Mit dir

So haben wir wieder
ein Jahr miteinander
geschafft

Zum Teil hast du’s mir echt schwer gemacht
hast mich enttäuscht
an manchen Tagen wollte ich dich
nicht mehr sehen

Aber dann konnte ich mich wieder auf dich verlassen
du bist bei mir geblieben
hast mich überrascht
und sogar mal begeistert

Macht das eine das andere wett?
Ich weiß es nicht
aber da sind wir
nun
am Ende dieses Jahres

Also dann
auf ein gutes neues
mit dir
meinem
Ich

Weihnachten in der Kleingartenkolonie

Mary Jane hat sich schon die letzten Tage nicht gut gefühlt. Ihre Mutter liegt ihr immer in den Ohren, dass sie sich ungesund ernährt. Vielleicht hat sie ja Recht. Keine Hose kriegt sie mehr zu. Im neuen Jahr wird sie endlich abnehmen. Nicht so viel Döner, Pommes und Cola, dann kommt alles wieder in Ordnung.

Unter normalen Umständen würde sie heute daheim bleiben. Aber die Vorstellung, Heiligabend mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder verbringen zu müssen, ist dann doch zu heftig. Zu einem gemeinsamen Abendessen lässt sie sich noch überreden. Aber als der Kleine alle Geschenke ausgepackt hat und Science-Fiction-Kampfmaschinen gegeneinander antreten lässt, während ihrer Mutter auf dem Sofa langsam die Augen zufallen, ist sie weg. „Macht‘s mal gut, bis morgen“, und schon hat sie die Tür hinter sich zugezogen.

Auf der Straße wartet Yussuf, ihr Freund. „Hi“, sagt er und versucht eine Umarmung, aber sie hält ihn auf Distanz. Wie schon die ganze letzte Zeit. Er merkt es, aber sagt nichts. Bei Frauen weiß man nie, was gerade mit ihnen los ist. Am besten Klappe halten, irgendwann sind sie wieder normal.

Vor ihrer Stammkneipe stehen Danny und Marc, eingehüllt von Zigarettenqualm. Sie gehen rein und bestellen was zu trinken. Immer wieder steht Mary Jane auf und verschwindet Richtung Toilette. Als sie wieder kommt, lässt sie sich stöhnend nieder. „Was ist denn mit dir?“, fragt Marc schließlich. „Hat’s dich irgendwie erwischt?“ „Weiß nicht“, sagt Mary Jane, „mir ist schon den ganzen Tag nicht gut.“ Sie schnauft tief. „Ich kann nicht mehr sitzen. Können wir ne Runde gehen?“

Draußen hat es angefangen zu nieseln. „Pisswetter“, brummt Yussuf, während er versucht, Mary Jane vor dem Regen zu schützen. „Ey, Alter, wo wollen wir eigentlich hin?“ Danny bleibt stehen. Marc zeigt über die Straße. „Wenn wir durch die Kleingartenkolonie gehen, sind wir am schnellsten an der Schule. Da können wir uns unterstellen.“

Mary Jane wimmert. „Nicht so schnell.“ „Mensch, Mary, wir werden total nass.“ Yussuf packt sie fester, zieht sie vorwärts. Auf dem Weg durch die Kleingartenanlage sind überall Pfützen. Als Yussuf seine Freundin daran vorbei bugsiert, entgleitet sie ihm und sinkt zu Boden. „Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr“, wimmert sie. Yussuf sieht sich hilfesuchend um. „Packt mit an“, bedeutet er seinen Kumpels, „wir bringen sie zu der Hütte da.“ Zu dritt schleppen sie Mary Jane auf das nächste Grundstück – das Tor ist zum Glück offen. Schwarz ragt das Dach vor, angebaut ein überdachter Sitzplatz mit einer Biertischgarnitur. Schwer atmend hieven sie Mary Jane auf den Tisch. Sie stöhnt immer heftiger. “Wartet“, sagt Yussuf und rüttelt am Türriegel. „Keine Chance. Wir müssen sie hier draußen lassen. Wenigstens wird sie nicht nass. Haben wir ein Teil zum Zudecken?“ Danny bringt von irgendwoher einen fleckigen Karton, den schieben sie Mary Jane unter den Rücken. Marc zieht eine Plastikfolie aus dem Eck, die legen sie ihr über die Jacke. „Wir müssen Hilfe holfen“, sagt Danny und zieht sein Smartphone heraus. „Hat jemand die Nummer ihrer Mutter?“ “Ey, Alter, was willst du mit ihrer Mutter? Die muss ins Krankenhaus!“, unterbricht ihn Marc. „Marc hat Recht“, sagt Yussuf. „Ruf den Krankenwagen. Das is was Ernstes.“

