In Norditalien fiel es mir auf, in Spanien (Andalusien) und jetzt in Portugal ebenso: Die Gesellschaft ist ethnisch gesehen extrem durchmischt. Es gibt Menschen mit schwarzen Haaren, blonden, roten, Menschen mit jeglicher Hautfarbe, alle nebeneinander. Diese verschiedenen Phänotypen sind ein Spiegel der Geschichte: In Spanien und Portugal kamen nach der indigenen Bevölkerung die Phönizier (Karthager) aus Nordafrika bzw. dem Nahen Osten, später die Römer, denen die Westgoten folgten, die wiederum von den Mauren (Arabern) abgelöst wurden.
Migrationshintergrund haben hier, wenn man so will, so gut wie alle. Angesichts dieses Phänomens wirkt es sonderbar, wenn bei uns die extreme Rechte weiterhin über ‘Biodeutschtum’ schwadroniert. Zumal eben gerade Germanenstämme zu den Migranten der Spätantike zählten (West-Goten, Ost-Goten, Sueben, Langobarden, Vandalen etc.).
Das Konzept nationaler Identität auf völkischer Grundlage gehört zu den Ursünden der Menschheit. Denn dieses Konzept geht immer von eigener Überlegenheit aus bzw. Abwertung der anderen Gruppe aus. Und man wird den Gedanken nicht los, “biodeutsch” im rechten Sprachgebrauch sei so etwas wie das neue “arisch”.
Hilfreich wäre hier das römische Konzept, das extrem offen angelegt war. Hatte sich ein Volk erst unterworfen, war es zumindest für seine Eliten möglich, früher oder später das römische Bürgerrecht zu bekommen. Und seit einem Edikt des Kaisers Caracalla 212 n. Chr. waren alle Freien im Reich automatisch römische Staatsbürger. Verlangt wurde lediglich die Zustimmung zur römischen Staatsgewalt und den geltenden Gesetzen. Viele der damaligen Soldatenkaiser waren selbst in entlegenen Provinzen beheimatet, z.B. Philippus Arabs, dessen Abstammung sich in seinem Namen niedergeschlagen hat.
Auf heute übertragen: Menschen, die Deutsche werden wollen, müssen unseren Werten zustimmen, wie sie im Grundgesetz formuliert sind (z.B. Gleichberechtigung von Mann und Frau). Wichtig ist außerdem eine gemeinsame Kommunikation durch eine gemeinsame Sprache. Deshalb ist Spracherwerb konstitutiv für die Erlangung der deutschen Staatsangehörigkeit – anders als im Römischen Reich, wo die Kenntnis des Lateinischen oder Griechischen nicht vorausgesetzt wurde, was angesichts der schieren Größe des Reichs (von Großbritannien bis nach Persien) verständlich war. Nicht konstitutiv hingegen sind eine bestimmte Abstammung, Religion oder sexuelle Orientierung.
Diese riesige Integrationsaufgabe war in vergangenen Zeiten mit wesentlich weniger Mitteln zu stemmen. Heute haben die Bildungseinrichtungen daran den größten Anteil. Aber wann werden sie von der Politik endlich mit den dafür nötigen Mitteln ausgestattet?