sie allerdings jemals getroffen zu haben -, dass sie sich früher einmal in diesem Raum aufgehalten haben.

Ich selbst habe immer nur das erlebt, was sich innerhalb dieses Raumes abspielte. Dass es hier drinnen weitergeht – nicht alles, das zu behaupten wäre unzutreffend -, auch wenn jemand den Raum verlässt, habe ich schon oft erfahren. Dass es weitergeht, wenn ich ihn verlasse –  „hier weitergeht“ wäre in diesem Moment nicht mehr korrekt -, vermag ich mir ehrlich gesagt nicht vorzustellen. Als hörte der Raum auf zu existieren, sobald ich ihn verließe – wie lächerlich! Es sei denn, der Raum existierte nur in meinem Kopf. Dann würde er mit meiner Abwesenheit tatsächlich aufhören zu existieren. Manche glauben das tatsächlich. Aber das kann ich mir noch weniger vorstellen.

So werde ich mich wohl oder übel an den Gedanken gewöhnen müssen, dass es hier (jetzt kann ich noch „hier“ sagen, ohne zu wissen, wie ich mich dann räumlich verorte) ohne mich weitergehen wird. Obwohl auch das im Grunde keine Rolle spielt, ob ich mich daran gewöhnt habe oder nicht. Der Raum jedenfalls wird noch da sein, wenn ich ihn verlassen habe, und alle diejenigen, die sich in jenem Augenblick in ihm aufhalten.

Drei Kinder am Bach

Drei Kinder spielen am Bach. Sie sind ungefähr gleichen Alters und unterscheiden sich voneinander sicherlich in vielerlei Hinsicht, ohne dass ich dies auf den ersten Blick sehen könnte. Was ich sehen kann, hätte ich früher so beschrieben: Das erste Kind ist weiß, das zweite schwarz, das dritte asiatisch.
Mein Bauchgefühl sagt mir, dass diese Beschreibung im Filter vieler Sprachpolizisten hängenbleiben würde. Ist sie rassistisch? Eines ist sie auf jeden Fall: ungenau.

„Weiße“ sind nicht weiß, auch wenn sie so genannt werden. In einem (ursprünglich französischen) Bilderbuch zeigt ein schwarzes Kind einem weißen Kind auf erfrischende Weise, wie „weiße“ Kinder  je nach Situation verschiedene Hautfarben annehmen: rot (Wut), grün (Übelkeit) etc. Am Ende des Buches sagt das schwarze zum weißen Kind: „Und du sagst, dass ich farbig bin?“

Die korrekte Bezeichnung für die Nachkommen der schwarzen Sklaven in Amerika lautet  heute „Afro-Amerikaner“ (in meiner Kindheit waren sie so wie die Schwarzafrikaner „Neger“ [von lateinisch niger = schwarz], was nicht im mindesten abwertend war, sowenig wie noch früher „Mohr“). Allerdings weiß ich nicht, ob dieses Kind zu dieser Gruppe gehört oder aus Afrika kommt (im Sinne von: direkt von Menschen abstammt, die in Afrika heimisch sind oder waren).

Möglicherweise würde mir jemand nun entgegnen: Welche Rolle spielen diese Details überhaupt? Seltsamer Gegensatz: Einerseits wird Diversität in einer noch nie dagewesenen Differenziertheit wahrgenommen, auf der anderen Seite soll diese Diversität dann z.B. in einer Beschreibung keinerlei Rolle spielen und stattdessen öde Gleichmacherei herrschen?

Beschreibe ich das dritte Kind als „asiatisch“, so werden die meisten Europäer sich das Kind mit Gesichtszügen vorstellen, wie sie Menschen in China, Japan, Korea, Vietnam usw. haben (Menschen mit Schlitzaugen, so hieß das früher – ist das rassistisch?), also im östlichen Teil Asiens. Sie werden sich kaum ein Mädchen aus Indien vorstellen und schon gar keinen arabischen Jungen. Dabei könnte ein indisches Kind ohne weiteres eine dunklere Hautfarbe haben als ein Kind, das aus dem früher sogenannten „Schwarzafrika“ stammt, welches heute politisch korrekt „Subsahara-Afrika“ heißt und alle Staaten südlich der großen Wüste umfasst.

