Anschlag vereitelt

Vor mir macht es plötzlich „plopp“,
knapp vorbei an meinem Kopp.
O, da rollt ein Stachelball,
und ich bin in diesem Fall
einem Anschlag knapp entgangen
der Geschosse, die da hangen.

Spieße steckt man in Kastanien,
(nicht in Stiere wie in Spanien),
wird ein schöner Igel draus,
ungefähr so säh‘ ich aus,
wär‘ geschwinder ich geloffen
und das Ding hätt‘ mich getroffen.

Rilkes Herbstgedicht 2022

Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß,
leg deinen Schatten auf die Zähleruhren
und in den Fluren lass die Kälte los.

Befiehl den Gastarifen hoch zu sein,
gib ihnen noch mehr Spitzentage,
dränge sie zu neuem Höchststand hin und jage
beim Tanken einen Schrecken ein.

Wer jetzt kein Holz hat, der kriegt keines mehr,
wer jetzt schon kalt ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, rechnen, in den Wind den Urlaub schreiben,
und wird in den Alleen hin und her
unruhig joggen, um den Puls zu treiben.

Das Original ist hier zu finden.

Tierischer Sound

Darf man beim Musizieren essen?
Allein die Frage ist vermessen!
Darf man beim Essen musizieren?
Soll umgekehrt es weiterführen?
Getrennt nur ist es angemessen:
die einen spiel’n, die andern essen.

Doch denk nur, ich kenn ein Orchester,
ich hört‘ es, glaub mir, nicht als erster,
das musiziert fidel bei Tische,
die Tafel prangt von grüner Frische,
am Hals erklingt das Instrument,
errätst du schon, wie man es nennt?

Willst du die Lösung mir entlocken:
Was die Musik macht, das sind Glocken.
Sie baumeln – jetzt geht’s ohne Mühe –
mit hellem Ton am Hals der Kühe.
Das Stück – es ist ein Unikat,
weil’s immer Uraufführung hat.

Zugänge

Keuchend steht er vor der grünen Hand. Tippt sie mit ausgestreckten Fingern an. Drückt den Knopf mit dem Daumen. Schlägt mit der flachen Hand darauf.

Er ist die Treppen emporgeflogen und hat sich durch einen Strom von Menschen durchgekämpft, die gegen ihn heranfluten und dem Ausgang zustreben.

Quietschend setzt sich der Zug in Bewegung. Mit einem leisen Knall hat sich ein paar Meter weiter die nächste Tür geschlossen.

Gut gemeint

Der Anruf kommt unerwartet. Vor dem Kamin sitzend sei sie gefunden worden. Als ob sie den Flammen zugesehen habe. Ein Sekundentod. Herzinfarkt vermutlich. Dabei habe es in letzter Zeit weder Stress noch Aufregung gegeben.

Sie steht auf der Brücke und schaut auf den Bach. Den Umschlag hält sie zwischen zwei Fingern. Als sie loslässt, sinkt der Brief hinab und wird dann von einem Windstoß unter der Brücke getrieben. Sie atmet tief durch und geht.

Die Schülerin mit der roten Pudelmütze, die mit ihrem Fahrrad an der Ampel wartet, lässt ihre Augen über den Streifen zwischen Radweg und Bach wandern. Alles ist von gefrorenem Tau überzogen. Trotzdem fällt ihr der weiße Zettel auf. Sie hat gelernt, es sei gut, jeden Tag eine gute Tat zu tun. Sie angelt sich den Zettel, um ihn in den nächsten Abfalleimer zu werfen. Es ist ein Briefumschlag, zugeklebt und mit einer handgeschriebenen Adresse versehen. Den hat sicher jemand verloren. Wie ärgerlich! Was, wenn an manchen Tagen eine gute Tat nicht reicht? Sie stopft den Brief in ihren Rucksack. Nach der Schule fährt sie am Postamt vorbei und gibt den Brief auf; die Marke bezahlt sie von ihrem Taschengeld.

