Krieg im Urlaub

1991 2. Golfkrieg

Die Zeitungen
tragen den Krieg
bis auf die Hafenpromenade
an der kretischen Südküste

2014 Gaza-Krieg

Ich sitze im Flieger nach Süden
Wenn wir jetzt
links abbiegen
sehen wir
in zwei Stunden
die Raketen
die auf Gaza fallen

2018 Jugoslawien-Kriege

Ich frage mich
warum die beiden Kroatinnen
mein Alter
so viel vom Krieg reden
aber sie meinen einen anderen
ihrer ist erst 20 Jahre her

2022 Ukraine

Irgendwo ist doch immer Krieg
sagt ein junger Kerl am Nachbartisch im Café
durch’s Fenster strahlen weiße Berge

„Schöner Tag!“

Es gibt Leute, die stört die Mücke an der Wand. Ich gestehe: Wenn es um Sprache geht, gehöre ich auch zu dieser Spezies.

Ich habe meine Waren aufs Band gelegt und bezahlt. Die Kassiererin lässt das Rückgeld coronakonform in meine Hand fallen. „Schöner Tag!“ Bei aller Nettigkeit bin ich jetzt doch ratlos. Was soll das heißen: „Schöner Tag“? Wenn es die Kurzform eines Grußes sein sollte – „Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!“ -, hätte ich „Schönen Tag!“ erwartet. Aber wovon ist „Schöner Tag!“ eine Abkürzung? Soll ich nun nach Tagesform etwa zustimmen – „Ja, heute ist tatsächlich ein schöner Tag!“ – oder widersprechen – “Nein, heute ist ein Sch…tag!”?

Muss ich mich beim Blick über die eigene Schulter kleinlich finden? Sollte ich mich nicht eher freuen über die nette Geste? Ja, und doch ärgert mich die Nachlässigkeit, mit der hier mit Sprache umgegangen wird. Nicht einmal, sondern beinahe standardmäßig.

Aber es geht noch doller: Beim heutigen Einkauf: “Ein schöner Tag Ihnen!”
Schöner Tag für die deutsche Sprache …

Treue zur Tradition

Wenn ich vor mehr als dreißig Jahren als Student mit dem Rad in die Stadt fuhr, musste ich mir die Straße (die alte Bundesstraße) mit den Autos teilen, die mit mehr als 70 km/h an mir vorbeibretterten. Auf dem Rückweg konnte ich immerhin auf einen schmalen Gehweg ausweichen, der von Schlaglöchern durchsetzt war.

Zum Glück haben wir nun schon seit Jahren eine grün geführte Landesregierung: Wenn ich heute mit dem Rad auf derselben Straße unterwegs bin, rauscht das eine oder andere E-Auto an mir vorbei – mit deutlich mehr als 70 km/h. Und während ich auf dem Rückweg den Löchern auf dem Gehweg ausweiche, sinne ich darüber nach, ob ich hier eines Tages mit dem E-Rolli entlangrumpeln werde …

Burnout global

Laborkraft:
Chef, schauen Sie mal, mein Reagenzglas ist am Kippen!

Chef: 
Dann nehmen Sie einfach ein neues Universum! 

Veränderungen

Ich find, unsr Gsllschangst ist in dr Pangstdmi angstrs gwordn. Wangst mir fhlt? Di Lichtigkit zu lbn, di vrmiss ich shr. Stangstdssn hangst twangst um sich ggriffn, wangst mir Sorg britt. Odr ist dangst nur min Indruck?

Die Divinisierung des Humanum – wider die Vergötzung des Menschen

Die Urkränkung des Menschen besteht darin, dass sich die Welt nach seinem Tode weiterdreht. Meine Welt vergeht, die Welt bleibt. Mit dieser Kränkung konnte solange verhältnismäßig gut umgegangen werden, wie es einen Konsens darüber gab, dass uns nach dieser Welt eine andere erwartete. Fällt der Glaube an eine Transzendenz weg, wird es ungleich schwerer, mit dieser Begrenztheit zu leben.

Die jüdisch-christliche Tradition setzt diese Erkenntnis an den Anfang ihrer Gedanken über die Welt, wenn sie davon spricht, dass der Mensch wieder zur Erde zurückkehrt, von der er genommen ist. Auf der anderen Seite erfährt der Mensch mit dem Prädikat “Ebenbild” Gottes eine Aufwertung, die ihn von allen anderen Geschöpfen abhebt und beinahe blasphemisch dünkt.
Zwischen diesen beiden Polen, himmlisch und irden – der Mensch wird aus einem Erdkloß geformt wie ein Gefäß unter der Hand des Töpfers –, bewegt sich menschliches Leben.

Vergänglichkeit im Sinne eines Nacheinanders der Generationen, die alle von dieser Erde leben müssen, ist heute weithin akzeptiert. Die Antwort darauf heißt Nachhaltigkeit. War diese im vorindustriellen Zeitalter beinahe noch automatisch gegeben, weil der vormoderne Mensch nicht in der Lage war, die Erde zu ruinieren (partielle Zerstörungen wie z.B. durch massive Rodungen oder Bergbau ausgenommen), musste sie unter dem Eindruck globaler Ausbeutung und Zerstörung erst wieder entdeckt werden.