Der Notarzt musste für eine erkrankte Kollegin einspringen. Zuhause müssen seine Frau und zwei Kinder nun allein Weihnachten feiern. Wie gern hätte er die Augen seiner Tochter gesehen, wenn sie das große Puppenhaus auspackt. Und seinen Sohn, wenn er seinen ersten Laptop bekommt. Zum Glück ist so viel los, dass er nicht oft dazu kommt, an seine Familie zu denken.

Ein Notruf kommt herein: Eine junge Frau mit starken Bauchschmerzen, Ort: Kleingartenkolonie: Seltsam. An diesem Tag und um diese Uhrzeit.
Es dauert eine ganze Weile, bis sie die Hütte gefunden haben. Mehrmals sind sie auf und ab gefahren, aber das ganze Areal ist unbeleuchtet. Dann endlich hören sie jemand rufen und entdecken gleich danach einen Schatten, der in der Dunkelheit gestikuliert.

Der junge Mann trägt nur ein T-Shirt. „Da drin“, stottert er, und taumelt voraus. Der Notarzt hat schon einiges gesehen, aber das hier …
Im Kegel seiner Taschenlampe erkennt er einen Biertisch. Darauf liegt eine Gestalt, mit einer Folie abgedeckt, links und rechts neben ihrem Kopf kauernd zwei junge Männer. Getrocknetes Blut auf dem Tisch und auf dem Boden eine Lache. In einem Eimer am Boden eine gallertartige Substanz. Einer der Männer deutet zur Seite: Eine Schubkarre und darin zusammengeknüllt eine Jacke. Und in der Jacke …

Eine halbe Stunde später werden Mutter und Kind in den Sanka geschoben. Der Junge drückt dem Mädchen die Hand, er ist bleich und sieht erschöpft aus. Eine Sanitäterin schließt die Heckklappe, die drei jungen Männer ziehen ab. Als der Notarzt ins Auto steigt, spielen Bläser von einem Kirchturm „O du fröhliche“. Der Piepser geht an. Der nächste Notruf kommt herein.

Eines bleibt

Sie sagen uns, in diesem Jahr
wird alles anders sein,
ich spür die Kälte auf der Haut,
das Leben schließt sich ein.

Es geht wie eine Seuche um,
ein Nebel deckt das Land.
Wer hat die Sonne ausgeknipst?
Die Welt fährt an die Wand.

Doch eines bleibt trotz allem gleich,
du bist noch da und stehst bei mir,
was immer auch geschehen mag,
du bist noch da und stehst bei mir.

Die Masken unsrer Angst sind dicht,
wir proben Disziplin,
das Lachen hat sich rar gemacht,
Kritik wird nicht verziehn.

Noch niemand weiß, was kommen wird,
doch jeder ist im Recht,
die Panik drängt ans Regiment,
im Dunkeln sieht man schlecht.

Doch eines bleibt trotz allem gleich,
ich bin noch da und steh bei dir,
was immer auch geschehen mag,
ich bin noch da und steh bei dir.

Wir dürsten nach Umarmungen
und halten Abstand ein,
wir feiern gern im großen Kreis
und lassen niemand rein.