Die Therapeutin zieht eine Grimasse, um sich das Gähnen zu verkneifen. In zwanzig Minuten muss sie ihre Tochter in der Kita abholen. „Schreiben Sie Ihrer Schwiegermutter doch mal einen Brief. Alles, was Sie ihr gern sagen würden, all die Kränkungen, die sie Ihnen zugefügt hat.“ Die Klientin schaut überrascht. „Das hilft. Und wenn Sie wollen, schreiben Sie sogar noch die Adresse drauf. Natürlich schicken Sie den Brief nicht ab.“

Regen

Vom Sonnenschirm hängt ein Faden aus Tropfen herab
Miniwellen gleiten auf Flügeln über den Asphalt
Hinter Maske und Gläsern lagert sich beständiger Dunst

Auschdieg in Faadrischdung reschds

Eine der technischen Innovationen, die uns die Gegenwart beschert, sind computergenerierte Ansagen in den S-Bahnen der DB, die sich in den Fernverkehrszügen indes noch nicht durchgesetzt haben. Dahinter mag das Kalkül stehen, man müsse den Gast auf der Langdistanz mit einer persönlich klingenden Durchsage auf der Beziehungsebene erreichen und ans Unternehmen binden, was im Falle des notorischen Pendlers im Nahverkehr nicht zwingend erforderlich sei.

Aufgrund dessen bleibt im ÖPNV die Verbindung zum urwüchsigen, kraftvollen Idiom der Söhne und Töchter des Volkes, welche im Führerstand zugange sind, auf der Strecke. Dieser Mangel entfaltet seinen ziehenden Schmerz jedoch erst dann besonders bedrängend, wenn beim Ausfall des automatischen Systems ausnahmsweise wieder die allzu lange schon vermisste Stimme des Zugführers aus dem Mikrophon klingt. Sie vermag gar zu Tränen zu rühren, wenn es sich hierbei um einen waschechten Sohn des Landes handelt, der während einer halbstündigen Fahrt bei jedem der zwanzig Halte treu im sympathisch-melodiösen Ton der indigenen Bevölkerung ankündigt: „Auschdieg in Faadrischdung reschds!“ Ich bin bereits dabei, diesem authentischen Spross seines rechtschaffenen Stammes ein literarisches Denkmal zu setzen, da versäumt er es in der Einfahrt zum Zielbahnhof, sich für immer in die Ohren und Herzen der ehrfürchtig lauschenden Fahrgäste einzusprechen: „Auschdieg in Faadrischdung links!“

Kinderglaube

„Papa, warum gibt’s eigentlich weiße und braune Eier?“ Eines Samstagmorgens am Kaffeetisch stand die Frage plötzlich im Raum. Wie so oft kam sie aus dem Mund meines Sohnes, der mich halb interessiert, halb aufmüpfig ansah, als traue er mir die Antwort nicht so recht zu. Da es sich um eine gänzlich simple Angelegenheit handelte, nahm ich mir die Zeit, etwas zu bluffen. Ich legte die Stirn in Falten, verharrte so  ein paar Sekunden, kniff die Augen zusammen und antwortete dann mit einer Gegenfrage: „Hast du dir schon mal einen Hühnerpopo aus der Nähe angesehen?“ Natürlich hatte er nicht. „Jedes Huhn hat am Popo einen kleinen Schalter.“ Der Satz kam sachlich, lapidar. Die Kinder hingen an meinen Lippen. „Wenn man den Schalter nach oben stellt, werden die Eier weiß. Stellt man ihn nach unten, werden sie braun.“ Stille. Drei Kinder sahen sich an. Sahen mich an. Mein ausdrucksloses Gesicht.

