Ich fuhr mal mit der Bahn,
die fing zu fahr’n nicht ahn.
Jetzt hab ich’s auch, o weh,
mein Mund bleibt steh’n – bei B.
Rilke meets DB
September 1899
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
Dezember 2023
Ich lebe mein Leben in stockenden Bahnen,
die sich über die Gleise ziehn.
Ich werde den Weg bis zum Ziel nur erahnen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich krieche im Zug, in dem uralten Wurm,
und ich krieche jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: ist es der Streik oder Sturm
oder alltäglicher Gang?
Genug Zug
Es reiste ein Mensch gern im Zug,
doch ist dieser oft im Verzug.
Am Gleis wird es zügig
recht zugig. “Jetzt krieg’ ich
vom Bahnfahr’n doch langsam genug!”
Kein Tier
Der Mensch ist kein Tier
und schon gar kein Affe
sagen die Kreationisten
und verweisen auf das Buch der Bibel
Der Mensch ist kein Tier
Tiere sind nicht annähernd so brutal
sage ich
und verweise auf das Land der Bibel
Im Osten
Im Osten brennt es
Gott sei Dank
nur der Himmel
Bahnanenrepublik
Es interessiert mich einen Scheiß, warum eure Züge verspätet sind! Also spart euch gefälligst diese überflüssigen Durchsagen am Bahnsteig, warum der Zug, auf den ich gerade warte, unpünktlich ist. Es interessiert mich nicht! Ich habe in den letzten Monaten eine ellenlange Liste eurer Rechtfertigungen gesammelt – sie kommen mir vor wie die Ausflüchte eines Schülers für seine verpatzte Arbeit: “Ich musste meiner Mutter helfen.” “Der Termin beim Kieferorthopäden ging so lang.” “Niemand hat mir die Aufgaben gebracht, als ich krank war.” Am Ende des Tages spielt es keine Rolle, warum die Arbeit danebenging oder warum ich zu spät gekommen bin.
Wäre der Zustand unserer Demokratie am Zustand der Deutschen Bahn abzulesen, wären wir längst in einer Bananenrepublik angekommen. Zum Glück ist das nicht so, und doch haben Bahn und Politik etwas miteinander zu tun: Denn es ist sicherlich nicht einfach Missmanagement oder übertriebenes Krankfeiern des Personals, das an den Nerven der Fahrgäste zerrt, sondern eklatantes Versagen der Politik: Statt das Schienennetz zu modernisieren und den gestiegenen Bedürfnissen anzupassen, hat man jahrzehntelang vor allem in die Straße investiert. Die Bahn und ihre Fahr-, besser Stehgäste, sind im wahrsten Wortsinn auf der Strecke geblieben.
Nicht beabsichtigt
Es ist schon lange überflüssig,
dass die deutsche Autoindustrie Geld in Werbung steckt.
Jemand anderes macht viel effizienter Werbung für die Straße:
die Deutsche Bahn
Wenn ich ein Vöglein wär
Wenn ich ein Vöglein wär*
wüsste ich nichts vom Krieg
und einäugigen Menschen
Wenn ich ein Vöglein wär
zwitscherte ich drauflos
an jedem Morden neu
* nach dem gleichnamigen Volkslied
Unbändiger Drang zum Leben
Seit einigen Wochen begegne ich morgens regelmäßig einem Obdachlosen, der sich im Warteraum am Bahnhof sein Quartier eingerichtet hat. Über die hölzerne Bank hat er eine gescheckte Decke geworfen, darauf liegt oder sitzt er, eingehüllt in einen gelben Anorak, aus dem ein mächtiger weißer Rauschebart heraussteht.
Ich steche im Eilschritt vorüber und denke: Wie man so leben kann! Ohne Hoffnung und Perspektive, ein Tag wie der andere, unter diesen erbärmlichen Umständen! Was hält ihn eigentlich noch am Leben?
Er ist nicht der einzige, bei dem ich mich das frage. Berufsbedingt kam ich früher oft in Pflegeheime. Manche Bewohner waren noch aktiv, kurvten im Rollstuhl über den Flur oder saßen mit anderen beim Gehirnjogging im Speisesaal zusammen. Aber dann gab es die Zimmer, wo die Türen halb offenstanden – zu den lebendig Begrabenen. Aus einem Beutel tropfte Flüssigkeit über eine Sonde in ihren Magen und hielt sie am Leben. Aber was für eins! Vor sich hinsiechend starrten sie vor sich hin. Was für eine übermenschliche Kraft hielt sie am Leben? Wenn sie nicht mehr leben wollten, wären sie doch schon längst tot, oder nicht?
Ich habe noch keine Antwort auf die Frage als die, dass in uns offensichtlich ein unbändiger Drang zum Leben angelegt ist. Der selbst dann wirksam ist, wenn von dem, was uns vormals lebenswert erschien, nichts mehr vorhanden ist. Vielleicht auch mitten im Leben, wenn uns phasenweise die Hoffnung entschwunden ist und alles sinnlos scheint.
Heute Morgen klopft der Obdachlose behutsam eine Filterzigarette auf die Bank. Ist das seine Freude? Oder denkt er, als er mich vorbeihuschen sieht: Wieder so einer, der vor sechs schon zur Arbeit hetzt. Wie kann man nur so leben?!
Lust auf Mainstream
Ich möcht‘ mal wieder Mainstream sein
und mit den Wölfen heulen
und sagen, wie ich manches seh,
ganz ohne Angst vor Beulen
Ich möcht‘ mal wieder Mainstream sein
und mit der Strömung treiben,
doch zwingt im Kopf mein Kompass mich,
auf Gegenkurs zu bleiben
Ich möcht‘ mal wieder Mainstream sein
und mit den Spatzen pfeifen,
statt wie ein Specht das harte Holz
alleine anzugreifen
Ich möcht‘ mal wieder Mainstream sein
und mit der Masse singen,
Applaus bekommen statt Protest,
es will mir nicht gelingen
Ich möcht‘ mal wieder Mainstream sein
und manchmal frag ich mich:
Wer ist hier für die Wahrheit blind –
sind sie es oder bin es ich?