1526

An einem Junitag im Jahr 1526 tritt der einfache Soldat João seinen Wachdienst an. Diese Woche muss er den ganzen Tag auf dem Beobachtungsturm des Castelo de S. Jorge ausharren, um etwaige feindliche Bewegungen jenseits des Tejo zu enttarnen. Als er die steilen Stufen hinaufwankt, spürt er alle Knochen im Leib. Die vergangenen Tage war seine Kompanie zu einem miserablen Job eingeteilt. Die Burgmauern wurden an mehreren Stellen verstärkt, da die neue Generation von Kanonen eine deutlich höhere Durchschlagskraft aufwies. Weil wie immer kein Geld da war (jedenfalls nicht dafür), wurden zum Entladen der Fuhrwerke, die die Steine von der Stadt hochkarrten, Soldaten eingesetzt. Die ungewohnte Arbeit hatte ihn völlig erschöpft. Mit Montur und Munition die Mauern hinauf und hinunter zu traben, war er durch den täglichen Drill gewohnt. Aber das! Einen Tag später spürte João immer noch Muskeln seines Körpers, von denen er zuvor nie gewusst hatte. In der Turmkrone brannte die Sonne bereits unerbittlich und ließ kaum schattige Flecken. João blickte ein paarmal lustlos nach allen Seiten und ließ sich dann ächzend hinter einer Zinne nieder, die die Sonne noch eine Weile abschirmen würde. Es waren nicht nur die Steine gestern. Es war auch der Wein, den sie nach der staubtrockenen Plackerei noch reichlicher als sonst genossen hatten. 

Als sich João nach ein paar Minuten wieder mühsam hochquält, starrt er wie elektrisiert auf das Geschehen unter ihm. Vor dem äußeren Mauerring spazieren und sitzen ganze Scharen von Menschen! Er hat das Horn schon am Mund, um Alarm zu geben, da fällt ihm auf, dass niemand von den Eindringen bewaffnet ist. Im Gegenteil: Sie sehen geradezu friedlich aus. Manche lachen und sind offenbar in Gespräche vertieft, andere sitzen an Tischen vor gefüllten Tellern und Bechern. João versteht die Welt nicht mehr. Was ist in diesen paar Minuten geschehen?! Als sein Blick prüfend über die Befestigungsanlagen gleitet, fällt ihm noch etwas auf: Fast alle Kanonen sind verschwunden – bis auf zwei, drei, die auf Lafetten montiert sind und hinter der Mauer stehen und so jedenfalls keineswegs zu gebrauchen sind. Jetzt ist João plötzlich wieder hoch alarmiert. Was sollen sie tun, wenn jetzt der Feind kommt? Aber jedes Kind in Lissabon weiß, dass kein Feind kommt, warum also die Panik? Joãos Blick streift über die Menschen, die so fröhlich und entspannt zusammen sind. Wie schön wäre es, wenn er jetzt mit ihnen da unten sitzen und feiern könnte, viel schöner, als hier oben Krieg zu spielen! Und wie wunderbar, wenn es immer so wäre wie in diesem Augenblick. In dem Moment, als João merkt, dass nicht sein kann, was er gerade sieht, spürt er den Stiefel des wachhabenden Offiziers in der Seite. 50 Schläge mit der flachen Schwertklinge und ein halbes Jahr Steineschleppen für die neue Mauer – die Strafe für Schlafen auf Wache.