An diesem Tag wuchs meine Autorität als Vater beträchtlich. Zwar hatten mich nach meiner Antwort durchaus gewisse Zweifel beschlichen, ob ich das Missverständnis nicht hätte aufklären müssen. Aber was hätte ich damit bei diesen zarten Kinderseelen angerichtet? Ihr aufrichtiges und bislang nie enttäuschtes Vertrauen zu mir wäre für immer zerstört worden. Früher oder später würden sie es selbst herausfinden. So wie bei der Geschichte vom Klapperstorch.

Eine Weile später kam das Gespräch in der Familie auf Litfaßsäulen – obwohl es in unserem Ort keine einzige dieser Säulen gab, anders als in der Großstadt, wo ich die ersten Jahre meiner Kindheit verbracht und schon früh eine Litfaßsäule ‚erfahren‘ hatte. Die Firma Bärenmarke hatte damals Werbegeschenke für Kinder in Umlauf gebracht: eine Maske aus Karton in der Form eines Bärenkopfes, die man mittels eines Gummis über das Gesicht zog. Und nun fuhr ein kleiner Bär mit seinem Kinderfahrrad auf dem Gehweg dahin, bis ihm die Maske über die Augen rutschte und sein Blindflug abrupt von einer – genau! – Litfaßsäule gestoppt wurde.

Beiläufig streute ich ein, die Litfaßsäule verdanke ihren Namen einem gewissen Theodor Litfaß, der sie um die Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden habe. „Ja klar, genau wie die Hühner mit den Schaltern“, war die prompte Reaktion meiner Großen. Offensichtlich neigte sich die unschuldige Zeit ihrer Kindheit dem Ende zu. Ich seufzte: „Ok, ich geb’s zu, das war damals fake. Unter uns gesagt: Ich hätte doch im Leben nicht daran gedacht, dass ihr mir das abkauft.“ Sie schwiegen beschämt und beleidigt.

„Die Litfaßsäule hat ihren Namen sicher nicht von einem Litfaß“, sagte mein Sohn bestimmt. Woraufhin Tante Google befragt wurde, die uns darüber belehrte, ein gewisser Litfaß habe im 19. Jahrhundert die erste dieser Säulen aufgestellt; dass sein Vorname Ernst war und nicht Theodor, fiel angesichts meiner genialen Leistung nicht ins Gewicht. Die Nachkommenschaft schwieg tief beeindruckt und andächtig ob des stupenden Wissens des Vaters, obwohl dieser lediglich 1 und 1 zusammengezählt hatte.

Von diesem Tag an glaubten sie mir alles – bis auf die Sache mit den Socken. Es war im Winterurlaub: Wir kamen von der Piste und stiegen mit dampfenden Strümpfen aus den Skistiefeln. Infernalischer Gestank erfüllte den Skikeller. „Mit israelischen Armeesocken würde das nicht passieren“, bemerkte ich mit verschnupft klingender Stimme, denn ich hielt mir die Nase zu, „die stinken nämlich nicht.“ „Voll gelogen“, erboste sich mein Sohn, „sowas gibt’s nicht!“ Aus taktischen Gründen konfrontierte ich sie noch nicht mit der Lösung – eingewebte Silberfäden absorbieren den Geruch -, sondern arbeitete auf eine Zuspitzung hin, um ihren Zweifel zu erschüttern: „Wer wettet mit mir?“ Meine Große schlug ein. Ein vergnügter Vater hatte nach der Aufklärung alle Hände voll zu tun, die im Stimmungssturzflug befindliche Jugend wieder aufzubauen.

Seitdem schwankten meine Kinder in strittigen Wissensfragen ob meiner Antworten immer zwischen Skepsis und Ehrfurcht. Aber wetten, dass sie ihren eigenen Kindern mal vom Schalter am Hühnerpopo erzählen werden?

Kalter Kaffee

„Wir benutzen für das Modell der Krone einen Scan“, erklärt die Zahnärztin.

„Dascan ich schon“, sage ich.