Was darf ich tun, was bringt Gefahr?
Das Leben wird geschützt.
Ob Leben, das du nicht mehr lebst,
am Ende dir was nützt?

Doch eines bleibt trotz allem gleich,
wir sind noch füreinander da,
das wird für immer auch so sein,
wir Menschen sind uns Menschen nah.

Drängende Fragen

Hat Dougal früher hier gesessen?
Zusammen mit Herrchen/Frauchen?
Ist sein Herrchen/Frauchen gestorben?

Ist die Bank aus einem Vermächtnis hervorgegangen?
Können Hunde erben?
Womit hat sich Dougal den Platz im Testament verdient?
Hat Dougal immer versucht, auf die Bank zu springen?
Was hat Dougal sonst noch geerbt?

Soll Dougal hier allein sitzen?
Hat Dougal ein neues Herrchen/Frauchen?
Sitzen Hunde gerne auf Bänken?
Warum braucht Dougal eine ganze Bank für sich?

Saß Dougal hier schon jemals?
Zeigte er sichtbare Zeichen der Freude (Schwanzwedeln)?
Wer hat ihn dabei gesehen?

Ist diese Bank für alle tabu, die nicht Hund sind und Dougal heißen?
Würde Dougal knurren oder beißen, falls jemand anderes auf seiner Bank säße?

Ist Dougal ein Dackel?

Ist Dougal ein Hund?

Wunschzettel

Lehrkräfte können sich künftig mit Sensoren ausrüsten lassen, die den CO2-Gehalt im Klassenzimmer messen. Abgesehen davon, dass zur obligatorischen Grundausstattung von Pädagogen früher Nasen gehörten, die verbrauchte Luft von unverbrauchter zu unterscheiden wussten: ich würde den weihnachtlichen Wunschzettel gern noch etwas verlängern:

Zuallererst wünschte ich mir einen PH-Sensor, der den Panik- und Hysteriegehalt in der Atmosphäre bestimmt und eine Grenzwertverletzung anzeigt, z.B. sobald Zahlen von Corona-positiven Sterbefällen in den Raum gestellt werden, ohne dass im gleichen Atemzug darüber aufgeklärt wird, wie viele Menschen täglich in unserem Land sterben (2019 etwa 2.500) und wie sich die aktuelle Übersterblichkeit prozentual im Vergleich zu üblichen temporären Ausschlägen (grippe- oder hitzebedingt) darstellt.

Und wenn wir schon dabei sind, würde ich gern noch einige UV-Filter ordern, in denen Unmenschlichkeits-Verordnungen hängenbleiben, so wie diese, dass manche Kliniken seit Wochen wieder grundsätzlich Besucher ausschließen und damit das Los von Menschen noch verschlimmern, die sich ohnehin schon in einer Ausnahmesituation befinden. Durchlassen würden die Filter hingegen klare Gedanken, die nicht dem Irrglauben entspringen, man könne Leben schützen, indem man es verhindert oder indem sich alle an die Regeln hielten.

Doch steht zu befürchten, dass meinen Wünschen dasselbe Schicksal beschieden sein wird wie dem Wunschzettel am Weihnachtsbaum im Foyer einer Schule, auf dem stand: „Weihnachten nicht eingeschrenkt“.

Applaus!

