Die Hitz‘

“Jesus, trag den Müll weg!” Die beste Ehefrau von allen sieht den perplexen Ausdruck auf meinem Gesicht. “Hast du’s nicht gehört?” “Was gehört?” “Jesus, trag den Müll weg!” Hat der Guten die Hitze schon so zugesetzt, dass sie halluziniert? “Das kam gerade im Lied.” “Im Leben nicht!” Wir hängen in einer portugiesischen Bar – draußen treffen sich Tejo und Atlantik, unter den Sonnenschirmen treffen sich tropische Hitze und Mitteleuropäer, die sich vor wenigen Tagen noch im Wintermodus befanden. “Hör mal genau hin, vielleicht kommt’s nochmal.” Aus den Lautsprechern, die uns mit mehr Dezibel als nötig beschallen, dröhnt englischer Text. Englisch! Langsam mache ich mir ernsthaft Sorgen. Ungewohnte Hitze belastet den Kreislauf und kann zu Durchblutungsstörungen im Gehirn führen. Man hört dann Dinge, die es gar nicht gibt. Jetzt höre ich’s auch. “Jesus, trag den Müll weg!”
Und während ich versuche, den Textzusammenhang herauszuhören, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Natürlich, es ist eine Anspielung auf eine Szene im apokryphen Kindheitsevangelium des Thomas (dort stehen u.a. ziemlich schlimme Stories über den kleinen Jesus, der andere kleine Jungs tot umfallen lässt etc.). Maria ist es leid, dass sich die Männer wie immer vor der Hausarbeit drücken, und ruft: “Jesus, trag den Müll weg!” Und Jesus … weigert sich! Das göttliche Kind macht einen auf bockig, aber nur, um dadurch um so mehr seine Göttlichkeit zu demonstrieren: Es lässt schnurstracks eine Flut kommen, die den Müll von ganz Nazareth wegspült. Und alle staunen über seine wundersamen Fähigkeiten …

Warum sitze ich auf einmal unter dem Tisch? Von oben kommt die Hand meiner Frau. “Ich glaube, die Sonne war zu viel für dich, mein Lieber.” Sie hält mir ihr Handy vor’s Gesicht. Rihanna, Don’t stop the music.