Heroisch

Kleinkinder im Zug nerven. Sie quengeln, kreischen oder daddeln mit schrillen elektronischen Geräten. Wenn ich ein Großraumabteil betrete, bin ich konzentriert wie ein Rentner montags um acht bei ALDI: Sind Kinderstimmen zu hören? Kuscheltiere zu sehen? Dudelt aus einer Sitzgruppe die Sandmännchen-Melodie? Oder krabbelt im Flur gar eines dieser kleinen Monster herum?

Ich hatte per App auf meinem Sitzplatz eingecheckt, als über der Rückenlehne drei Reihen vor mir das schokoladenverschmierte Gesicht eines kleinen Blondschopfs auftauchte. Leider war es zu spät, den Platz zu wechseln, und so entschloss ich mich zu einem heroischen Schritt: Ich würde als reifer Erwachsener, der ich bin, die Herausforderung annehmen und das Gejaule über mich ergehen lassen. Sicher werde ich keiner dieser nörgligen Alten, die  sich ihren Ruhestand verderben lassen, nur weil auf dem Bolzplatz vor ihrem Haus 24/7 gekickt wird. Der Blondschopf hat sich inzwischen in meine Richtung vorgearbeitet und quetscht sein Gesicht zwischen Sitz und Zugwand: “Guck mal draußen, wie viele Eisenbahnen!”  Ich nicke und antworte halblaut, auch wenn mir dadurch der wichtige Gedanke entsprungen ist, den ich gerade notieren wollte: “Ja, toll.” Mit Kindern zu reden ist unerlässlich für die Sprachentwicklung in den ersten Lebensjahren. “Was machst du da?” Schön, wenn ein Kind so lebhaftes Interesse zeigt. Ich antworte, ohne von meinem Laptop aufzublicken: “Schreiben.” Man muss sich den begründeten Fragen der nächsten Generation stellen, sie hat ein Recht darauf. Bewusst geräuschvoll tippe ich auf der Tastatur weiter, da taucht im Flur ein zweiter Blondschopf auf, Zopf über der Stirn und Schnulli in der Schnute. Ich gucke schnell weg – Kinder müssen die Welt auch mal ohne die Hilfe von Erwachsenen erkunden dürfen.

Nein, einer von diesen verbiesterten Ü70ern werde ich nicht werden, auch wenn ich es etwas übergriffig finde, dass mein kleiner Freund auf einmal neben mir steht und auf meinen Laptop zeigt: “Liest du mir was vor?” Wurden die Eltern im Kindergarten nicht darauf hingewiesen, dass Pädophile überall ihr Unwesen treiben? Wo stecken die Eltern eigentlich? “Weißt du, das ist nichts für Kinder”, sage ich freundlich, aber bestimmt. “Du bist gemein!” beschimpft mich der Kerl und stampft mit dem Fuß. Ich trage es mit Gleichmut: Kinder müssen Grenzen gewiesen bekommen und eine gewisse Frustrationstoleranz entwickeln. Vielleicht habe ich dem Kind gerade die wichtigste Erfahrung in seinem bisherigen Leben ermöglicht. Der kleine Racker dreht heulend um. Er wird wohl eine Weile brauchen, das zu verarbeiten, denke ich, als mich etwas am Schienbein kitzelt. Der Schwester-Blondschopf sitzt unter dem Tisch und sieht mich erwartungsvoll an. “Das kitzelt”, sage ich und versuche, dabei zu lachen. Offensichtlich habe ich meine Freude nicht überzeugend genug vermittelt, denn im nächsten Moment spüre ich einen stechenden Schmerz: Das Luder hat mich gebissen! Ich ziehe das Balg unter dem Tisch hervor, das aufstößt und sich auf die Tastatur meines Laptops übergibt.

Meine zahlreichen Mails an die Deutsche Bahn, kinderfreie Waggons auszuweisen, wurden bisher nicht beantwortet.

Während es sich bei „Versuchen Sie ihr Glück“ um eine waschechte Realsatire handelt (alles ist tatsächlich passiert), habe ich in diesem Text gegen Ende hin meiner Phantasie das Kommando überlassen …