Es wäre absurd
ein wandfüllendes Gemälde
von einem Quadratzentimeter seiner Fläche her
zu beurteilen
von der Perspektive weniger Jahrzehnte her
die Welt und das Universum zu beurteilen
nicht minder
Es wäre absurd
ein wandfüllendes Gemälde
von einem Quadratzentimeter seiner Fläche her
zu beurteilen
von der Perspektive weniger Jahrzehnte her
die Welt und das Universum zu beurteilen
nicht minder
Bei entgegenkommenden Radfahrern
geht mein Blick
als erstes
unter die Gürtellinie.
Haben sie einen oder haben sie nicht?
Einen Akku
87,74 EUR, so viel kostet der Hinflug nach Zadar (Kroatien). Ich will eigentlich nicht mehr fliegen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, will nicht mehr die Ressourcen der Erde verschleudern und für ein paar lumpige Euro mit einem dreckigen Jet in den Urlaub düsen. Die gute Nachricht: Neuerdings gibt es wieder Nachtzüge, wahlweise als Liege- oder Schlafwagen buchbar. Die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) war mutig und hat eine Reihe von Zügen geordert, die Deutsche Bahn hat’s verschlafen bzw. hatte nicht den Mumm dafür. Seitdem boomt das Geschäft – fröhliche Wiederauferstehung der alten TEE-Züge (Trans-Europa-Express). Von Stuttgart (bis dahin fahre ich quasi gratis mit dem Deutschlandticket) nach Rijeka zahle ich 92,60 EUR im Schlafwagen (Liegewagen wäre noch um einiges günstiger, ist aber nicht verfügbar, wahrscheinlich stapeln sich da bereits Leute meines Kalibers in den dreistöckigen Kojenbetten). Die Rückfahrt dann nochmal 92,60 EUR. Eigentlich nicht teuer, wenn man die lange Strecke bedenkt. Und Frühstück gibt’s auch noch dazu! Bis jetzt ist der Flug allerdings noch günstiger, aber das ändert sich sicher, wenn ich nach dem Rückflug schaue: dort wird nämlich immer abkassiert. Der Rückflug eine Woche später: 24,59 EUR!!!
Ich kann mir nicht helfen, aber ich fühle mich verarscht. Ich will die Umwelt schonen, brauche einen geschlagenen Tag länger (plus Zwischenübernachtung) und am Ende steht es auch noch 112,33 EUR zu 185,20 EUR für den Flieger! Zu allem Überfluss benötigt der Nightjet momentan für die Strecke auch noch 15 statt 12 Stunden, weil es irgendwo in Österreich eine Baustelle zu umfahren gilt. Man muss fast schon ein fundamentalistischer Eiferer sein, um unter diesen Umständen auf die Bahn umzusteigen. Vielen Dank, liebe Politiker, dass ihr uns den ökologischen Umstieg so leicht macht!
An den Beginn jeder Politprofikarriere würde ich ein Pflichtpraktikum setzen: eine Woche mit dem Deutschlandticket durch die Republik. Die schnellen Verbindungen wie z.B. ICE und EC/IC sind damit von vornherein ausgeschlossen, es bleiben diejenigen Verkehrsmittel, mit denen Menschen in unserem Land tagein, tagaus unterwegs sind: IRE, RE, RB, S-Bahn, U-Bahn, Straßenbahn, Bus. Was die Politiker dort antreffen würden: einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung. Ethnisch, sozial und kulturell höchst divers.
Als Kind der 1960/1970er Jahre machte sich Diversität für mich, aufgewachsen in München, vor allem an der Existenz türkischer „Gastarbeiter“ und ihrer Familien fest. Und wenn ich an meine regelmäßigen Ferienjobs in der Fabrik zurückdenke, kommen noch einige Menschen aus südeuropäischen Ländern dazu. Gefühlt ist das allerdings weit entfernt von der Diversität, die ich heute erlebe.
Und ganz automatisch stellt sich die Frage: Wie kann es gelingen, dass Menschen aus so unterschiedlichen Traditionen in einer Gesellschaft zusammenleben, deren Werte und Maßstäbe im Grundgesetz verpflichtend festgelegt sind? Bassam Tibi (*1944), gebürtiger Syrer, hat schon vor über zwanzig Jahren angemahnt, es brauche in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern eine „Leitkultur“, um die Ausbildung von Fundamentalismus und Multikulturalismus (nicht zu verwechseln mit kultureller Vielfalt!) zu verhindern. Dafür wurde er vom links-alternativen Spektrum zerrissen und von den Rechten für ihre Deutschtümelei vereinnahmt. Fakt ist jedoch, dass eine demokratisch-liberal verfasste Gesellschaft auf Dauer nur dann lebensfähig ist, wenn eine verbindlich-verbindende Leitkultur im Sinne einer „Hausordnung für Menschen aus verschiedenen Kulturen in einem werteorientierten Gemeinwesen“ (Tibi) existiert.
