Derzeit gibt es einen Hype um die Mitgliedsakten der NSDAP, die inzwischen digital zugänglich sind und z.B. für Abonnenten der ZEIT mit wenigen Mausklicks eingesehen werden können. “Finden Sie heraus, was Ihre Familie in der Nazi-Zeit getan hat!” Hört sich an wie ein Auftrag in einem Gesellschaftsspiel für Erwachsene. Genauso schnell geht es dann auch über die Bühne. Natürlich habe auch ich nachgesehen, ob meine beiden Großväter in der Partei waren. Meine Ahnung hat sich bestätigt. Der eine trat 1937 ein, vom anderen gibt es keinen Eintrag – er hatte zeitlebens immer behauptet, er wäre wohl auch noch abgeholt werden, hätte die Nazi-Herrschaft noch länger gedauert.
Was ist damit gewonnen? Lassen sich Schuld und Verantwortung so einfach feststellen? Ich bin extrem allergisch gegen schnelle Schuldzuweisungen, die in die Vergangenheit reichen und einen selbst nicht betreffen. Wie immer, wenn auf andere gezeigt wird, müssten drei Finger auf einen selbst weisen. Und wofür künftige Generationen uns einmal anklagen werden, wage ich mir gar nicht erst auszumalen.
Im Zweifelsfall sollte man immer davon ausgehen, dass die Menschen damals nicht besser und nicht schlechter waren als heute. Es gibt immer viele Uninteressierte, die das große Ganze nicht juckt, Hauptsache, es stimmt für sie selbst. Es gibt immer die Mitläufer, die sich zurechtlegen, warum man bei manchen Dingen besser mitmacht. Und es gibt die Täter, die planen oder Untaten ausführen. Nicht zu vergessen diejenigen, die passiv oder aktiv Widerstand leisten.
Martin Niemöller, Pastor und Chef der Bewegung “Bekennende Kirche”, die die Gleichschaltung der kirchlichen Strukturen durch die Nazis ablehnte, saß von 1937 bis 1945 als persönlicher Gefangener Adolf Hitlers im KZ Dachau. Als er nach dem Krieg zusammen mit seiner Frau dort zu Besuch ist, liest er auf der Gedenktafel im Krematorium, hier seien zwischen 1933 und 1945 die Leichen von fast einer Viertelmillion Menschen verbrannt worden. Doch statt sich selbst freizusprechen trifft es ihn wie ein Schlag: Wo warst du zwischen 1933 und 1937?
Menschen, die ein derart feines ethisches Bewusstsein haben, sind selten. Die meisten schaffen es ganz gut, sich die wirklich unangenehmen Fragen vom Hals zu halten. Sie sollten es dann aber auch lassen, mit dem Finger auf andere zu zeigen.