Der Lernprozess hinsichtlich der Vergänglichkeit des individuellen Lebens steht in den westlichen Gesellschaften allerdings noch aus. Es ist eines, Nachhaltigkeit umweltpolitisch durchzubuchstabieren, ein anderes, zu akzeptieren, dass das eigene Leben begrenzt ist. Die an dieser Stelle übliche Verweigerungshaltung hat zur oft beschriebenen Verdrängung des Todes aus der Gesellschaft geführt, die durch die Corona-Pandemie freilich einen deutlichen Dämpfer erlitt: Medien veröffentlichen täglich Todeszahlen – deren Aussagefähigkeit gering ist, was jedoch ihre psychologische Wirkung nicht schmälert. Statt sich deshalb mit der eigenen Endlichkeit bewusst auseinanderzusetzen, wird im Fahrwasser der üblichen Verdrängungsstrategie versucht, um sich herum ein Maximum an Sicherheit herzustellen, das genau diesen Ausgang – das eigene Ende – unmöglich macht. Entsprechend wird von der Politik erwartet, diese müsse alles dafür tun, um das Individuum vor seinem Tod zu schützen. Auch wenn das Groteske und Naive dieser Haltung auf der Hand liegt – die politischen Implikationen sind nicht zu unterschätzen: Diejenigen, die von diesem Verdrängungsmechanismus getrieben sind, artikulieren sich lautstark und besetzen die Mainstreamposition derzeit erfolgreich mit ihren Ängsten. Dabei wird eine apokalyptisch aufgeladene Bedrohungskulisse aufgebaut, die in dieser Weise nicht existiert, um anschließend “unter Einhaltung der Hygieneregeln” eine Sicherheit zu suggerieren, die erst recht nicht existiert.
Unterstützt wird diese Haltung durch das noch weithin gültige Selbstverständnis einer Medizin, die den Tod als Versagen ärztlicher Kunst interpretiert und an der Lebensverlängerung als grundsätzlich unhinterfragbarem Therapieziel festhält.

Andererseits eignet dem Tod etwas Irritierendes und Verstörendes. Geht man davon aus, dass jeder Mensch durch sein Denken und seine Erfahrungen seine eigene Welt ‘erschafft’, dann endet mit jedem Tod eine ganze Welt, ja ein ganzes Universum. Es lohnt sich, aus dieser Perspektive des Reichtums einmal über die ‘Verschwendung’ des Lebens durch den Tod nachzudenken …
Ja, wir sind einzigartig. Doch eine Bestimmung unserer Einzigartigkeit ist unsere Endlichkeit, unsere Beschränkung auf eine bestimmte Phase in der Zeit und einen Ort im Raum.

Diese Endlichkeit zu verdrängen und zu bekämpfen heißt auf Kosten anderer zu leben, die dann den Preis für die vermeintliche Sicherheit zu zahlen haben. Es heißt aber vor allem, den Menschen zu vergötzen, so dass er am Ende sein menschliches Antlitz verliert. Wir sind Menschen – und dazu gehört, dass wir sterben müssen und sterben dürfen. Die Alternative ewig zu leben wäre das  größere Übel …

Alt aussehen an Neujahr ;-)

Ein Mittfünfz‘ger prüft seine Falten:
“Die will ich nur ungern behalten!“
Und gleich an Neujahr –
es war wunderbar -,
da wurden die Falten zu … Spalten!

***

Grand Canyon ist meine Vision,
schon jahrelang träum’ ich davon.
Doch steh ich vor’m Spiegel,
ich geb‘ Brief und Siegel,
dann ist mir, als säh’ ich ihn schon.

Mysterium

Der Zug rollt aus der Millionenstadt hinaus, vorbei an Hochhauszügen, Hunderte von Lichtern in der Dunkelheit. Wie viele Leben allein hier, verschränkt oder nicht verschränkt, sich kreuzend oder nicht, einander gleichgültig oder abhängig voneinander. Der Zug rollt weiter, und mein inneres Auge zoomt aus dem Bahnhofsviertel hinaus und die ganze Stadt kommt in den Blick, dann das Land mit Tausenden von Städten, Dörfern: Millionen von Leben, parallel, überlappend mit dem Millionenfachen an Vernetzungen. Und dann erst die acht Milliarden, auf die wir zugehen (oder die wir vielleicht schon überschritten haben, wer vermag das schon zu sagen?)!

Ich muss zugeben: Schon der Anblick eines einzigen Friedhofs mit seinen scheinbar unzähligen Grabsteinen überfordert mich, ruft ein Universum von Biographien auf, das mit dem Verstand nicht zu fassen ist.

Sieh es, wie du es willst, dreh es, wie du’s magst, es bleibt ein Mysterium. Das Leben. Die Welt. Alles.