Nun ist es eines, dies zu fordern, ein anderes, es zu fördern. Neben dem Spracherwerb, dessen Bedeutung gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann, spielen dafür m.E. Bildung und Arbeit eine wesentliche Rolle. Im gemeinsamen Lernen und Arbeiten werden genau diejenigen Werte eingeübt und umgesetzt, die unser Land ausmachen. Ein Grund mehr, warum Menschen, die mit der Perspektive eines dauerhaften Aufenthalts zu uns kommen, so rasch wie möglich auch in der Arbeitswelt ankommen müssen.
In der ZEIT habe ich gerade die Geschichte von Fatou gelesen, des ältesten Gorillas der Welt. Fatou, ein Weibchen, wurde 1959 in den Wäldern Zentralafrikas geboren, eingefangen und über eine französische Tierhändlerin im selben Jahr an den Berliner Zoo weitverkauft. Vielleicht hätte ich unter normalen Umständen weitergeblättert, aber ich bin für einen Kurzurlaub in einem Hotel und habe Zeit. In einem sehr schönen Hotel, um genau zu sein, mit Wellnessbereich und parkähnlichem Außengelände, wo ich nach dem Saunagang nur spärlich bekleidet unterwegs bin. Das Hotelrestaurant hat am heutigen Weißen Sonntag tausend Gäste, die sich nach ihrem üppigen Mahl im öffentlichen Gartenbereich verlustieren und neugierig zu mir herübersehen. Dass sie zu mir schauen, sage ich nicht aus Eitelkeit – ich bin gerade tatsächlich der einzige Saunagänger draußen. Mädchen in weißen Kommunionkleidern, Damen in Kostümen und Herren in dunklen Anzügen glotzen mich an, der ich nur eine schäbige Badehose entgegenzusetzen habe.
Ich verschwinde rasch im kleinen Pool, merke allerdings schnell, dass auch der von außen einsehbar ist, als eine Frau mit Hut über das Gatter zu mir hereinlugt. Auf dem Kiesweg palavert eine Gruppe auf Französisch und deutet in meine Richtung. Bin ich etwa ein Pinguin im Bassin?
O Fatou – was hat man dir angetan!
Heutige Jugendliche besitzen keine Armbanduhren. In dem Moment, wo ihnen ihr Handy abhanden kommt, schweben sie in der Zeitlosigkeit. Was z.B. beim Abitur passiert, wenn alle digitalen Endgeräte abgegeben werden müssen.
So kommt es, dass am Morgen kurz vor Beginn der schriftlichen Prüfung in der Sporthalle das nervöse Surren eines Akkuschraubers den Raum erfüllt. Die große Hallenuhr musste kurzfristig abgenommen werden, weil sie zu schnell ging. Der Hausmeister ist gerade dabei, drei kleine analoge Uhren aufzuhängen.
Ich gehe zur Tür hinaus
und trete beinahe
auf zwei Schnecken
Nur ihre Häuser
im Schein der Straßenlaterne glänzend
retten sie
Man kann nicht leben
ohne zu verletzen
Dem besten aller Freunde
Loslassen
den angestrengten Blick
messend, abgleichend
Sich loslassen
und hinausfluten
wie Licht
Standpunkt wird Weg
2D wird 3D
Auch ein Ostern
Literaturexperten haben kürzlich ein Fragment entdeckt, das eine Variante eines bekannten Gedichts Theodor Fontanes darstellt. In der Fachwelt wird allerdings auch die Meinung vertreten, dass es sich dabei um eine Fälschung handeln könnte. Andere, wie z.B. die Germanistin Dr. Felicitas Gras, halten den Text für authentisch, gehen aber davon aus, Fontane habe unter dem Eindruck von Halluzinogenen geschrieben. Hier das Fragment nach dem Autograph Fontanes:
…
Da sagte von Ribbeck: „Ich scheide nun ab.
Legt mir ein MacBook mit ins Grab.“
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Apple-Netzwerk sprosst heraus.
Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt eine Cloud sich über‘m Grab.
Und in der goldenen Herbsteszeit
Flirren die Daten weit und breit.
Und kommt ein Jung’ über’n Kirchhof her,
So flüstert’s: „An Speicher wiste noch mehr?“
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: „Lütt Dirn,
Update auf Lebenszeit – heut‘ abonnier’n!“
So sendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Apfelland.
Wer der irrigen Auffassung ist, ich spräche damit eine Empfehlung für eine gewisse Obstfirma aus, sei auf meine „Rückkehr aus dem Apfelland“ verwiesen – zu finden bei den Literarischen Miniaturen…
Ihre Blicke
treffen mich
zu dritt oder zu viert
morgens wie abends
mild und heilsgewiss
montags bis freitags
dreißig Mal pro Woche
mindestens
dreißig Mal pro Woche
mindestens
reizen sie mich
je nachdem
zu Mitleid
oder Mordgedanken
Seit Jahren haben mich keine Zeugen Jehovas mehr zuhause heimgesucht. Eine gute Stunde nach Abfassung dieses Textes klingelt es an der Haustür: Draußen stehen zwei Zeuginnen Jehovas – mild und heilsgewiss …