1522

Sie sind an den Fluss gezogen, um Helden einen Empfang zu bereiten. Doch als der Landungssteg ausgelegt ist, schlurfen traurige Gespenster von Bord. Der erste Stadtpfeifer blickt fragend zum Bürgermeister, dessen Blick entsetzt an den ausgemergelten Gestalten hängt, die barfuß, mit Lumpen am Leib, den festen Boden von Sevilla betreten. Vor drei Jahren und 29 Tagen sind fünf Schiffe mit 234 Seeleuten mit Geläut und Musik hinausgefahren. Und nun ist einzig die Victoria an diesem 8. September 1522 zurückgekehrt. Als sie vor zwei Tagen in Sanlúcar de Barrameda angelegt hat, dauerte es noch zwei Tage, das Schiff den Guadalquivir hinaufzuziehen. Doch ist die Kunde dem Schiff vorausgeeilt: Sie haben es geschafft! Sie haben die Passage nach Westen gefunden und als erste die Welt umsegelt! Doch der Sieg ist teuer erkauft worden: 18 Mann nur sind zurückgekehrt.  

Die Hungergestalten wanken an der Ehrendelegation vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Der Bürgermeister, der in seiner Jugend selbst zur See gefahren ist, nickt. Er weiß, wohin einen richtigen Seefahrer der erste Weg führt, sobald er festen Boden unter den Füßen hat. Dem ersten der Männer hängt ein verblichener roter Fetzen am Arm: die einstmals rote Kapitänsbinde. Ein anderer trägt sie als drei Jahre zuvor: Auch Fernando Magellan ist irgendwo da draußen geblieben. Später wird man erfahren, was mit ihm geschehen ist und mit all den anderen, über die er das Kommando hatte. Auf ewig wird er, der Portugiese, der Held sein, der Spanien aus der Zwickmühle befreit hat, in die es der Papst gebracht hatte, als er die Welt in zwei Machtbereiche aufgeteilt hatte. Für die Portugiesen den östlichen Teil mit der Passage um Afrika zu den Gewürzinseln, den westlichen Teil für Spanien. Zwar war für die spanische Krone im Sonnenuntergang inzwischen eine neue Welt in Besitz genommen worden, die auch ihre Schätze verhieß. Aber den Weg von Westen zu den lukrativen Märkten in Fernost hatte immer noch niemand gefunden. Aber nun! Und wer immer noch zweifelte, würde sich mit der Ladung an Gewürzen überzeugen lassen, die im Bauch der Victoria darauf wartete, gelöscht zu werden.

Die Menge tritt zur Seite, um das Häuflein der Überlebenden durchzulassen. Als sie an der Kathedrale angekommen sind, öffnet ihnen ein Kuttenträger das Portal. Vor dem Bild der Muttergottes von Antigua, der Schutzpatronin der Seefahrer, so wird man sich später erzählen, haben sie gebetet. Von lautem Schluchzen seien ihre Worte immer wieder unterbrochen worden. Auch bei denen, die davon hören, bleibt kein Auge trocken. Bis dahin ist so manches durchgesickert, was die Überlebenden alles mitgemacht haben. Männer in ihren besten Jahren sind in See gestochen, zahnlose Greise sind von Bord gegangen.

Erst als sich das Portal öffnet und sie mit erhobenen Armen herauskommen, bricht der Jubel los. Die Pfeifer warten noch immer auf ihren Einsatz.