Das Kind entzündet in der Kirche die erste Kerze am Adventskranz, da beginnt der Mann in der Reihe vor mir – er ist psychisch krank und immer für Überraschungen gut – zu klatschen, es ist wahr, manchmal haben diese Menschen einen unmittelbareren Zugang zu den Dingen, spüren instinktiv schneller und besser, was los ist, was der Grund sein muss für seinen unvermittelten Applaus, dem ich mich spontan am liebsten anschließen möchte, was ich dann doch nicht tue, weil ich die Etikette respektiere, andererseits wird in der Kirche inzwischen bei allen möglichen Gelegenheiten geklatscht, warum also nicht hier, und so hätte ich mitklatschen sollen, statt mit den Händen im Schoß auf meinem Platz zu verharren, denn ehrlich gesagt, was lässt sich begründeter beklatschen als das Licht und dass das Licht kommt und die Dunkelheit endlich ein Ende hat, tautologisch gesprochen – endlich ein Ende – ist das fürwahr, was möglicherweise ein unbewusst verbalisierter Seufzer darüber ist, dass es nun wirklich genug sei mit der Zeit der Finsternis und sich alle, alle sehnen nach dem Licht, mag dies noch so apokalyptisch oder dualistisch oder einfach nur naiv klingen, ich stehe dazu, und deshalb applaudiere ich im Nachhinein mit jenem Weisen, der mir in diesem Moment mehr als eine Nasenlänge voraus war, dem kommenden Licht.

Was du suchst

Was du suchst, ist nicht auf den Gipfeln der Berge, nicht in den Tiefen der Meere, es ist in deinem Herzen.

Gegen diesen Satz spricht eine ganze Industrie – die des Tourismus. Sie macht uns erfolgreich klar, wir fänden das, was wir suchen, eben doch auf den Gipfeln der Berge und in den Tiefen der Meere, in den Pools der Ferienanlagen und auf den üppigen Buffets der Hotels. Finden wir es dort?

Vielleicht stimmt beides. Vielleicht finden wir das, was wir im Tiefsten suchen, nicht im Urlaub. Aber damit sich unsere Seele wieder daran erinnern kann, müssen wir fortgehen und für eine bestimmte Zeit das Vertraute hinter uns lassen. Damit unsere Seele wieder ins Schwingen kommt, braucht es Abstand von dem, was uns normalerweise Struktur gibt, aber uns in einer Mischung aus Vertrautheit und Zwang auch die Luft nimmt. Wir müssen fort ans Meer, wir müssen fort auf die Berge. Reinhold Messner hat gesagt: Ich gehe fort, um heimzukommen.

Wir müssen uns offenbar erst einmal verlieren, um uns wiederzufinden. Ich lasse all das hinter mir, was mich stützt und gleichzeitig einsperrt, und mache neue Erfahrungen mit mir selbst. Vermittelt werden diese Erfahrungen durch das, was außen ist: das Meer, die Berge etc. – aber in Wirklichkeit mache ich eine Erfahrung mit mir selbst, spüre ich darin doch eine neue Dimension meiner eigenen Existenz, die über die Zeit vielleicht zu kurz gekommen ist: Die Weite des Meeres lässt mich wieder die Weite erahnen, die in mir sein kann, die stille und majestätische Selbstverständlichkeit der Berge korrespondiert der ruhigen Gelassenheit, die ich tief in meinem Inneren spüren kann etc.

Das Äußere ist ein Abbild von dem, was meiner Seele guttut – selbst wenn es typisch neuzeitlicher Naturromantik geschuldet sein sollte. Doch vielleicht steckt in unseren romantischen Gefühlen für die Natur noch ein Rest von der Verbundenheit mit unserer Umwelt, die wir vor 400 Generationen vor dem Übergang in die Sesshaftwerdung noch in uns trugen.

Meine Seele kommt ins Schwingen – durch Impulse von außen. Mit nach Hause nehmen kann ich weder den Berg noch das Meer. Ich kann ein Bergfoto als Desktop-Hintergrund einrichten und ein Glas Sand auf den Schreibtisch stellen, aber ich kann nicht am Strand sitzen und den Wellen zuhören, wie sie am Ufer auflaufen. Das macht nichts, denn es geht ja nicht um den Strand und nicht um den Berg, sondern darum, auf meine Seele zu achten – unabhängig von Urlaub und besonderen Erlebnissen – und ihr Raum zu geben, so dass sie schließlich auch ohne Berg und Meer ins Schwingen kommt.

