Der Mensch ist sterblich

Der Mensch ist sterblich – das bis heute.
Das denken zu dem Satz die Leute …

Der Mensch ist sterblich, und er muss beizeiten
im Himmel seiner Seele einen Platz bereiten.

Der Mensch ist sterblich, doch unsterblich ist,
wer’s schafft, dass ihn die Nachwelt nicht vergisst.

Der Mensch ist sterblich – denk nicht dran,
sonst fängst du heute schon zu sterben an.

Der Mensch ist sterblich – nicht mehr lang,
bald gehn zweihundert Jahre ohne Zwang.

Der Mensch ist sterblich – doch ist nichts vergeblich,
solang ich andern Gutes tun kann, leb ich.

Der Mensch ist sterblich – mir egal,
bin schon zu lang in diesem Tal.

Der Mensch ist sterblich – ja, mag sein,
bis dahin lasst uns fröhlich sein.

Der Mensch ist sterblich – und was dann?
Dann fängt das große Dunkel an.

Der Mensch ist sterblich – und was dann?
Dann fängt das neue Leben an.

Der Mensch ist sterblich – wie genial,
denn ewig leben wär fatal.

Der Mensch ist sterblich – daran hängt,
warum er schätzt, was er empfängt.

Der Mensch ist sterblich – dass ihr’s wisst:
für mich zählt nur, was heute ist.

Getragen

Eine große Kraft erfasst mich
schiebt mich sanft vorwärts
ist unter mir und trägt mich
hält mich in Bewegung
bringt mich weiter
ganz ohne mein Zutun

Ich fahre gern S-Bahn

Wie dumm kann man sein?!

Die Wespe an der Scheibe krabbelt nach oben. Am Fensterrahmen angekommen lässt sie sich nach unten gleiten bis ans Ende des Glases, und das Spiel beginnt von neuem. Nur dass es kein Spiel ist, sondern eine Sache auf Leben und Tod. Ihre Kräfte sind begrenzt: wenn sie es nicht bald schafft, schafft sie es gar nicht mehr. Dabei ist es so einfach: Sie müsste nur über den Rahmen krabbeln und dann – das Fenster ist gekippt – in die Freiheit losstarten. Mit einem Blatt Papier schiebe ich sie vorsichtig nach oben in Richtung Rahmen. Wohl macht sie ein paar Krabbelschritte auf dem Holz, nur um im nächsten Moment seitlich abzutauchen und wieder ganz nach unten zu rutschen. Leider lässt sich das Fenster nicht ganz öffnen, deshalb gibt es nur diesen einen Weg. Nach mehreren Versuchen gebe ich frustriert auf. Wie dumm kann man eigentlich sein!, denke ich, angesichts des sicheren Untergangs den einzigen Ausweg nicht zu nehmen! Aber ob da meine eigene Spezies schlauer ist?

Alltagsreligiosität

Jeden Morgen
bevor ich aus dem Haus gehe
vergewissere ich mich
dass die heilige Trinität
mit mir ist

Schlüssel
Handy
Portemonnaie

Sonderverblöden

Was für eine dreiste Sprachakrobatik, Schulden im dreistelligen Milliardenbereich als “Vermögen” zu deklarieren! Künftig werde ich mich als Privatmann damit trösten, über ein beträchtliches Vermögen zu verfügen. Wenn mir die Bank das nicht abnehmen will, schicke ich sie einfach zu Fritze Merz.

Frühlingsgefühle

Und dann hat sich die Kälte plötzlich verzogen wie ein unerwünschter Gast von einer Party. Aus nächtlichem Dunkel locken erste Vogelstimmen das Licht hervor und halten es mit ihrem Gesang bis in die Nacht hinein fest. Die Menschen kriechen aus ihren künstlich erwärmten Höhlen hervor und strecken Nase, Brust und Rücken der Sonne entgegen. Die Luft ist voller Töne und Erwartungen. Das Leben kann endlich weitergehen.

 

Nachrimmentar

Eine Nachricht ist eine Nachricht, und ein Kommentar ist ein Kommentar. Leider sind in mehr und mehr journalistischen Texten inzwischen die Genres vermischt. Sichtbar wird dies immer dort, wo gewertet wird. Ablehnende oder zustimmende Adjektive sind das deutliche Indiz dafür, dass der Schreiber seinen Lesern offenbar kein eigenes Urteil zutraut, die Schreiberin ihre Berufung nicht nur in der Übermittlung von Nachrichten, sondern auch in der Meinungsmache sieht. Mich nervt das zusehends. Journalistisch sauber gearbeitete Artikel sind ein hohes Gut, denn sie befähigen uns Leser dazu, uns selbst ein Bild zu machen und ein Urteil zu bilden. Wo ein Medium dies vorwegnimmt, ohne dies explizit kenntlich zu machen, fühle ich mich als Leser nicht nur bevormundet, sondern auch manipuliert.

Es geschehen noch Wunder

Von unsichtbarer Hand geschoben
Tanzende Derwische umringen mich
Das Wasser fließt den Berg hinauf

Es geschehen noch Wunder

in der Waschanlage

Gut gemeint ist voll daneben

Unter den ersten Kerzen, die gestern am Ort des Münchner Anschlags standen, trug eine die Aufschrift “Nicht alle Geflüchteten sind so”. Was zweifellos stimmt und immer wieder in Erinnerung gerufen werden muss, ist an dieser Stelle doch ganz und gar deplatziert. Im Moment der Trauer, des Schocks und der Wut sofort zu beschwichtigen, heißt die Opfer nicht ernst zu nehmen. Die furchtbare Tat gleich in den Kontext des großen Ganzen einzuordnen, verharmlost und schwächt sie ab und instrumentalisiert sie letzten Endes genauso wie diejenigen, deren Vorschläge zur Migrationspolitik nach jedem Anschlag radikaler werden.

Wer bei den Anschlägen der letzten Wochen verletzt wurde oder jemanden verloren hat, den wird kaum trösten, dass nicht alle Geflüchteten so sind. Er hat ein Recht darauf, wahrgenommen zu werden inmitten der Katastrophe, die unvermittelt über ihn hereingebrochen ist, statt darauf hingewiesen zu werden, es handle sich eben um einen bedauernswerten Einzelfall. Abgesehen davon hinterlässt der Satz einen schalen Geschmack: “nicht alle Geflüchteten” ruft bei mir den Eindruck hervor, dass es wohl doch etliche gäbe, die ähnlich ticken wie der Attentäter. Wie viele sind “nicht alle”?