Die von mir gebrauchten Begriffe (weiß, schwarz, asiatisch) halten einer genauen Überprüfung nicht stand. Aber sie sind zumindest in unseren Breiten konventionalisiert, d.h. mit einer bestimmten Semantik verbunden. So denken wir bei „schwarz“ eben nicht an einen Menschen indischer Herkunft mit dunkler Hautfarbe, sondern an jemanden, dessen Vorfahren (oder er selbst) aus dem Afrika südlich der Sahara stammen. Und der Begriff „asiatisch“ ruft nicht die Vorstellung eines Menschen aus dem Mittleren Osten auf, sondern diejenige von einem Menschen aus dem fernen Osten.
So mögen diese Begriffe zwar sachlich ungenau sein, ermöglichen zumindest für Menschen, die in diesem Kulturkreis sozialisiert wurden, jedoch eine ziemlich exakte Vorstellung.

Zurück zum Anfang: „Das erste Kind ist weiß, das zweite schwarz, das dritte asiatisch.“
Damit ist nichts darüber gesagt, wo diese Kinder geboren wurden und Bürger welchen Landes sie sind. Wohl aber über ihren Phänotyp, über ihre äußere Erscheinungsform als Menschen. Diese mit konventionalisierten Begriffen zu beschreiben erscheint mir (Europäer und vermutlich schon ein „weißer alter Mann“) nicht als rassistisch.

Übrigens: Während man früher relativ unbefangen von „Menschenrassen“ sprach (ohne deshalb notwendigerweise ein Rassist zu sein), wird inzwischen grundsätzlich nicht mehr von Rassen gesprochen. In einem Beitrag erfahre ich z.B., dass weiße Europäer genetisch gar enger mit Ostafrikanern verwandt sind, als Ostafrikaner mit indigenen Südafrikanern.
https://www.swr.de/wissen/1000-antworten/warum-gibt-es-keine-menschenrassen-tierrassen-gibt-es-doch-auch-100.html

Aber wenn ich Kindern beim Spielen im Bach zuschaue, sehe ich von ihrem Genom herzlich wenig.

Zum Schluss: Warum habe ich bei meiner Beschreibung das weiße Kind an die erste Stelle gesetzt? Vermutlich deshalb, weil in unserer Region Menschen mit diesem Phänotyp in der Mehrzahl sind. Auch das hat mit Rassismus nichts zu tun.

Merke: Es ist nicht alles so einfach, aber auch nicht alles so kompliziert, wie uns derzeit von manchen eingeredet wird.

Letzte Worte

Was werden einmal meine letzten Worte sein? Welcher Gedanke wird mir durch den Kopf gehen, bevor alles schwarz wird? Letzte Worte hatten schon immer besonderes Gewicht. Würde Martin Luther dem neuen Glauben im Angesicht des nahenden Todes doch noch abschwören? Was war mit Goethe, als er am Ende „Mehr Licht!“ ausrief?

Wenn ich tot vom Rad falle, dann mit goldenen Weizenfeldern im Kopf, nicht mit dem Gedanken, dass ich wieder nicht das Unkraut in der Einfahrt weggemacht habe. So hätte ich’s gern.

Doch der Tod ist meist banal. Viele Männer sterben im Sessel vor der Bundesliga, neben ihnen das halb ausgetrunkene Bier. Auch bei der EM wird der Fußball für manche letzter Gedanke und letztes Wort sein. Die Frage ist, ob die Leistungen der deutschen Mannschaft die Quote in die Höhe treiben werden …

