Maria spürt, wie ihr Handy in der Gesäßtasche vibriert. Die ganze Zeit wartet sie schon darauf, dass Alice ihr schreibt, was Francisco nach der Schule so macht. Sie tritt hinter eine Säule, wo Frau Pereira sie nicht sehen kann. „Direkt nach Hause“ liest sie. Mehr nicht. Jedenfalls gibt es keine andere, mit der er etwas am Laufen hat. Also, sie wäre ja … „Leute, jetzt reißt euch mal zusammen!“ Die schneidende Stimme von Frau Pereira füllt den kleinen Raum: „Ich weiß, ihr wollt alle viel lieber zum Strand, aber etwas Kultur vorher muss schon sein. Sonst können wir das als schulische Veranstaltung abhaken.“ Unlustig drücken sich alle herum. Frau Pereira hat sie in irgendein Museum mit Sklaven geschleppt. Angeblich ist das für ihre geschichtliche Bildung wichtig. Jetzt lässt sie vor jeder Vitrine einen halben Roman ab. Ob die eigentlich merkt, dass ihr niemand zuhört? „Maria, gerade für dich ist das hier doch eine wichtige Sache. Immerhin geht es um deine Vorfahren.“ Am liebsten würde Maria ihr einen Stinkefinger entgegenstrecken. Nur weil sie schwarz ist, muss sie das hier noch lange nicht interessieren. Vielleicht waren ja die Vorfahren von Fernanda und Gabriela Sklavenhändler – die könnte es genauso angehen! Da sind die Lehrer immer so stolz darauf, auf keinen Fall rassistisch zu sein, und am Ende läuft es doch wieder darauf hinaus, nur anders. „An diesem Ort wurden 1443 zum ersten Mal Menschen aus Afrika verkauft. Nicht nach Brasilien und nicht nach Nordamerika – das war damals noch gar nicht entdeckt. Hier in Portugal wurden sie als billige Arbeitskräfte verkauft. Aber viele starben schon auf dem Weg hierher. Auf der Müllhalde vor der Stadt …“ Sogar Francisco ist so einer. Vor seinen Freunden hat er damit angegeben, dass er wahrscheinlich bald was mit einer Schwarzen hätte. Hat ihr Alice gesteckt. Was für eine Kacke! Kann der sie nicht einfach mögen, weil sie Maria ist?! „… wurden die Familien voneinander getrennt. Mütter warfen sich auf den Boden, schlugen um sich und schrien, Kinder heulten nach ihren Eltern, manche stimmten die Gesänge ihres Volkes an, wieder andere ertrugen mit stolzer Miene ihr Schicksal.“ Für einen Moment sieht Maria sie draußen auf dem Platz: mehr als 200 Menschen in Ketten, herausgerissen aus ihrem bisherigen Leben und aus ihren Familien. Und was dann kam? Was für eine Welt war das eigentlich?! Während Frau Pereira davon redet, dass es praktisch schon immer Sklavenhandel gegeben hat, Griechen und Römer Sklaven hatten und im Mittelalter vor allem die slawischen Völker versklavt wurden, hat Maria das kleine Mädchen vor Augen, das nach seiner Mutter schreit und strampelt und wild um sich schlägt, als ein weißer Mann kommt und es am Arm fortzieht. Als Maria mit drei Jahren von Angola nach Portugal gekommen ist, hat sie am Anfang immer geschrieen, wenn ihr Weiße zu nahe kamen. Ihre Eltern finden das bis heute witzig. „Der Sklavenhandel zwischen Europa und der Neuen Welt findet überwiegend schon in der Neuzeit statt“, führt Frau Pereira weiter aus. „Seit wann übrigens spricht man von Neuzeit?“ Typisch Lehrer, sich selbst Fragen zu stellen. „Ab etwa 1500. Das Welt- und Menschenbild hat sich damals grundlegend verändert. Der Mensch ist stärker ins Zentrum gerückt.“ Maria lacht höhnisch. Der Mensch?! Der weiße Mensch! Wie können die von Neuzeit reden, solange Menschen von Menschen gekauft wurden?! Ihr Handy vibriert wieder.
In Lagos an der Algarve (Portugal) begann 1443 der europäische Sklavenhandel der Neuzeit.