Das Ding

Er sah das Ding von der Kloschüssel aus. Zwischen Duschkabine und Mülleimer saß es auf dem Boden. Ein handtellergroßer Körper mit langen, schwarzbepelzten Beinen. Fast wäre ihm ein Schrei entfahren. Wäre seine Frau da gewesen, ihr Schrei hätte die gesamte Nachbarschaft zusammengerufen. Ein Exemplar dieser Größe hatte er weder im Haus noch irgendwo sonst je gesehen. Nur in einer Dokumentation im Fernsehen. Sie seien nicht giftig, hatte es da geheißen, der Biss könne allerdings äußerst schmerzhaft sein. Er konnte die Beißwerkzeuge erkennen und war überzeugt. Die Spinne rührte sich nicht.

Was sollte er tun? Kleinere Exemplare hatte seine Frau schon mal eingesaugt, aber dieses hier passte unmöglich durch den Schlauch des Staubsaugers. Am Ende würde es noch Amok laufen. Oder sich irgendwo verstecken, wo er nicht hinkam, und dann bei nächster Gelegenheit wieder auftauchen. Am besten, wenn seine Frau allein zuhause war. Also was tun? Mit dem Schlappen kräftig zuschlagen? Wer weiß, ob er schnell genug war und die Monsterspinne ihn dann nicht attackieren würde. Außerdem hatte er diese Sauerei schon immer verabscheut.

Ganz langsam erhob er sich und schlich auf Zehenspitzen zur Tür, den Blick ununterbrochen auf die Spinne gerichtet. Sie rührte sich nicht. Erleichtert zog er die Tür hinter sich zu. Nun konnte er in Ruhe überlegen, wie er das Vieh loswurde. Normalerweise stülpte er über Spinnen und ähnliches Getier ein Glas, schob eine Karte darunter und trug sie in den Garten. Doch in diesem Fall hätte das Glas noch nicht einmal den Körper abgedeckt. Er ging in die Küche und holte einen mittelgroßen Topf aus dem Schrank. Damit konnte er sie einfangen. Aber wie wegbringen? Er zog die Schublade mit den Backformen auf. Das dünne, runde Blech, mit dem man einen Kuchen vom Boden der Backform schob, würde es tun. Mit dem Topf in der einen und dem Blech in der anderen Hand ging er zum Bad zurück. Sein Herz klopfte. Was, wenn sie inzwischen direkt hinter der Tür saß?

Lautlos öffnet er die Tür einen Spalt. Sie saß immer noch an Ort und Stelle. Am Ende lebte sie gar nicht mehr. Aber es konnte nicht sein: Er hatte schon oft beobachtet, dass Spinnen im Tod die Beine dicht an den Körper zogen. Er ging hinunter in die Hocke und bewegte sich langsam vorwärts, bereit, jederzeit einen Satz rückwärts zu machen. Seine Brille begann langsam aber sicher die schweißnasse Nase hinabzurutschen. Über der Spinne senkte er den Topf im Zeitlupentempo ab, die letzten Zentimeter dann blitzschnell. Es knallte auf den Fliesen. Keine Geräusche von innen. Entweder war das Tier nicht besonders aktiv oder immun gegen Gefahren. Er hob den Topf an einem der Henkel einen winzigen Spalt an, gerade so weit, dass das Blech darunter passte. Es kratzte auf dem Boden, als es unter dem Topfrand verschwand. Er spürte, wie aus seinen Achseln Schweißtropfen den Körper hinabliefen.

Behutsam hob er Topf und Blech an einer Seite an und schob seine Hand darunter. Die andere drückte den Topf von oben gegen das Blech. Seine Oberschenkelmuskeln zitterten, als er sich in die Höhe drückte. Die Terrassentür öffnete er mit dem Ellbogen. Topf und Blech stellte er auf den Rasen. Dann holte er einen Besenstiel aus der Garage. Aus sicherer Entfernung fuhr er damit unter einen der Henkel und hob den Topf langsam an, bis er umkippte. In diesem Moment merkte er, dass er einen Fehler gemacht hatte: der Topf war so gefallen, dass seine offene Seite von ihm weg zeigte. Er konnte von seiner Position aus nicht sehen, ob die Spinne nun endlich aus ihrer Lethargie erwachte und wohin sie krabbelte. Er würde erst einmal zurück ins Bad gehen und die Klospülung betätigen, was er zuvor im Schreck vergessen hatte.

Erleichtert schloss er die Terrassentür hinter sich. Ein gutes Gefühl, sich wieder unbeschwert in der Wohnung bewegen zu können. Im Bad drückte er auf die Spültaste. Als er sich umdrehte, fiel sein Blick auf den Spalt zwischen Dusche und Mülleimer. Er erstarrte mitten in der Bewegung . Etwas Großes, Schwarzes mit pelzigen Beinen saß da.

An diesem Tag merkte er, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Irgendein Ding hatte sich bei ihm eingenistet.