Wenn eine Kuh an der Briefwaage hängt

Einer der Gründe, warum es uns so schwer fällt, respektvoll und verantwortungsbewusst mit dieser Erde umzugehen, liegt darin, dass unser Verhältnis zur Zeit stark unterentwickelt ist. Für die meisten Entscheidungen, die wir treffen, bildet unsere eigene Lebenszeit den Rahmen. Innerhalb dieser Grenzen bewegt sich unser Denken zumeist – verständlich, stecken diese paar Jahrzehnte doch den Horizont ab, vor dem wir unterwegs sind. Darüber hinaus zu schauen oder uns klarzumachen, wie viel Zeit schon hinter uns liegt, fällt schwer. So können wir keine halbwegs realistische Anschauung der Erdenzeit entwickeln. Dass unser Planet vor ca. 5.000.000.000 Jahren entstanden ist und vor 150.000.000 Jahren von Dinosauriern bevölkert wurde, lässt sich zwar in ehrfurchtsheischenden Zahlengebilden ausdrücken – aber vorzustellen vermögen wir uns dies auch nicht annähernd. Wir haben kein Organ dafür, das in der Lage wäre, Zeitspannen dieser Ausdehnung zu erfassen. Es ist, als ob man eine Kuh an eine Briefwaage hängen und dann das Gewicht ablesen wollte.

Man muss das begrenzte Hirn schon auf Touren bringen, um die Dimensionen zu begreifen, in die wir seit der industriellen Revolution durch Bevölkerungswachstum und zunehmende Ausbeutung und Zerstörung der Erde vorgedrungen sind.

„Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe hat 2006 die Welt-Erdöl-Reserven auf circa 163 Milliarden Tonnen geschätzt. Pro Jahr werden etwa vier Milliarden Tonnen gefördert. Seit Beginn der industriellen Erdölförderung Mitte des 19. Jahrhunderts sind rund 151 Milliarden Tonnen aus der Erde gepumpt worden, die Hälfte davon innerhalb der vergangenen 23 Jahre. Der „Peak Oil“, der Punkt an dem die Hälfte des vermuteten Öls aus der Erde geholt wird, soll innerhalb der kommenden zehn bis 15 Jahre erreicht werden.“
(https://www.tagesschau.de/wirtschaft/oelpreishintergrund104.html)
Eine sehr überschaubare Zeit … wenn man das Entstehungsjahr der Studie berücksichtigt, dürften wir den „Peak Oil“ bereits überschritten haben ….

200 Jahre genügten demnach, die Ölreserven des Planeten auszuplündern. Dieser Zeitraum entspricht 0,000004% der Erdenzeit. Um auch nur eine einzige Million Jahre so weiterzumachen, bräuchte es 5.000 Erden. Mit ebenso vielen Atmosphären.

Der Schwierigkeitsgrad dieser Rechenaufgaben hält sich in Grenzen: Schulkinder ab der Mittelstufe könnten sie ohne größere Probleme lösen. Geht es um die realen Probleme dahinter, stellen sich jedoch viele Erwachsene immer noch an, als könnten sie nicht bis drei zählen. Wir müssen wohl erst die Kuh an die Briefwaage hängen – korrekterweise müsste es, bezogen auf die Ölreserven und ausgehend von einem 20g-Brief, sogar ein Pottwal von 50 Tonnen sein …

Unter unsern Füßen

Auf der Internetseite einer Stadt entdecke ich verschiedene Rubriken. Corona natürlich, ganz oben momentan. Wohnungsbau. Luftqualitätsuntersuchungen. Und Bombenentschärfung. Bombenentschärfung?!

Im Rahmen eines neuen Bauprojekts, so heißt es dann, ergaben sich bei Probebohrungen Verdachtsmomente, dass im Boden noch Fliegerbomben aus dem 2. Weltkrieg liegen. Die Piloten, die damals ihre tödliche Last abwarfen, sind bis auf eine Handvoll inzwischen selbst tot, ihre Maschinen längst verschrottet. Aber die Bomben können immer noch hochgehen.

Der Krieg war vor 76 Jahren zu Ende. Aber mit den Nachwirkungen müssen wir bis heute leben: Bomben, die immer noch Menschen töten können. Verletzungen, die immer noch weh tun: Alte Männer, die mit Tränen in den Augen erzählen, dass sie niemals ihren Vater gesehen haben. Söhne und Töchter, die von ihren Eltern nie erfuhren, was sie damals (nicht) getan haben.

