Kollateralschäden

In der Pharmazie würde man von „Nebenwirkungen“ sprechen, beim Militär heißen sie „Kollateralschäden“: Auswirkungen eines Medikaments bzw. einer militärischen Operation, die nicht erwünscht sind, aber letzten Endes hingenommen werden, weil der dadurch angerichtete Schaden als kleiner angenommen (!) wird als der abgewendete.

Der durch die Anti-Corona-Maßnahmen abgewendete Schaden wurde von Virologen und Medizinern hochgerechnet, bleibt aber letztlich eine hypothetische Größe. Doch wer hat versucht, den tolerierten Schaden hochzurechnen, der entsteht, wenn ein Land über Monate hinweg heruntergefahren wird oder sich nur noch im Teilbetrieb befindet?

Sage niemand, es gehe nur um den wirtschaftlichen Schaden. Viel zu viel hängt daran: Betriebliche Existenzen brechen weg, Lebensbedingungen werden plötzlich prekär durch Kurzarbeit, Arbeitsplätze gehen verloren, Lebensgemeinschaften und Familien brechen auseinander, Kinder und Jugendliche, v.a. aus bildungsfernen Schichten, geraten durch die momentane Schulsituation noch stärker ins Hintertreffen als bisher, Menschen, die in Einrichtungen leben, sterben aufgrund staatlich verordneter Isolation den sozialen Tod … niemand überblickt derzeit auch nur annähernd diese Kollateralschäden.

Wer rechnet diese „Nebenwirkungen“ hoch und beziffert sie in ihrem gesellschaftlichen Effekt? Waren bei den politischen Corona-Entscheidungen der letzten Monate auch Fachleute vertreten, die diese Bereiche repräsentieren?

M.a.W.: Sind die Maßnahmen der letzten Monate verhältnismäßig im Vergleich zu dem, was auf der Strecke bleibt? Oder sind die tolerierten Schäden am Ende wesentlich höher als die, die vermieden werden?

Ich hätte mir gewünscht, dass meine Zeitung nicht nur die im Zusammenhang mit Corona eingetretenen Todesfälle veröffentlicht (bei denen der tatsächliche Anteil von Corona völlig diffus bleibt), sondern auch, wie viele Menschen täglich in unserem Kreis sterben. Immer. Ohne Corona. Viele haben offensichtlich vergessen, dass es kein Menschenrecht auf ewiges Leben gibt und der Tod zum Leben gehört. Würde unser Staat in anderen Bereichen mit derselben Vehemenz vorgehen, hätte der Individualverkehr schon längst eingestellt werden müssen – damit könnten jährlich über 3.000 Menschen gerettet werden.

Stattdessen hat Hysterie einen beträchtlichen Teil der Gesellschaft erfasst. So dass Menschen bereitwillig ihre Freiheitsrechte aufgeben und ebenso bereitwillig die Opfer dieser Maßnahmen übersehen. Wohl allen, denen ein Schauer über den Rücken läuft, wenn der Regierungschef eines Nachbarlands öffentlichkeitswirksam zugibt, seine 96-jährige Mutter beim Sterben alleingelassen zu haben. Ein öffentlicher Aufschrei auf dieses Bekenntnis hin blieb bislang offensichtlich aus. Es ist fürwahr ein hoher Preis, der gezahlt wird – längst nicht nur von einsamen oder sterbenden alten Menschen …