Propheten dringend gesucht

Wenn im alten Israel der König eine verfehlte Politik verfolgte, erhob sich bisweilen ein Prophet, der dem Regenten die Leviten las. Im modernen Israel scheint es solche Propheten nicht mehr zu geben. Sind sie verstummt, wurden sie zum Schweigen gebracht oder erfahren ihre Stimmen einfach keine mediale Aufmerksamkeit? Bis vor wenigen Jahren gab es sie, die bekannteste die von Amos Oz. Inzwischen dringen nur noch die Stimmen von Angehörigen der Geiseln zu uns, die gegen die Mächtigen anlaufen, weil sie mit Recht fürchten, ihre Lieben nicht mehr lebend zurückzubekommen. Aber wo sind die Stimmen jener, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, die so vielen in Israel und Palästina seit Jahrzehnten vorenthalten wird? Die darauf hinweisen, dass die aktuelle Politik nur immer neue Gewalt ernten wird?

Frage der Perspektive

Wenn Russland
und Israel Plätze
tauschten,
würde sich die deutsche
Außenpolitik
um 180 Grad
drehen

Merke:
Auch eine elaborierte Erinnerungskultur (Holocaust etc.) bewahrt nicht davor, angesichts aktueller Herausforderungen erbärmlich zu versagen.

Der Mensch ist sterblich

Der Mensch ist sterblich – das bis heute.
Das denken zu dem Satz die Leute …

Der Mensch ist sterblich, und er muss beizeiten
im Himmel seiner Seele einen Platz bereiten.

Der Mensch ist sterblich, doch unsterblich ist,
wer’s schafft, dass ihn die Nachwelt nicht vergisst.

Der Mensch ist sterblich – denk nicht dran,
sonst fängst du heute schon zu sterben an.

Der Mensch ist sterblich – nicht mehr lang,
bald gehn zweihundert Jahre ohne Zwang.

Der Mensch ist sterblich – doch ist nichts vergeblich,
solang ich andern Gutes tun kann, leb ich.

Der Mensch ist sterblich – mir egal,
bin schon zu lang in diesem Tal.

Der Mensch ist sterblich – ja, mag sein,
bis dahin lasst uns fröhlich sein.

Der Mensch ist sterblich – und was dann?
Dann fängt das große Dunkel an.

Der Mensch ist sterblich – und was dann?
Dann fängt das neue Leben an.

Der Mensch ist sterblich – wie genial,
denn ewig leben wär fatal.

Der Mensch ist sterblich – daran hängt,
warum er schätzt, was er empfängt.

Der Mensch ist sterblich – dass ihr’s wisst:
für mich zählt nur, was heute ist.

Getragen

Eine große Kraft erfasst mich
schiebt mich sanft vorwärts
ist unter mir und trägt mich
hält mich in Bewegung
bringt mich weiter
ganz ohne mein Zutun

Ich fahre gern S-Bahn

Wie dumm kann man sein?!

Die Wespe an der Scheibe krabbelt nach oben. Am Fensterrahmen angekommen lässt sie sich nach unten gleiten bis ans Ende des Glases, und das Spiel beginnt von neuem. Nur dass es kein Spiel ist, sondern eine Sache auf Leben und Tod. Ihre Kräfte sind begrenzt: wenn sie es nicht bald schafft, schafft sie es gar nicht mehr. Dabei ist es so einfach: Sie müsste nur über den Rahmen krabbeln und dann – das Fenster ist gekippt – in die Freiheit losstarten. Mit einem Blatt Papier schiebe ich sie vorsichtig nach oben in Richtung Rahmen. Wohl macht sie ein paar Krabbelschritte auf dem Holz, nur um im nächsten Moment seitlich abzutauchen und wieder ganz nach unten zu rutschen. Leider lässt sich das Fenster nicht ganz öffnen, deshalb gibt es nur diesen einen Weg. Nach mehreren Versuchen gebe ich frustriert auf. Wie dumm kann man eigentlich sein!, denke ich, angesichts des sicheren Untergangs den einzigen Ausweg nicht zu nehmen! Aber ob da meine eigene Spezies schlauer ist?

Alltagsreligiosität

Jeden Morgen
bevor ich aus dem Haus gehe
vergewissere ich mich
dass die heilige Trinität
mit mir ist

Schlüssel
Handy
Portemonnaie

Sonderverblöden

Was für eine dreiste Sprachakrobatik, Schulden im dreistelligen Milliardenbereich als “Vermögen” zu deklarieren! Künftig werde ich mich als Privatmann damit trösten, über ein beträchtliches Vermögen zu verfügen. Wenn mir die Bank das nicht abnehmen will, schicke ich sie einfach zu Fritze Merz.

Frühlingsgefühle

Und dann hat sich die Kälte plötzlich verzogen wie ein unerwünschter Gast von einer Party. Aus nächtlichem Dunkel locken erste Vogelstimmen das Licht hervor und halten es mit ihrem Gesang bis in die Nacht hinein fest. Die Menschen kriechen aus ihren künstlich erwärmten Höhlen hervor und strecken Nase, Brust und Rücken der Sonne entgegen. Die Luft ist voller Töne und Erwartungen. Das Leben kann endlich weitergehen.