Mit welchen Langzeitwirkungen, die wir zu verantworten haben, werden künftige Generationen leben müssen? Allein das, was wir im Boden zurücklassen, wird die Menschen durch seine Strahlung nicht Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte beschäftigen. Aber auch das, was wir aus dem Boden geholt haben und was nun fehlt, weil wir es allzu großzügig für uns selbst verbraucht haben. Welche Rubriken auf künftigen Internetseiten (falls es sie bis dahin noch gibt), werden den Lasten geschuldet sein, die wir dieser Welt hinterlassen?

Für die Bombenentschärfung im Neubaugebiet wurden vorübergehend 1300 Menschen evakuiert, dann war gut. So einfach werden die künftigen Bomben nicht zu entschärfen sein.

Nicht so wichtig

Würde sich ein deutsches Unternehmen zwingen lassen, seine Produktionsabläufe wegen der Corona-Krise im Wochentakt umzustellen? Wohl kaum. 

Und doch gibt es hierzulande mehr als 30.000 Unternehmen, die von der Politik seit über einem Jahr genau dazu gezwungen werden. Obwohl nicht wenige von ihnen eine Belegschaft von über 1.000 Personen aufweisen, müssen sie ihre Abläufe alle paar Tage umkrempeln. Offensichtlich ist für die Gesellschaft nicht so wichtig, was dort produziert wird. In den Schulen. 

Gut gemeintes Gedenken

Nun wird heute bundesweit der Corona-Toten gedacht. Gut gemeint, keine Frage, und gleichzeitig so hilflos. Aber nicht nur hilflos, das wäre zu einfach. Auch verzerrend.

„Jeder einzelne Tote ist auch eine schmerzliche politische Niederlage“, sagt die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner. Das klingt wieder einmal mehr so, als könnte mit den geeigneten politischen Mitteln und ihrer Umsetzung der Tod an sich aufgehalten werden. Ich höre dahinter das immer noch weithin gültige Selbstverständnis der Schulmedizin, jeden Todesfall als Niederlage der eigenen Disziplin zu begreifen. Gedenken als Kapitulationsveranstaltung? An dieser Stelle müssten wir alle einmal darüber ins Gespräch kommen, dass der Tod sich nur verzögern, aber nicht aufhalten lässt – weil jedem/r die Stunde schlägt. Diese eigentlich doch banale Erkenntnis bleibt in der gesamten Corona-Zeit wie hinter einem Schleier verborgen – eigentlich wissen alle, dass es da ist, aber niemand spricht darüber. Kann unsere Gesellschaft wirklich nur so überleben, indem sie das einzige Faktum, das von Beginn unseres Lebens an feststeht, so konsequent verdrängt? Und Menschen die Illusion gibt, wenn nur erst Corona beseitigt sei, sei das Leben wieder vollends gefahrlos geworden … so einmal der Kommentator meiner Tageszeitung, der meinte, mit Abschluss der Impfung könne das Leben völlig sorgenfrei und gefahrenlos weitergehen.

Neben der Verdrängung des Todes, dem diese Gedenkfeiern geradezu Aufschub leisten mit ihrer impliziten Botschaft, kommt die Verzerrung hinzu. Es war von Anfang an falsch, weil irreführend und demagogisch, von „Corona-Toten“ zu sprechen. Der Informationsgehalt dieser „Zahlen“ ist zu vernachlässigen, solange niemals geklärt werden kann, welche Rolle das Virus beim Sterben eines positiv getesteten Menschen gespielt hat. Die einzigen halbwegs aussagekräftigen Zahlen sind diejenigen, die sich aus der jeweiligen Übersterblichkeit im Vergleich zu den Vorjahren gewinnen lassen. Verstört dabei zu sehr, dass in Deutschland an einem normalen Tag schon mehr als 2500 Menschen sterben? Oder dass die Übersterblichkeit, die vermutlich maßgeblich auf Corona zurückzuführen ist, durchaus vergleichbar ist mit der Übersterblichkeit bei einer starken Grippewelle? Zahlen von „Corona-Toten“ helfen niemandem, sie schüren nur die Angst in der Bevölkerung – ordentlicher Journalismus sollte damit besser gar nicht hantieren.

