Jeder ist für seinen Partner verantwortlich

Die Flutwelle kommt schnell und laut. Eine Horde Schüler fällt johlend in den Zug ein, wälzt sich durch den Gang, Ränzen und Rucksäcke umherschleudernd, überschwemmt Sitze und Tische. “Könnt ihr vielleicht ein bisschen aufpassen?”, wirft ein Alter zaghaft ein, der einen Ellbogen abbekommen hat.

Langsam kommt die Flut zum Stillstand. Mäntel werden abgeworfen, Trinkflaschen herausgezogen, Karten finden rasch die nötigen Mitspieler.

Der Zug fährt in den Hauptbahnhof ein. Endstation. Ein junger Lehrer übertönt die Geräuschkulisse: “Jeder ist für seinen Partner verantwortlich.” Die Türen gehen auf. Eine gezähmte Flutwelle schiebt sich hinaus, ohne Rückstände zu hinterlassen.

Energiespar-Extremismus

Es gehört zu den deutschen Untugenden, an und für sich sinnvolle Aufgabenstellungen in einer so extremen Weise anzugehen, dass das Ergebnis nur abstoßend wirken kann.

Energiesparen ist über Nacht zum Volkssport avanciert. Löblich und schon längst fällig (dass dies erst durch Gasverknappung im allgemeinen Bewusstsein angekommen ist, steht auf einem anderen Blatt). Aber dann hebt ein maßloses Wetteifern an, das zu absurden Auswüchsen führt. Und am Ende wird nicht nur die zugegebenermaßen übertriebene Adventsbeleuchtung in den Städten reduziert, nein, sie wird morgens gleich ganz abgestellt. Gerade dann, wenn die Seele, der allzu langen Nacht müde, sich am Glanz der Lichter laben möchte.

Auf dem Platz im Stadtzentrum trotzen drei kleine Fichten vor einer Bäckerei mit ihren lichtergeschmückten Zweigen dem Wahn…

Arbeitszufriedenheit

Im Bahnhofsbistro steuert eine Frau mit Kaffeebecher und Käsekuchen auf den Sitzbereich zu. Die wenigen Tische sind alle belegt. Sie setzt sich einer anderen Frau gegenüber. Ich vertiefe mich wieder in mein Buch. Ein paar Minuten später steht die auf, die schon länger saß: „Machen Sie’s gut!“ Die andere: „Auch Ihnen alles Gute!“ Ich sehe, wie die Angestellte hinter der Theke lächelt, und lächle ihr zu. Sie lächelt zurück.

Bekenntnis zum Kitsch

Zu Weihnachten darf man sich zu Kitsch bekennen, ohne rot zu werden. Meine große Liebe ist der Christbaum meiner Kindheit. Genau genommen gab es bei uns zuhause derer zwei: im Erdgeschoss der Baum, den meine Mutter schmückte, im Stockwerk darüber der meiner Großeltern. Das Design des unteren Baumes folgte einer modernen, kühlen Ästhetik: Strohsterne, helle elektrische Kerzen, sparsam behängt. In meiner Erinnerung an den anderen Baum sehe ich ein dunkles Wohnzimmer, in dessen Ecke etwas glüht: der Baum mit der Lichterkette; blaue, rote, grüne und gelbe Glaskugeln, mit einer körnigen Beschichtung überzogen, die wie Schnee aussah. Sie leuchteten warm und mild. Dazu silbernes Lametta, in langwieriger Arbeit Streifen um Streifen über die Zweige gelegt. Meine Kinderseele war entzückt.

Das vorzeitige Ende der Lichterkette kam, als Oma beim Schmücken, auf einem Stuhl stehend, das Gleichgewicht verlor und auf den Baum fiel. Und irgendwie war es auch der Anfang von ihrem Ende.

Einen kläglichen Ersatz bot mir ein Mini-Weihnachtsbaum aus weichen Kunststoffzweigen. Beim Aufklappen kitzelten sie die Hände. Es muss wohl ein Werbegeschenk aus der Zeit gewesen sein, als die Großeltern noch einen Lebensmittelladen führten. Bunte Lichter hatte auch er. Wenn es ihn noch gäbe, würde ich ihn aufstellen. Dieses Jahr habe ich eine Lichterkette so geschaltet, dass sie rot, blau, gelb und grün leuchtet. In meinem Arbeitszimmer.

Lachend

In der Fußgängerzone
kommt eine Frau auf mich zu
ihr Mund breit vor Lachen bis zur anderen Straßenseite
geht an mir vorüber

ich drehe mich um
so lacht eine Frau
nur einem kleinen Mann zu

Fremdsprache

Am Bahnhof stehn sie morgens still,
weil schläfrig niemand reden will.
Da fällt es auf, wenn jemand spricht,
ich schnappe auf (ich lausche nicht,
vorübergehend hör‘ ich zu),
sagt A zu B: “Wuschaffschndu?”

Übersetzung für alle, die des Kurpfälzischen nicht mächtig sind:
„Wo schaffst (arbeitest) denn du?“

Novembermorgen in der Bahnhofsunterführung

Luftzug
neben meinem Ohr
eine Taube rauscht haarscharf an meinem Kopf vorbei

Vier Knirpse rollen im XL-Bollerwagen heran
zwischen sich ein Tisch
hocken sie zwei und zwei
wie die Großen auf dem Bierwagen

Der Fahrradschieber neben mir und ich
grinsen uns an

Barriere

Im dem Moment
wo die Barriere silbern vor mir aufblitzt
bin ich schon durch

Der Haltefaden im
Spinnennetz
nichts davon merke ich
zerrissen

Plädoyer für eine neue Jahreszeit

Nach dem Kalender ist es klar:
Vier Zeiten teilen unser Jahr.
Nach Frühling, Sommer, Herbst und Winter,
weiß jedes Kind schon, da beginnt er
von neuem, dieser Jahreslauf,
und meistens freut man sich ja drauf.
Ach, diese Kälte in den Knochen –
kommt, Krokusse, hervorgekrochen!
Nach wochenlanger Sommerhitze:
Wann ist’s vorbei mit dem Geschwitze?
Und jeder freut sich und frohlockt,
je näher rückt das Äquinokt.
Doch geht vorüber Herbstbeginn
und draußen ist’s so warm wie drin.
Was fällt, sind lediglich die Blätter,
es dauert an das laue Wetter.
Verrückte Welt, verdrehtes Klima,
die Eisverkäufer finden’s prima.
Nicht Herbst, nicht Sommer kann man’s nennen,
denn beides ist hier nicht zu trennen.
Die Jahreszeit – wie nennt sie sich?
Das ist der Sommerbst, sage ich.

Nur ein Detail

Die uns jahrzehntelang eingeredet haben
der Friede sei nur mit Atomwaffen zu haben
es ist nur ein winziges Detail
das sie übersehen haben

Man kann die Dinger einsetzen