Abgesehen von den Zeitgenossen, die mich auf einsamer Flur (!) keines Blickes geschweige denn eines Grußes würdigen (was ich unter normalen Umständen als unkultiviert betrachte, jetzt aber als Angst vor Ansteckung einordne), scheint mir durch die Corona-Krise doch etwas wie eine neue corporate identity entstanden zu sein, die sich der schlichten Einsicht verdankt: Wir sitzen alle im selben Boot. Oder: Wir haben alle denselben Feind.
Von außen bedroht zu werden hat die innen schon seit jeher zusammengeschweißt – nicht umsonst suchen politisch instabile Regime ihr Heil oft darin, einen externen Feind aufzubauen, um im Inneren alle hinter sich zu vereinen.
Das Virus als gemeinsame Bedrohung, der es gemeinsam zu trotzen gilt. Das schafft ein Gefühl der Verbundenheit, eine neue Solidarität im Wissen darum, dieselben Lasten zu tragen. Das Virus als der große Gleichmacher der Gesellschaft – das erinnert z.B. an die frappierende Reaktion der deutschen Bevölkerung auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als sich eben diese Stimmung breitmachte: „Wir stehen jetzt alle zusammen gegen den gemeinsamen Feind, was sollen in dieser Situation noch gesellschaftliche Unterschiede?“
Etwas salopper, aber nicht minder pathetisch versammelt Andrew Cuomo, Gouverneur des Staates New York, die Nationalgarde im gemeinsamen Kampf hinter sich: „So I say, my friends, that we go out there today and we kick Corona virus’ ass” (warum nicht gleich noch Mr. President’s ass?!).
Die Frage ist nur: Warum braucht es erst ein Virus, um dieses Gemeinschaftsgefühl hervorzurufen? Gibt es nicht auch ohne Corona eine Reihe von Bedrohungen, denen wir gemeinsam ausgesetzt sind, denen diese Menschheit überhaupt nur gemeinsam begegnen kann? Wir zerstören die Umwelt und plündern die Ressourcen dieses Planeten – um nur zwei davon zu nennen. Warum kommt angesichts dieser Bedrohung kein Gemeinschaftsgefühl auf? Weil wir sie selbst verursacht haben, während das Virus als the beast (Cuomo) uns von außen attackiert? Interessanterweise gibt es die Theorie, dass die Corona-Epidemie auf die Vernichtung von ursprünglichen Lebensräumen durch den Menschen zurückzuführen ist. Dann wäre die Bestie selbstgemacht …
Oder sind die anderen Krisen immer noch zu wenig wahrnehmbar, beeinflussen unser Leben nur marginal, während die Corona-Krise uns den lockdown aufzwingt und unseren Alltag durcheinanderwirbelt? Unanschaulichkeit versus Betroffenheit?
Vielleicht müssen sich auch in den anderen Krisen, die in ihren Auswirkungen Corona um ein Vielfaches übertreffen, erst greifbare und schmerzhafte Auswirkungen auf unsere Lebensführung einstellen, bevor wir reagieren. Wieviel kreatives Potenzial vorhanden ist, zeigt Corona – in tausendfachen Versuchen, der Krise zu trotzen, neue Kommunikationswege oder Vermarktungsstrategien zu finden oder einfach nur Mut zu machen durch witzige Videos. Warum diese Kreativität nicht auch für andere Probleme dieser Erde nutzen?