Und schließlich: Hilft es wirklich, wenn die sogenannten Corona-Toten nun besonders herausgehoben werden? Ist der Tod eines Menschen, der an Schlaganfall, Herzinfarkt, an Krebs oder am Alter (gibt’s nicht?) gestorben ist, qualitativ anders zu veranschlagen, dass dieser Toten nicht gedacht wird? Dürfen oder müssen Angehörige von „Corona-Toten“ mehr trauern, weil dieser Tod angeblich vermeidbar war? Müssen Gedenkfeiern nun die Würdigung und Fokussierung fortschreiben, die mediale Berichterstattung erzeugt hat, indem sie Corona zum unangefochtenen Dauerthema gemacht hat, wie dies seit dem 2. Weltkrieg kein anderes Thema geschafft hat?

Wenn ein Mensch (absehbar) stirbt, verabschieden wir uns. Dies zu gewährleisten ist Aufgabe der Politik, es über Monate unterbunden zu haben gehört zum Bittersten, was Politiker in der Corona-Krise zu verantworten haben. Auch ein nationaler Gedenktag kann das nicht mehr einfangen.

Der letzte Traum

Einen Tag vor seinem Tod träumt jeder Mensch, dass er fliegen kann. Fragen Sie mich nicht, woher ich das weiß: es ist einfach so. Als ich diesen Traum hatte, gestern, konnte ich es mir jedenfalls nur so vorstellen.

Ich stand in einem nach oben zylinderförmig aufragenden Raum, vergleichbar einer aufgestellten Raumkapsel. Ein paar Menschen waren da, meine Frau beispielsweise, an die anderen erinnere ich mich nicht. Jedenfalls breitete ich die Arme aus und begann mich zu konzentrieren. Nach einer Weile spürte ich eine Kraft unter mir, eine Welle, die mich langsam hochhob, wie der Luftstrom ein Luftkissenfahrzeug. Meine Füße verloren den Kontakt mit dem Boden und ich schwebte langsam nach oben.

In diesem Moment schien mir die Weisheit aller Religionen, Philosophien und Erkenntnisse in mir vereinigt – vermutlich war das der Augenblick, als ich dachte, jetzt müsse es gewiss ans Sterben gehen.

Dann allerdings, und dieser Gedanke war gleich der nächste, durchfuhr mich heiße Angst: Was wäre, wenn plötzlich meine Konzentration abfiele und ich zerschmettert am Boden aufschlagen würde? So macht sich der Mensch Sorgen, dass er sterben könnte – einen Tag, bevor er sowieso sterben muss.

Die Kraft indes hielt mich oben, und ich schwebte weiter. Nicht in den leeren Raum, denn dieser war ja begrenzt. Aber innerhalb des Zylinders schwebte ich, vergleichbar den Astronauten in der Schwerelosigkeit. Es kam mir in diesem Moment gar nicht so ungeheuerlich vor, unter „normalen Umständen“ nicht mehr der Schwerkraft ausgeliefert zu sein. Die Schwerkraft hatte schließlich auch keine Macht mehr über mich – ich hatte mich der alles überragenden Kraft des Geistes anvertraut.

Meist erinnert man den Anfang, nicht aber das Ende eines Traumes. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann doch wieder zu Boden sank wie ein mit Gas befüllter Luftballon am dritten Tag. Ich war erfüllt von diesem Geschehen, andächtig, ohne mich in irgendeiner Form besser zu fühlen als diejenigen, die unten geblieben waren. Nur dankbar.

Ansonsten blieben mir größere Geistesblitze während meines Fluges verwehrt. Ich genoss es einfach zu fliegen. Dass fliegende Menschen die Herausforderungen dieser Welt lösen, bezweifle ich. Vielleicht war es nur eine Botschaft für mich.

Heute bin ich wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Und doch ist in mir immer noch eine Ahnung von dieser Leichtigkeit, die mich abheben ließ.

Ob ich nun tatsächlich heute noch oder morgen sterben werde? Warten wir’s ab. Wenn Sie in ein paar Tagen hier wieder einen Post vorfinden, wissen Sie, dass ich mich geirrt habe. Aber nur darüber. Fliegen kann ich trotzdem. Im Traum.