Pastor soll Holocaust relativiert haben – und muss Gemeinde verlassen

Ja, im Ernst, das soll schon unsere einzigartige und unvergleichliche deutsche Leistung bleiben, dieser Holocaust. – Ein Pfarrer aus dem niedersächsischen Alfeld konnte dieser Tage nicht schnell genug aus der Stadt gejagt werden. Doch leider erfährt man nicht, was Christian Diederich in seiner Andacht für die Lokalzeitung geschrieben hat: sie wurde nie veröffentlicht. Die Presseleute hatten Meldung bei seinen Vorgesetzten erstattet, die wiederum untersagten augenblicklich die Publikation. So ist es relativ müßig, darüber zu urteilen. „Kleingerechnet“ haben soll er den Holocaust, indem er ihn mit anderen Völkermorden verglich. 

Wäre es tatsächlich so schlimm für uns Deutsche, wenn der Holocaust nicht die ärgste, sondern ‚nur‘ die zweitärgste Scheußlichkeit der Menschheitsgeschichte wäre, weil es außerhalb unseres Fokus‘ einen Massenmord in ähnlichen Dimensionen gab? Oder dürfen wir uns das als deutsches Alleinstellungsmerkmal ans Revers heften, in der festen Zuversicht, es werde für die Ewigkeit gelten?

Es kotzt, ja, es kotzt mich geradezu an, wie Zeitgenossen in der Öffentlichkeit abgeschossen werden, sobald sie es wagen, an tradierten Narrativen zu rütteln. Als ob der millionenfache Mord an den europäischen Juden, initiiert und fast gänzlich realisiert durch deutsche Hand, dadurch weniger grauenhaft würde, weil er zusammen mit anderen monströsen Verbrechen genannt wird!

Aber vielleicht sollten wir als Deutsche dafür plädieren, ein Negativpendant zum „Weltkulturerbe“ einzuführen. Ich beantrage schon heute den ersten Platz auf der Liste der Scheußlichkeiten für uns.

Wie gesagt: Es ist müßig, über den Fall zu urteilen, ohne die Fakten auf dem Tisch zu haben. Vielleicht ist es tatsächlich unsäglich, was Diederich gesagt hat bzw. sagen wollte. Aber ohne diese Fakten riecht, ja, es riecht einmal mehr danach, dass hier dem Götzen political correctness ein neues Opfer vorgeworfen wurde. Die Verantwortlichen können sich auf die Schulter klopfen. Dank ihrer Beherztheit ist ein Stück mehr Menschlichkeit in unserem Land gewachsen. Weiter so!

Die Mehrheit hat Recht – richtig?

Angesichts der Verbrechen in Nazi-Deutschland reagiert meine Generation oft fassungslos: Warum gab es damals so gut wie keinen Widerstand in der Bevölkerung? Entweder lebten damals fast ausschließlich Feiglinge, oder unsere Vorfahren gingen mehrheitlich der übermächtigen staatlichen Demagogie auf den Leim. Wenn man davon ausgeht, dass diese Menschen grundsätzlich nicht besser oder schlechter waren als wir, und wir weiter zu unseren Gunsten annehmen, dass die heutige Menschheit nicht überwiegend aus Feiglingen besteht, dann wird ein wichtiger Grund für den fehlenden Widerstand damals in genau dieser redundanten Propaganda zu suchen sein, der die Menschen ausgesetzt waren und deren Klaviatur das Regime wie keines zuvor zu spielen verstand.

So wirkt es einigermaßen banal, sich darüber zu mokieren, dass Menschen z.B. vor der antisemitischen Propaganda einknickten, ohne sich bewusst zu machen, was es bedeutet, tagein, tagaus mit den entsprechenden ‚Informationen‘ gefüttert zu werden. Wenn ich eine Meinung tausend Mal höre – woher nehme ich die Kraft, ihr nicht zu glauben? Muss am Ende nicht doch wahr sein, was anscheinend alle für wahr halten? Selbst einem kritischen Geist wird es auf Dauer nicht leicht fallen, Abstand zu wahren und sich in ein inneres Exil zurückzuziehen, wo andere Plausibilitäten herrschen, wenn alles um ihn herum gegen ihn steht.

