Ein Musiker mit halbwegs Promicharakter teilt der Öffentlichkeit auf einem Insta-Video erregt mit, er sei in einem Leipziger Hotel Opfer einer antisemitisch motivierten Verbalattacke geworden, und stellt Strafanzeige. Zahlreiche Solidaritätsadressen und Protestnoten gehen bundesweit ein und werden medial geteilt, vor dem Hotel wird eine spontane Demonstration abgehalten. In einer Kirche (sicher nicht nur in einer) wird für ein neues Bewusstsein in unserem Land gebetet. Immerhin ist auch zu lesen, der beschuldigte Hotelmitarbeiter habe bei seiner Vernehmung eine völlig andere Version zu Protokoll gegeben und seinerseits Strafanzeige wegen Verleumdung gestellt. Inzwischen sind Zweifel an den ursprünglichen Aussagen des Hotelgasts laut geworden: Ob er an jenem Tag tatsächlich eine Halskette mit Davidsstern getragen habe, die abzulegen er dann vom Mann an der Rezeption aufgefordert worden sei – daran will er sich nun nicht mehr erinnern können.
Unerheblich, wie die Sache ausgeht. Mag sein, dass sich die erste Version bestätigt, mag sein, dass der Täter kein Täter war, und vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte.
Nur: Ich bin einmal mehr fassungslos, wie blitzschnell in unserer Gesellschaft inzwischen geurteilt, verurteilt wird. Die verbalen Fallbeile sausen herunter, ehe ein Fall von allen Seiten durchleuchtet ist, bevor der Sachverhalt in Ruhe und möglichst vorurteilsfrei untersucht wurde.
Hans-Georg Gadamer, der Altmeister der Hermeneutik, hat eingeschärft, dass es zum sachgemäßen Verstehen gehört, sich über seine Voraussetzungen klar zu werden, u.a. über das Vorverständnis, das immer da ist (in diesem Fall z.B.: welche Glaubwürdigkeit hat ein unbekannter Hotelmitarbeiter im deutschen Osten, wo die AfD gerade ihren Triumpf gefeiert hat?). Die Konsequenz daraus heißt: Das Denkbare und Befürchtete darf nicht zur Faktizität werden, ehe nicht seine Evidenz erwiesen ist. Sonst werden aus Vorurteilen Urteile. Die Köpfe, die in den späteren Jahren der Französischen Revolution in steigenden Zahlen und schwindender Scheu semiindustriell mit der Guillotine abgetrennt wurden, konnten nicht mehr auf die dazugehörigen Schultern gesetzt werden. Und wer heute auf einem virtuellen Scheiterhaufen verbrannt wird, steht aus der Asche nicht mehr auf.