US-amerikanische Psychologen fanden in einer Studie aus dem Jahr 2007 heraus, dass innerhalb einer Gruppe diejenige Stimme am ehesten Gehör findet, die sich am häufigsten artikuliert. D.h. die Anzahl der Wiederholungen hat entscheidenden Einfluss darauf, ob sich eine Meinung am Ende durchsetzt oder nicht – losgelöst von ihrer inhaltlichen Plausibilität.
https://www.semanticscholar.org/paper/Inferring-the-popularity-of-an-opinion-from-its-a-a-Weaver-Garcia/a0d3b62437e251c9cd4a3f8739b2d5b813f432e1

Wie sieht es dann erst aus, wenn ein Chor von Stimmen mehr oder weniger unisono und über einen langen Zeitraum seine Botschaft verbreiten kann, immer und immer wieder – ohne Gegenrede?
Wird die schiere quantitative Übermacht nicht dazu führen, dass mehr und mehr Menschen vor dieser Übermacht kapitulieren in dem Bewusstsein, DASS DOCH NICHT FALSCH SEIN KANN, WAS OFFENSICHTLICH ALLE GLAUBEN?

Fazit: Die Tatsache, dass etwas überall, ständig und von (fast) allen gesagt wird, verrät noch nichts, aber auch rein gar nichts über den Wahrheitsgehalt des Gesagten. Doch die Chancen stehen hervorragend, dass sich genau diese Meinung am Ende durchsetzen wird. Es genügt offenbar, etwas immer und immer wieder zu sagen, dann wird es am Ende auch nach-gesagt und … geglaubt. Die schiere Redundanz des Gesagten und das (weitgehende) Fehlen abweichender Meinungen erweist schon seine Wahrheit.

Wenn heute die Mehrheit der bundesdeutschen Bevölkerung die offizielle Position zu Corona gutheißt und mitträgt, sagt dies noch nichts über die ‚Wahrheit‘ dieser Position aus, wobei ‚Wahrheit‘ in diesem Fall Angemessenheit und Verhältnismäßigkeit bedeutet.

Vielmehr würde eine Untersuchung der publizistischen Landschaft in den ersten Corona-Wochen m.E. zum Ergebnis kommen, dass die Medien sehr zügig auf die Regierungsposition eingeschwenkt sind und so maßgeblich mit dazu beigetragen haben, ein neues Narrativ zu schaffen: das von der einzigartigen globalen Bedrohung. In ‚meiner‘ Tageszeitung wurden abweichende Meinungen jedenfalls sehr schnell abgetan, indem sie als unseriös gebrandmarkt oder als verantwortungslos diffamiert wurden, mitunter wurde ein ausgesprochen polemischer Ton angeschlagen, der jeglichen sachlichen Journalismus vermissen ließ. Ein öffentlicher, ausführlicher Diskurs hat im Wesentlichen nicht stattgefunden, vielmehr waren die Medien eifrig bemüht, den Boden für die Exekutierung historisch einzigartiger, einschneidender Maßnahmen zu bereiten. NACHDEM DIE POLITIK DIE RICHTUNG VORGEGEBEN HATTE, WURDE DIESE NICHT MEHR GRUNDSÄTZLICH IN FRAGE GESTELLT. Diskussion wurde mehr oder weniger abgeblockt. Wer nicht auf Linie war, wurde zum Verschwörungstheoretiker erklärt oder in die politisch extreme Ecke gestellt.

Es geht hier überhaupt nicht darum, den politisch Verantwortlichen Bösartigkeit zu unterstellen. Es geht aber sehr wohl darum, auch bei ihnen mit dem zu rechnen, was zum Menschsein generell gehört: Fehlbarkeit.

Genau das darf es offensichtlich aber nicht mehr geben. Die vorherrschende Strategie in der Corona-Krise grundsätzlich zu hinterfragen geht nicht. Genau diese Haltung bezeichne ich als totalitär und anti-demokratisch. Sie passt weder zu unserer Geschichte noch zu unserer Gesellschaft. Und doch wird sie, wohl meistens unbewusst, von vielen vertreten, die sich in der Öffentlichkeit zu diesem Thema äußern.

Dass dies kein neues Phänomen ist, sei nur am Rande erwähnt. Auch in anderen Themenbereichen gibt es längst die Tendenz, abweichende Meinungen auszugrenzen und zu diffamieren (z.B. beim Thema Klimawandel).

Ich bin beileibe kein ängstlicher Mensch, aber diese Entwicklung macht mir tatsächlich Angst, weil sie subkutan erfolgt und so plausibel wirkt, geht es doch – selbstverständlich immer gut gemeint (das ist keine Ironie!) – darum, unsere Werte zu schützen, während sie dabei gleichzeitig verraten werden.

De facto ist es aber doch so: Das, was z. Zt. (noch) die Mehrheit glaubt und für angemessen hält, ist von einer sehr kleinen Gruppe von spezialisierten Wissenschaftlern und Politikern als die ihrer Meinung nach angemessene Reaktion auf das Corona-Virus beschlossen worden. Möglich, dass die hinter ihnen versammelte Mehrheit Recht hat, möglich, dass sie irregeht. Darüber muss gerungen werden – immer wieder. Aber die Mehrheit hat nicht deshalb Recht, weil sie die Mehrheit ist, und sie setzt sich ins Unrecht, wenn sie Bürgern, die zu anderen Einschätzungen kommen, Verantwortungslosigkeit unterstellt oder sie der Dummheit bezichtigt.

Gerade weil es für diese Situation keine Blaupause gab, sondern von allen (!) Neuland beschritten wird, kann sich niemand an die Brust heften, die Musterlösung zu haben. An dieser Stelle das Denken vorschnell Virologen und Politikern zu überlassen, die in Elfenbeintürmen ganz eigener Art sitzen, offenbart schon ein erstaunliches Maß an Naivität. Woher sollen die es denn wissen?!

Eine Herausforderung, welche die Gesellschaft quasi an allen Stellen betrifft und trifft, kann auch nur von allen gelöst werden, und das bedeutet im demokratischen Staat, dass Vertreter der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereiche am Meinungsbildungsprozess beteiligt werden müssen. Stattdessen steht eine einzige (ehrenwerte!) Disziplin seit Monaten im Brennpunkt des nationalen Interesses – die der Virologen – und soll es zusammen mit den regierenden Politikern richten. Mochte das zu Beginn der Krise noch nachvollziehbar, weil der allgemeinen Verwirrung geschuldet sein, so zementiert eine solch eindimensionale Sichtweise langfristig eine partielle Wahrnehmung und begünstigt Maßnahmen, die das Ganze der Gesellschaft nicht im Blick haben.

Wo ist der breit aufgestellte Krisenstab, in dem Mitglieder aus relevanten Bereichen der Gesellschaft mitwirken, sodass sich ein annähernd realistisches Bild davon ergibt, welche ‚Nebenwirkungen‘ die bisherigen Maßnahmen haben? Wo dann nach Maßgabe der Verhältnismäßigkeit abgewogen wird zwischen Kosten und Nutzen, statt wie das Kaninchen vor der Schlange auf Infektionszahlen zu starren, mit denen wir auf unabsehbare Zeit werden leben müssen – wie mit vielen anderen Erkrankungen auch. Mir fehlen hier viel zu viele Stimmen – diejenigen derer, die von sich aus nichts sagen, und die Stimmen derer, die abgewürgt wurden.